Banken sieben Kunden aus

Wer ist ein guter, wer ein schlechter Bankkunde? Das werden die Schweizer Finanzinstitute bald vorauseilend entscheiden. Denn die kostspielige Abgeltungssteuer macht einige Kunden unrentabel.

Einige Kunden von Schweizer Finanzinstituten sind wegen drohender Offenlegungspflichten bald in Bedrängnis: Anlageberatung (Archivbild).

Einige Kunden von Schweizer Finanzinstituten sind wegen drohender Offenlegungspflichten bald in Bedrängnis: Anlageberatung (Archivbild). Bild: Keystone

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Wie gut aufgehoben kann sich der ausländische Kunde bei den Schweizer Finanzinstituten noch fühlen? Einige denken laut darüber nach, welche Kundenbeziehungen noch lohnenswert sind und welche nicht. Und auch darüber, die Letzteren gegebenenfalls zu beenden.

Sind die Kunden zu unvermögend oder ist der Kundenkreis aus einem bestimmten Land zu klein, dann rentiert angeblich der Aufwand für die Umsetzung der Abgeltungssteuer nicht mehr. Unentwegt jammert die Finanzbranche über drohende Unkosten, welche die Abgeltungssteuer verursachen würde. Bis zu 500 Millionen Franken sollen es laut der Schweizerischen Bankiersvereinigung (SBVg) sein.

Viele ausländische Kunden könnten deshalb von ihrer Bank sehr bald vor die Tür gesetzt werden, weil die Zahlen nicht mehr stimmen. Bereits Anfang 2013 treten einige Steuerabkommen in Kraft. Dabei steht es «jeder Bank frei, ihre Geschäftsstrategie selbst zu gestalten. Dazu gehört die Konzentration auf Kundengruppen, die Anzahl der Kunden und die Ausrichtung auf bestimmte Geschäftsfelder», sagt Sindy Schmiegel von der SBVg.

Banken auf dünnem Eis

Ausdrücklich bestätigen will die Bereinigung der Kundenstruktur vorerst keines der von Tagesanzeiger.ch/Newsnet befragten Institute. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) etwa kann das «nicht pauschal beantworten». Die Märkte werden individuell betrachtet. «Das kann für bestimmte Kunden bedeuten, dass die Kundenbeziehung nicht fortgesetzt wird», sagt ZKB-Sprecher Thomas Pfenninger. Entscheidend sei aber nicht nur die Vermögenshöhe des Kunden, sondern auch, ob der Kunde aus einem Ländermarkt stamme, der für die Bank strategisch relevant sei.

Die Postfinance wird in den nächsten Wochen mitteilen, wie sie mit den fraglichen Kunden in Zukunft umgehen will. Einstweilen gilt: Für bestehende Kunden werden beide Varianten angeboten, entweder die Offenlegung von Konto und Vermögen oder die Überweisung der Abgeltungssteuer an die jeweiligen Finanzbehörden am Wohnsitz des Kunden. Das Bankgeheimnis bleibt durch Letzteres gewahrt.

Eine Offenlegung durch den Kunden käme die Institute angeblich günstiger. Ob sich weitere Schweizer Banken, wie zum Beispiel auch die Bank Sarasin, jener Kunden bis Jahresende entledigen werden, die diesen Weg nicht gehen wollen? «Wir haben das noch nicht endgültig entschieden», sagt Sarasin-Sprecher Benedikt Gratzl, «gegebenenfalls werden wir entsprechende Vorbereitungen treffen.»

Dringender Handlungsbedarf

Die Zeit für eine Entscheidung drängt. Läuft alles nach Plan, treten wie erwähnt die drei Steuerabkommen mit Deutschland, Grossbritannien und Österreich bereits 2013 in Kraft. Ab diesem Zeitpunkt müssten die Banken auch für die Variante Abgeltungssteuer gerüstet sein, wenn den Kunden noch nicht gekündigt wurde. Allfällige Vorlaufinvestitionen und Verwaltungsvorbereitungen sind dann bereits getätigt. Es läuft also auf folgende Fragen hinaus: Werden diese Kunden ab sofort und bis spätestens Ende Jahr aussortiert? Spart die Bank dann Verwaltungskosten? Oder bietet sie nur noch die Variante Offenlegung an? Wird das Konto andernfalls geschlossen?

Standesvertreterin Sindy Schmiegel springt für die Banken erneut in die Bresche: «Für Banken, die nur einen sehr kleinen Kundenbestand aus einem Land haben, mit dem ein Abkommen geschlossen wurde, ist es nicht sinnvoll, eine aufwendige Lösung für wenige Kunden zu implementieren.» Ideologische Gründe schliesst sie betontermassen aus.

Kehren Kunden zurück?

Zu einer gewissen Unruhe am Finanzplatz wird das aber allemal führen, sagen Marktbeobachter. Kleinere Vermögensverwalter könnten ein Lücke füllen und sich speziell auf die verstossenen Kunden konzentrieren, um diesen eine Lösung anzubieten. Das könne sogar so weit gehen, dass diese Finanzinstitute sich auf Kunden aus spezifischen Regionen und deren Jurisdiktionen beschränken, heisst es.

Oder die Kunden wenden sich an die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse, die Kosten und Mühen für die Umsetzung der Weissgeldstrategie des Bundes nicht scheuen müssen. Sie verfügen über das Geld und die nötigen Strukturen. UBS-Sprecher Dominique Gerster nennt keine Details, nur: «Wir bereiten uns auf die Abgeltungssteuer vor.»

Insider rechnen damit, dass Kunden, die 2009 scharenweise die UBS nach der drohenden Pleite und den staatlichen Auffangaktionen in Richtung Regionalbanken verlassen haben, nun wieder zu den Grossbanken zurückkehren könnten. Eine These, auf die UBS-Sprecher Gerster auch nicht näher eingehen möchte. Die Credit Suisse schweigt völlig.

Dabei geht es um viel Geld: Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group schätzen den drohenden Vermögensabfluss vom Schweizer Finanzplatz bis 2014 auf rund 248 Milliarden Franken.

Erstellt: 07.06.2012, 06:47 Uhr

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