Bankenkrise erfasst Kerneuropa

Mit der franko-belgischen Grossbank Dexia gerät das erste Finanzinstitut der Euro-Kernzone ins Wanken. Eine «Bad Bank», Staatshilfe und ein Verkauf von Firmenteilen sollen deren Liquiditätsproblem rasch lösen.

Beraten über Staatshilfen für die angeschlagene Grossbank Dexia: Der belgische Finanzminister Didier Reynders, der französische Finanzminister Francois Baroin und die spanische Finanzministerin Elena Salgado (von links).

Beraten über Staatshilfen für die angeschlagene Grossbank Dexia: Der belgische Finanzminister Didier Reynders, der französische Finanzminister Francois Baroin und die spanische Finanzministerin Elena Salgado (von links). Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit der erneuten Herabstufung Italiens hat die Ratingagentur Moody's der strauchelnden Dexia einen Bärendienst erwiesen. Die franko-belgische Bankengruppe ist mit 14,5 Milliarden Euro in italienische Staatsanleihen investiert. Das ist die grösste Position im Anleihenportfolio der Bank – wohlgemerkt grösser als Griechenland.

Noch wird die Ausfallwahrscheinlichkeit der Länder Italien und Spanien vom Markt als vergleichsweise gering bewertet. Im Fall Griechenlands hingegen wird auf den Kapitalmärkten derzeit mit einer Ausfallwahrscheinlichkeit von 70 Prozent gerechnet, bei Portugal und Irland sind es 50 Prozent.

Ein teilweiser Abschreiber griechischer, irischer und portugiesischer Staatspapiere zum jetzigen Zeitpunkt würde der Dexia aber nicht dermassen weh tun, das Institut ist nur mit 7,9 Milliarden Euro in diesen Papieren engagiert. Bei einer teilweisen Zahlungsunfähigkeit der Länder Portugal, Irland und Griechenland wäre der Schaden für Dexia am Ende weniger als fünf Milliarden Euro, schätzt Cor Kluis, Aktienanalyst der Rabobank.

Staatshaftung «glaubwürdig»

Vorläufig müssen sich die Anleger in Dexia-Aktien also keine Sorgen um ihr Geld machen. Die Staaten Frankreich und Belgien haben bereits Garantien ausgesprochen und sind bereit, die Bank zur Not finanziell aufzufangen. «Die Garantien müssen glaubwürdig sein», sagt Kluis, weil die Bank mit einer Bilanzsumme von mehr als 500 Milliarden Euro als systemrelevant einzustufen sei.

Mit einer Finanzspritze von sechs bis sieben Milliarden Euro wäre die Bank seiner Ansicht nach gerettet. Das würde jenem Betrag entsprechen, mit dem Dexia schon im Jahr 2008 unter die Arme gegriffen wurde. Die Ausgangslage war damals ähnlich: Drohende Abschreiber, mangelnde Liquidität und hohe Refinanzierungskosten hatten die Bank belastet.

Krisenmuster wiederholt sich

Auch im Zug der aktuellen Krise will man zu den gleichen Hilfsmitteln greifen wie damals. Die belgische Presseagentur Belga zitiert den belgischen Finanzminister Didier Reynders mit den Worten: «Wir müssen alle gefährlichen Teile aus der Bank herausnehmen.» Von einer «Bad Bank» ist die Rede, die die maroden Finanzanlagen vereinen soll. Das Überleben einer entschlackten Dexia mit den gesunden Wertanlagen könnte so gesichert werden. Auch eine sofortige Kapitalspritze Frankreichs und Belgiens wird verhandelt.

Konkret muss mindestens ein Viertel des Anlagevermögens der Bank herausgeschält werden. Im Anlage-Portfolio von 110 Milliarden Euro befinden sich zu 27 Prozent Anleihen mit einer Laufzeit von 13 Jahren, die mit den schlechten Bonitätsnoten BBB und darunter bewertet sind.

Ausserdem – und das ist derzeit das dringendere Problem – hat die Bank in diesem Jahr und mit heutigem Stand kurzfristige Verbindlichkeiten von insgesamt 96 Milliarden Euro. Davon hat die Europäische Zentralbank im zweiten Quartal dieses Jahres bereits 34 Milliarden übernommen.

Schwache Verhandlungsposition

Um möglichst rasch die anderen 62 Milliarden Euro zu kompensieren, werden derzeit zwei Varianten überlegt: Entweder es werden Assets der Bank verkauft. Marktkenner schätzen den Reinerlös mit rund 20 Milliarden Euro aber als gering ein. Zu schwach sei die Verhandlungsposition der angeschlagenen Dexia bei einem Verkauf von Unternehmensteilen.

Oder die Bank besorgt sich das Geld am Kapitalmarkt, indem es mehr Aktien ausgibt. Dadurch wird aber das Wertpapier der bestehenden Aktionäre weniger wert. «Die Bank und ihre Klienten sind damit beruhigt. Nervös werden dafür die Aktionäre und Steuerzahler», sagt Kluis.

Erstellt: 05.10.2011, 15:27 Uhr

Angeschlagen: Bank Dexia im Pariser Quartier La Défense.

Infobox

Die EU schlägt Alarm: Den Banken geht es schlechter als beim Stresstest im Frühjahr. Seitdem hat sich die Lage an den Finanzmärkten und bei den europäischen Banken verschlechtert, sagte eine Sprecherin der EU-Kommission in Brüssel. «Die unmittelbaren Probleme drehen sich eher um Liquidität als um Zahlungsfähigkeit», so die Sprecherin. Die EU-Kommission wagt es noch nicht, den möglichen Umfang einer Banken-Rekapitalisierung zu beziffern. Es gebe dazu auch noch keine konkreten Pläne der EU, heisst es weiter. Für die angeschlagene belgisch-französische Bank Dexia rief die Kommissionssprecherin die beteiligten Regierungen zu einem koordinierten Vorgehen auf. (fib/sda)

Artikel zum Thema

Banken misstrauen sich gegenseitig und parken mehr Geld bei der EZB

Schuldenkrise Frankfurt Europäische Banken trauen sich untereinander immer weniger über den Weg. Mehr...

Schäuble droht mit dem Staat

Angesichts der drohenden Pleite der Bank Dexia fordert Wolfgang Schäuble stärkere staatliche Eingriffe. Für das angeschlagene belgisch-französische Institut haben die Länder bereits eine Massnahme ergriffen. Mehr...

Dexia soll eine «Bad Bank» bekommen

Schuldenkrise Brüssel Die in Turbulenzen geratene französisch- belgische Bank Dexia soll eine «Bad Bank» bekommen. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...