Beraten statt ausbrennen

Ein Beraterposten als Alternative zum Stress-Job an der Konzernspitze: Das Modell existiert, der Erfolg hält sich in Grenzen.

Norbert Thom: Der emeritierte Professor für Personal und Organisation.

Norbert Thom: Der emeritierte Professor für Personal und Organisation. Bild: Edi Engeler/Keystone

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Es ist eine Aussage, die angesichts der aktuellen Ereignisse noch zu diskutieren geben dürfte: «Die Belastung an der Spitze eines internationalen Unternehmens ist heute so gross, dass kein Mensch das über längere Zeit aushält», sagte Norbert Thom, emeritierter Professor für Personal und Organisation, gestern im Interview mit dem TA. «Die Sitzungen, die Reisetätigkeit, die Rapporte an den Verwaltungsrat, die steigenden Anforderungen der Regulatoren und der Wirtschaftsprüfer – es wird immer mehr, es geht immer schneller.»

Thom ortet einen Ausweg darin, dass man Managern nach einigen Jahren im Stress-Job eine andere Perspektive bietet – etwa in Form eines Beratungsmandats. Der Schweizer Ableger des Industriekonzerns ABB hat das vor genau 20 Jahren eingeführt. An dem Beratungsunternehmen, das heute Consenec heisst, sind mittlerweile auch Alstom und Bombardier beteiligt. Es beschäftigt etwa 30 Berater unter 65 Jahren.

Der Mechanismus ist relativ einfach: Ab einer gewissen Hierarchiestufe werden sämtliche Manager nach ihrem 60. Geburtstag in die Beratungsfirma zwangsversetzt. Dort erhalten sie bis zur ordentlichen Pensionierung ein Basissalär, das rund 40 Prozent ihres letzten Lohns inklusive Bonus entspricht. Hinzu kommen die Einnahmen aus den Projekten, die sie betreuen, bis sie maximal ihr letztes Salär erreicht haben. Arbeiten sie nach 65 weiter, erhalten sie einfach das Geld aus den Mandaten.

Insgesamt erwirtschaftete Consenec 2012 rund 8 Millionen Franken, knapp 90 Prozent davon stammen von Aufträgen der Trägerfirmen. Der Umsatz pro Berater lag bei rund 220 000 Franken pro Jahr. Das Arbeitspensum der ExManager schwankt zwischen anfangs 90 und später 30 Prozent.

Nichts für absolute Top Shots

Gegründet wurde Consenec mit dem Ziel, das Management zu verjüngen und gleichzeitig das Know-how der Kaderleute zu erhalten. Ausserdem sollte den Managern der Umstieg vom Stress-Job in die Pension erleichtert werden. Obwohl das Modell in Lehrbüchern erwähnt wird, hält sich der Zulauf in Grenzen – dabei wäre Consenec für weitere Partner offen. Ein Grund dafür dürften die relativ hohen Kosten sein. SBB und Swisscom verfügen zwar über ähnliche Modelle, allerdings ist der Wechsel in den Beraterpool dort freiwillig.

Der wohl ranghöchste Ex-Manager, der je zu Consenec gewechselt hat, ist Walter Gränicher. Er sass als Präsident von Alstom Schweiz jahrelang in der Konzernleitung des französischen Industriebetriebs. Er schätzt das Programm, weil die Berater grosse Freiheit geniessen. Er hält aber auch fest: «Das Modell ist nicht für die oberste Führungsebene ausgelegt.» Weder was die Aufgaben noch das Salär betreffe. Tatsächlich steht es den Konzernleitungsmitgliedern von ABB, die in Zürich arbeiten, nicht offen. Auf die Frage des TA nach den Gründen reagierte ABB nicht.

Erstellt: 30.08.2013, 13:23 Uhr

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