Hintergrund

Banken verdienen an falschen Libor-Zinsen

Ob Rechnungsfehler oder Aufrundungen: Abweichungen gehen immer zulasten der Kunden.

Sind wenigstens diese Zahlen korrekt? Anzeigetafel an der Zürcher Börse.

Sind wenigstens diese Zahlen korrekt? Anzeigetafel an der Zürcher Börse. Bild: Keystone

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Als der Zürcher Geschäftsmann Walter M. (Name geändert) im letzten Dezember vom Libor-Skandal las, verstand er zuerst nur Bahnhof. Dass er selbst kurze Zeit später mit unsauberen Libor-Kalkulationen konfrontiert sein würde, konnte er da noch nicht ahnen. Bei ihm ging es um den Kauf eines Mehrfamilienhauses, mit dem er seine Ersparnisse langfristig und sicher anlegen wollte. Sein Privatinvestment finanzierte er mit einer Festhypothek und einer Libor-Hypothek.

Für die Libor-Finanzierung nahm er das Geld so günstig auf, wie nur möglich – das heisst zu den vorteilhaften Konditionen für kurzfristige Ausleihungen auf dem Geldmarkt. Mit einer Bank einigte er sich auf einen Deal, der für solche Geschäfte alltäglich ist: Es handelt sich um einen sogenannten Roll-over-Kredit, das heisst, die Bank legt den Zins für die Libor-Hypothek über rund 1,2 Millionen Franken jeden Monat neu fest. Massgeblich dafür ist jeweils der 1-Monats-Libor.

Libor steht für London Interbank Offered Rate, den offiziellen, täglich in London publizierten Referenzzins für das Interbankengeschäft. Zu diesem Zins leihen sich Banken gegenseitig Geld aus. Punkto Verwaltungsgebühren kam man im Fallbeispiel überein, eine Marge von 0,8 Prozent dazuzuschlagen.

360 Franken zu viel bezahlt

Doch die Zinsen, welche die Bank dem Kunden in Rechnung stellte, enthielten einen Rechnungsfehler: Offiziell tauchte der 1-Monats-Libor nach Weihnachten unter null Prozent. Addiert man die Marge von 0,8 Prozent, hätte der Zins am ersten Stichtag, am 27. Dezember, höchstens 0,8 Prozent betragen dürfen. Doch das offizielle Dokument mit der Zinsmitteilung lautet auf einen Wert von 0,81 Prozent. Umgerechnet auf die Höhe des Darlehens zahlt der Kunde also jedes Jahr 120 Franken zu viel Zinsen. Setzt man noch den damals negativen Libor-Zins ein, beträgt der Unterschied insgesamt 360 Franken.

Die Bankenaufsicht Finma sagt zum Fall, es sei aufsichtsrechtlich nicht relevant und auch nicht mit dem vergleichbar, was international als Libor-Skandal bekannt wurde: «Die Frage der Zinsfestsetzung ist eine Angelegenheit zwischen Kunden und Banken und muss im Streitfall zivilrechtlich geprüft werden», sagt Finma-Sprecher Tobias Lux.

Die Unterschiede mögen dem Kunden geringfügig erscheinen, doch wenn bei allen Krediten ein bisschen zu viel verrechnet wird, ist der Gesamtschaden beträchtlich.

Kunde reklamierte

Als der Kunde bei der Bank reklamierte, berief sie sich auf Websites mit Finanzinformationen wie zum Beispiel www.yourmoney.ch, ein Gemeinschaftswerk der Kantonalbanken. Dort werden den Kunden und der Öffentlichkeit Börsenkurse und Finanzinformationen zugänglich gemacht. Tatsächlich zeigen einige Stichproben, dass dieses Portal wie auch andere öffentlich zugängliche Quellen wie Cash.ch oder Teletext den 1-Monats-Libor öfters entweder gar nicht oder mit minimer Abweichung publik machen. Viele Privat- und Firmenkunden, Berater, sogar viele Bankmitarbeiter in Filialen oder Immobiliengesellschaften haben die öffentlich und kostenlos zugänglichen Finanzinformationen bisher für verlässlich gehalten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass die publizierten Referenzzinsen, aber auch die von den Banken in Rechnung gestellten Zinsen objektiv falsch sein könnten.

TA-Recherchen zeigen weiter, dass www.yourmoney.ch allein im Januar beim 1-Monats-Libor mindestens dreimal falsch lag. Beispiel 22. Januar: Der richtige 1-Monats-Libor in Franken betrug 0,00000 Prozent (der Zins wird auf fünf Kommastellen genau angegeben). www.yourmoney.ch gab einen Zinssatz von 0,001 Prozent an.

Da die Banken die Zinsen im operativen Geschäft oft noch aufrunden, beim obigen Beispiel von 0,001 auf 0,01 Prozent oder sogar auf 0,05, sind rasch einmal Abweichungen möglich, die sich angesichts der täglichen Verbreitung solcher Transaktionen summieren. Ein Sprecher des Kantonalbankenverbandes VSKB bestätigt die Unstimmigkeiten. Man sei daran, sie in Zusammenarbeit mit dem Datenlieferanten, der SIX Financial Information, zu beheben. Ein Sprecher von SIX gibt die Fehler ebenfalls zu und verspricht eine sorgfältige Abklärung. Der Fall habe «höchste Priorität». Tatsache ist allerdings, dass zumindest der VSKB schon seit September 2011 Kenntnis von der Unzuverlässigkeit des Systems hatte: Schon damals war aufgefallen, dass www.yourmoney.ch negative Libor-Zinsen nicht richtig darstellen konnte. Eine entsprechende Anfrage des «Tages-Anzeigers» beantwortete der VSKB damals so, dass das technische Problem innerhalb einer Woche «abgeklärt» werde.

Kunden unterschätzen Fehler

SIX Financial Information ist ein Geschäftsbereich von SIX, die auch die Schweizer Börse SIX Swiss Exchange betreibt. Ein Sprecher der Börse bestätigt, dass die Firma www.yourmoney.ch Cash.ch, Teletext und viele weitere Medien wie CNN mit Finanzinformationen beliefert. Stefan Mühlemann vom Beratungsunternehmen Pro Ressource – Finanzierungsoptima sagt: «Ich halte die Publikation von inkorrekten Finanzinformationen für ein ernstes Problem.»

Nach seiner Einschätzung unterschätzen Bankkunden die Tragweite von Fehlern: Es komme häufig vor, dass bei Zinsbestätigungen Fehler gemacht würden. Entweder seien es Referenzzinsen, die systematisch zu hoch angesetzt seien, oft auch ganz einfach menschliche Fehler und unsorgfältige Eingaben. «Erstaunlich ist allerdings, dass die Abweichungen nach unserer Erfahrung praktisch immer zuungunsten der Bankkunden ausfallen», so Experte Mühlemann. Für seine Firma und deren Kunden lohne es sich deswegen, Zugang zu den zuverlässigsten Informationssystemen zu haben und konsequent abzugleichen, was Finanzinstitute in den Zinsrechnungen fixieren. Selbst wenn ein Abonnement eines Anbieters wie Bloomberg einen fünfstelligen Betrag pro Jahr koste, sei es das Geld angesichts der Summen, die in diesem Geschäft täglich verschoben werden, ohne Zweifel wert.

Lorenz Heim vom VZ-Vermögenszentrum findet ebenfalls, dass Abweichungen bei wichtigen Referenzzinsen sorgfältig abgeklärt werden müssten: «Wie hoch der Libor effektiv ist und was die Banken intern als Libor betrachten, ist anscheinend zweierlei.» Lorenz Heim machte weiter die Erfahrung, dass manche Banken in ihren Kalkulationen sogar noch einen Schritt weitergehen: Sie entfernen sich ganz vom Referenzzins Libor und stellen den Kunden, ihren eigenen, immer höheren «internen Refinanzierungssatz» in Rechnung. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Banken angesichts des extrem tiefen Zinsniveaus kein Interesse haben, Zinsen bei null oder sogar unter null als Basis für das Kreditgeschäft zu akzeptieren.

Manipulierte Eingaben

Im Libor-Skandal, der von den Behörden in den USA, in Grossbritannien und in der Schweiz bereits untersucht und mit Bussen in Milliardenhöhe geahndet wurde, ging es nicht um die falsche Anwendung von Libor-Zinsen, sondern um manipulierte Eingaben verschiedener Banken wie der UBS. An dem in London ermittelten Libor orientiert sich eine Vielzahl von Krediten und Transaktionen in der Realwirtschaft.

Falls nicht nur das Zustandekommen des Libors unzuverlässig ist, sondern auch die konkrete Anwendung im Kreditgeschäft, sind die volkswirtschaftlichen Folgen noch gravierender. Allein eine Abweichung von 0,01 Prozent macht hochgerechnet auf alle Libor-Hypotheken in der Schweiz – die sich schätzungsweise auf 200 Milliarden Franken belaufen – ungerechtfertigte Zinseinnahmen von rund 20 Millionen Franken pro Jahr aus.

Vorerst noch nicht abschätzbar sind die Folgen für viele gängige Anlageprodukte wie Derivate, Anleihen oder Fonds, deren Renditen direkt an den Libor gekoppelt sind.

Erstellt: 29.01.2013, 06:13 Uhr

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