Interview

«Berggebiete sind keine Heidiwelt»

Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), will das Image der Berggebiete korrigieren. Nötig seien Arbeitsplätze und nicht noch mehr Schutzauflagen.

Laut ihm haben Unter- und Oberländer ein anderes Bild von den Bergen: SAB-Direktor Thomas Egger.

Laut ihm haben Unter- und Oberländer ein anderes Bild von den Bergen: SAB-Direktor Thomas Egger. Bild: Susanne Keller

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Thomas Egger, viele Unterländer fahren jetzt wieder in die Berge in ihre Ferienwohnung, und vor anderthalb Jahren sagten sie trotzdem Ja zur Zweitwohnungsinitiative. Warum?
Thomas Egger: Ich gehe davon aus, die meisten Zweitwohnungsbesitzer sagten Ja, weil sie keine neuen Chalets, welche die Aussicht verderben, vor ihrem Haus haben wollen. Dann mag das schlechte Gewissen zum Siedlungsbrei im Mittelland viele dazu bewogen haben, so sei wenigstens in den Bergen die heile Welt zu erhalten.

Ärgert es Sie, dass die Unterländer den Oberländern nun quasi vor der Sonne stehen?
Es wäre nicht nötig gewesen. Das Problem war auch uns bewusst, und es wurden bereits Massnahmen ergriffen. Der Wandel wäre sanfter vonstatten gegangen, als er es jetzt tut.

Ihnen sagt man nach, Sie seien ein erfolgreicher Lobbyist. Aber das konnten Sie den Leuten im Unterland nicht erklären. Haben Sie versagt?
Leider. Wir müssen uns tatsächlich vorwerfen, dass wir zu lange gewartet und zu spät reagiert haben.

Beton und Häuserhalden sind kein schöner Anblick ...
Das ist es aber weder im Berggebiet noch im Mittelland. Eigentlich ist Zersiedelung vor allem ein Problem zwischen Genf und St.Gallen.

Wie gross ist der Groll im Berggebiet, speziell im Wallis, wo Sie herkommen?
Im Wallis ist der Groll sehr gross. Direkt betroffene Unternehmer verstehen nicht, wieso sie nun die Rechnung bezahlen müssen für etwas, wofür sie eigentlich nichts können. Wir stellen einfach fest, dass die Bilder auseinanderklaffen, wie wir das Berggebiet wahrnehmen und wie es die Unterländer sehen.

Der Tourismus kreiert dieses Bild selber in den Hochglanzprospekten. Sind Sie wirklich erstaunt, wenn Gäste dann auch das haben wollen, was man ihnen verspricht?
Das stimmt. Wir müssen an unserem Image arbeiten. Ich denke, bei der SAB ist mir das gelungen: Sie wird heute nicht mehr als Organisation von Kleinbauern wahrgenommen. Wir diskutieren mit, wenn es um Steuerfragen, um Finanzausgleich oder die Grundversorgung geht. Diesen Wandel muss auch das Berggebiet hinkriegen: Wir sind keine Heidiwelt, sondern Teil der modernen Gesellschaft. Das prägt die Wahrnehmung, und diese übersetzt sich letztlich auch in politische Entscheidungen.

Bei Wolf und Bär verstehen sich Städter und Bergler ebenfalls gar nicht.
Es gibt für mich zwei grosse Mythen in der Schweiz: Der eine ist der Gotthard – mit seinem Strassentunnel –, und der andere sind die Grossraubtiere. Es geht hier nicht um das Tier an sich. Es geht um die Rolle des Berggebiets. Wir sind nicht das Naturreservat der Schweiz. Wir wirtschaften und leben hier.

Also wird es allen Wölfen wie jenem kürzlich im Goms ergehen: Sie werden über kurz oder lang erschossen?
Ich begreife nicht, warum ein Wolf mehr Wert sein soll als 15 Schafe. Der Wolf hat bei uns nichts verloren. Er trägt nichts zur Biodiversität bei.

Er ist Teil der Biodiversität.
Er hat keine Funktion in unserem Ökosystem. Wenn wir Wölfe wollen, können wir die zigtausend Wölfe in Osteuropa schützen.

Die Leute dort werden keine Freude haben an Ihrer Strategie. Das bedeutet über kurz oder lang das Ende der Grossraubtiere.
In der dicht besiedelten Schweiz haben diese Tiere keinen Platz.

Ob Wolf oder Chalet; etwas wird daraus klar: Einheimische und der Gast aus dem Unterland sind kein Dream-Team.
Es ist eine schwierige Kombination. Das ist so. Wir sollten im Tourismus andere Botschaften als den Heidimythos durchbringen. Ich finde die aktuelle Kampagne von Schweiz Tourismus deswegen fehl am Platz. Ich würde gerne ein modernes Bild transportieren. Wir könnten zum Beispiel die Energielandschaft Schweiz mit ihren Stauseen stolzer präsentieren.

Mit braunen Ufern im Sommer.
Wenn die Seen voll sind, gleicht die Farbe des Wassers dem Meer vor der kroatischen Küste. Unsere Berge sind durchlöchert für die Energieproduktion. Wir könnten die Gäste, die eigentlich wissbegierig sind, dort durchführen. Sie wollen nicht nur «snöben» und wandern. Sie wollen etwas erleben und die Region verstehen. Die Energiewende interessiert die Menschen.

Sie finden, unsere Berge könnten noch einige Stauseen mehr vertragen?
Nein. Aber jene, die da sind, sollten wir in Wert setzen: Das, was Wertschöpfung generiert, sollten wir nicht negativ sehen.

Dann braucht es also mehr Industriezonen wie in Visp oder Touristendörfer wie das Swiss Alp Resort in Andermatt?
Im ersten Fall geht es um eine Agglomeration im Berggebiet und im zweiten um ein Touristenresort. Die beiden Sachen kann man nicht direkt vergleichen. Sie machen aber eine Entwicklung deutlich. Die Bevölkerung konzentriert sich in den Tallagen und die Bergdörfer verlieren Einwohner.

Lässt sich die Entsiedelung der Bergtäler stoppen?
Wir können niemanden zwingen, dass er abgelegen wohnt. Wir können nur dazu beitragen, dass er die Chance dazu hat, indem unter anderem die regionalen Zentren mit ihren Arbeitsplätzen gestärkt werden. Würde Visp die Lonza verlieren, würde sich das ganze Oberwallis entvölkern.

Sie als SAB-Direktor machen jemandem in Gadmen also erst gar keine Hoffnung?
Das Vorbild für derartige Regionen ist für mich das Val Lumnezia im Kanton Graubünden. In den 80er-Jahren brach dort die Bauwirtschaft zusammen. Es war eine Katastrophe. Wir rieten, eine Art «Motor» zu schaffen, der mit der lokalen Bevölkerung Projekte generiert und koordiniert.

Das heisst, die Region mit Staatsmitteln zu beatmen?
Nein. Der Koordinator ist selber aus der Region, und die Initiativen kommen auch von dort. Er bündelt die Kräfte in der Region und organisiert die finanziellen Mittel , sei es von privaten Stiftungen, von Bundesprogrammen oder einem anderen Topf, je nach Projekt.

Sie wollen das Berggebiet keinesfalls auf Bergbauern und Tourismus reduziert sehen.
43 Prozent der Erwerbstätigen sind im Industriesektor tätig. Das Berggebiet ist ein funktionaler Raum, zu dem der Talboden dazugehört. Damit das System funktioniert, braucht es auch entsprechende Arbeitsplätze und Infrastrukturen. Wichtig ist, dass die umliegenden Dörfer gut mit dem Verkehr an die Zentren angebunden sind.

Das kostet. Sie stört, dass andere dem Berggebiet den Weg weisen. Letztlich gilt doch: Wer zahlt, befiehlt.
Wir lassen uns nicht gerne auf Subventionsempfänger reduzieren. Wir möchten möglichst viele Arbeitsplätze schaffen, um dann unabhängiger von Ausgleichszahlungen zu werden. Wir brauchen heute nicht noch mehr Schutzauflagen, wir brauchen in erster Linie Arbeitsplätze.

Sie wollen den Trend in die Stadt umdrehen.
Derzeit ziehen die Menschen in die Stadt. Doch dort nimmt der Stress zu: dicht wohnen, im Stau stehen und so weiter. Mit der Revolution in der Telekommunikation bietet sich eine Alternative: das Homeoffice. Man kann in Adelboden oder Gadmen wohnen und arbeiten und von dort aus den Bahnhof von Bern planen.

Das ist doch eine Utopie. Ist das Ihre Vision?
Wir bedauern vor allem, dass auf Bundesebene keine einheitliche Vision existiert. Die Landwirtschaft strebt irgendetwas an, der Tourismus ebenso. Aber koordiniert ist das nicht. Dank einer überwiesenen Motion des vormaligen SAB-Präsidenten und Ständerats Theo Maissen geschieht dies nun. Voraussichtlich im April wird sich der Bundesrat dazu äussern. Wir erwarten ein klares Bekenntnis zur wirtschaftlichen Entwicklung des Berggebiets.

Was schwebt Ihnen vor?
Ein Beispiel: Etliche Personen, die heute in Zürich arbeiten, werden mit dem neuen Gotthard-Basistunnel ins Tessin umziehen, weil dort die Lebensqualität hoch ist. Es reicht, wenn sie drei-, viermal pro Woche in die Stadt pendeln. Auch der Tourismus muss sich neu positionieren. Es darf nicht jeder das gleiche machen. Wir brauchen nicht auch noch den 1001.Themenweg.

Alles scheint sich um Dienstleistungen zu drehen.
Die Entwicklung geht nun mal in diese Richtung. Dort, wo wir aber noch Industrie haben, müssen wir versuchen, Hightechbranchen ins Berggebiet zu holen. Mit dem Micro Center Central-Switzerland hat der Kanton Obwalden genau dies gemacht.

Das funktioniert?
Man holte sogar von jenseits der Grenze Fachleute. Der Finanzkraftindex Obwaldens stieg dank dem von 67 auf 82 Punkte. Heute ist Obwalden weniger vom Finanzausgleich abhängig als früher.

Welche Rolle spielt die Landwirtschaft noch?
Sie macht zwar nur 7 Prozent der Beschäftigten aus, ist aber von enormer Bedeutung für die Bewirtschaftung und Pflege des Kulturlands. Das geht aber nur, wenn die Bauern Produkte anbieten können. Landschaftsgärtner will niemand sein.

Immerhin sind Alpkäse und andere Produkte aus den Bergen hoch im Kurs. Und die aktuelle Agrarpolitik 2014–2017 kommt den Bergbauern entgegen.
Unter dem Strich stimmt das. Wir kämpfen nun dafür, dass die Wertschöpfung auch im Gebiet bleibt. Zwar haben die Detailhändler Linien mit Bergprodukten in den Regalen, verarbeitet werden die Rohstoffe aber oft nicht im Berggebiet.

Zurück zu den Zweitwohnungen. Am 20.Oktober geht die Vernehmlassung zum Gesetz zu Ende. Bereits erwägen die Initianten das Referendum, weil das Gesetz zu stark verwässert worden sei. Damit wird die lähmende Ungewissheit noch länger dauern. Gingen Sie zu weit?
Nein. Wir einigten uns in der Arbeitsgruppe des Bundes mit den Initianten auf diesen Vorschlag. Ich bin überrascht, dass sie nun dennoch das Referendum erwägen. Dabei wollen wir umsetzen, was sie im Kern erreichen wollten: keine weiteren kalten Betten mehr.

Ganze Hotels sollen zu Zweitwohnungen umgenutzt werden können. Das lehnen sogar Berggemeinden ab, weil so bloss das Hotelsterben weitergeht.
Wir können niemanden zwingen, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wenn ein Hotel nach fünfundzwanzig Jahren nachweislich nicht mehr rentabel betrieben werden kann, darf es umgenutzt werden. Das ist doch besser als abreissen?

Ist damit etwas gegen die Hotelkrise getan?
Wir machen seit fünfzig Jahren Massentourismus in der Schweiz und wissen immer noch nicht, wies geht: Zuerst braucht es eine klare Positionierung der Marke. Derzeit herrscht ein riesiges Durcheinander. Lokal müssen unverwechselbare Angebote geschaffen werden wie in Mund. Dort hat in den 90er-Jahren ein Student der Gemeinde geraten, alles auf Safran zu setzen. Heute ist Mund als Safrandorf bekannt.

Und die kleinen Hotels?
Wir brauchen einige neue gehobene Hotels, die als Leuchttürme für eine Region stehen. Kleinere Häuser sollten kooperieren, um ihre Kosten zu senken. In Grächen haben sich beispielsweise acht Hotels zu einer Aktiengesellschaft zusammengeschlossen, die sich nun ihre Aufgaben teilen: Das erste macht den Wäscheservice, das zweite den Empfang, das dritte die Administration, das vierte das Marketing et cetera. Denkbar wäre auch, dass sie dazu externe Zweitwohnungen bewirtschaften. Solche Kooperationen sollen künftig finanziell unterstützt werden können. Das gleisen wir zusammen mit dem Bund gegenwärtig auf.

Existiert überhaupt eine Nachfrage für noch mehr Betten?
In gewissen Regionen schon. Nehmen wir Gadmen. Dort könnte eventuell dank der Umnutzung bestehender Gebäude etwas in Gang gebracht werden, sofern jemand die Initiative ergreift.

Was halten Sie von Lenkungsabgaben, die Ferienwohnungsbesitzer zum Vermieten anhalten sollen?
Das geht meiner Meinung nach nur für neue Wohnungen. Im Fall Silvaplana wird das Bundesgericht bald ein Leiturteil sprechen. Heikel ist zudem die Frage, was mit den Einnahmen geschehen soll. Damit dürften eigentlich nur von Zweitwohnungsbesitzern ungedeckte Kosten beglichen werden. Sonst ist es schlicht Abzocke.

Sie brauchen keine eigene Ferienwohnung. Sie wohnen in den Bergen, allerdings in Visp: Gefällt Ihnen die Aussicht auf die Röhren und Anlagen der Lonza?
In Visp spazieren halt nicht überall Kühe herum, und trotzdem gehört das Dorf als regionales Zentrum zum Berggebiet. Von meiner früheren Wohnung aus sah ich direkt auf die Lonza. Viele würden sagen: hässlich. Ich sehe 3000 Arbeitsplätze.

Dennoch sind Sie Pendler?
Die SAB muss mit der Verwaltung und mit der Politik diskutieren. Darum ist Bern der richtige Arbeitsort für mich. Visp sorgt für meine regionale Verankerung und Identität. Ich schätze das Pendeln zudem, weil ich dabei Zeit zum Vorbereiten von Sitzungen finde und es den Arbeitsalltag vom privaten Umfeld abgrenzt.

Sie sind als Oberwalliser Teil der deutschsprachigen Minderheit in einem französischsprachigen Kanton. Kein Problem?
Wir verlieren politisch immer mehr an Gewicht. Heute wird nur noch einer von sieben Walliser Nationalratssitzen von einer Oberwalliserin gehalten. Für den inneren Zusammenhalt ist das nicht sehr förderlich. Hie und da wird sogar der Ruf nach einem eigenen Kanton laut.

Dann können Sie den Separatisten im Berner Jura nachfühlen?
Absolut, ein rücksichtsvoller Umgang mit Minderheiten muss in einem modernen Staat eine Selbstverständlichkeit sein.

Erstellt: 21.09.2013, 12:50 Uhr

Thomas Egger im Gespräch

Der 46-jährige Cheflobbyist der Bergregionen ist selten in Bergschuhen unterwegs – dafür gerne mit dem Mountainbike.
Thomas Egger, Direktor der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), wirkt aber auch in Anzug und Krawatte authentisch. Dazu mag sein Walliser Dialekt beitragen, der allerdings durch die Jahre im Politalltag Bundesberns etwas abgeschliffen wurde. Im Gespräch trumpft der Geograf und Politwissenschaftler aber immer noch mit Walliser Qualitäten auf: Mit einer Portion Schalk steigt er auch auf provokante Fragen ein und antwortet pointiert. Er redet schnell und ist nie um eine Antwort verlegen, selbst wenn dazu Fakten auch mal handlich zurechtgestutzt werden müssen.

Egger wohnt in Visp, arbeitet in Bern und ist unverheiratet – wenigstens in privater Hinsicht; beruflich, sagt er von sich, sei er quasi mit der SAB liiert. In den bald zwölf Jahren an der Spitze der SAB machte er die Organisation zu einem wichtigen Player in der Politmechanik der Schweiz. Nicht ohne Stolz erwähnt er, in Vernehmlassungen des Bundes werde die SAB neben dem Städte- und Gemeindeverband noch vor den Wirtschaftsverbänden konsultiert. Aktuell ist Egger Mitglied der Arbeitsgruppe des Bundes, die das Umsetzungsgesetz zur Zweitwohnungsinitiative ausgearbeitet hat. Die Vernehmlassung dauert noch bis am 20.Oktober. Für die SAB geht der Gesetzesentwurf grundsätzlich in die richtige Richtung.

Die SAB wurde 1943 in Bern zur Wahrung der Interessen der Bergbauern gegründet. Heute ist die SAB breiter aufgestellt. 23 Kantone gehören ihr an. Neben politischer Arbeit berät sie Bergregionen, koordiniert Freiwilligeneinsätze und vernetzt die hiesigen Berggebiete europaweit.

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