Bierkonzerne erhalten immer mehr lokale Konkurrenz

Seit der Eichhof-Übernahme hat sich der Boom der lokalen Biere verstärkt.

In der Zürcher Kleinbrauerei Turbinenbräu werden Flaschen abgefüllt.

In der Zürcher Kleinbrauerei Turbinenbräu werden Flaschen abgefüllt. Bild: Keystone

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Das Keineken-Bier, 2009 in Engelberg aus Protest gegen die Übernahme der Luzerner Brauerei Eichhof durch den Giganten Heineken kreiert, gibt es zwar nicht mehr. Der drittgrösste Brauer der Welt klagte und liess das Bier beschlagnahmen. Die Klage wurde gutgeheissen und das Bier freigegeben. Nun lanciert ein Verein auf den 1. August das Bier neu als Engelberger Klosterbräu.

Hergestellt wird es in der Brauerei Luzern. Auch diese wurde gegründet als Reaktion auf den Eichhof-Verkauf. «Da ging für mich ein Stück Luzerner Identität verloren», sagt David Schurtenberger. Mit Stefan Süess hat er am 11. Juni, exakt zum Start der Fussball-WM, das neue Luzerner Bier lanciert. Der Start ist geglückt: «Wir werden förmlich überrannt», sagt Schurtenberger. «Was wir abfüllen, wird uns praktisch aus den Händen gerissen.» Die Kapazitäten für das unfiltrierte Bier sind durch die Tanks für die sechswöchige Lagerung beschränkt, können aber ausgebaut werden. Der Detailhändler Coop, der stark auf regionale Biere setzt, hätte die Marke gerne ins Sortiment aufgenommen, doch die Kleinbrauerei winkte vorerst ab. Das sei kein Nein für immer, aber im Vordergrund stünden derzeit die 22 Gastrobetriebe und 11 Getränke- und Detailhändler. Gebraut wird das Luzerner Bier vom deutschen Braumeister Udo Remagen, der bereits am Aufbau der Basler Kleinbrauerei Unser Bier beteiligt war.

Vom Kapuzinerpater gesegnet

Vor gut einem Monat wurde im Kanton Uri das erste Fass Stiär Biär angestochen. Das Bier mit dem Uri-Stier im Logo wird zwar schon seit 2005 in Handarbeit in der Bäckerei Herger in Attinghausen hergestellt, doch weil die Nachfrage stieg und stieg, gründete man im Herbst 2008 – im Jahr der Eichhof-Übernahme – eine AG und begab sich auf Kapitalsuche für eine Kleinbrauerei. Diese wurde am grossen Eröffnungsfest Mitte Mai von Pater Anton Rotzetter eingesegnet. Rotzetter ist ein ausgewiesener Experte für franziskanische und biblisch geprägte Spiritualität und war letzter Guardian des Kapuzinerklosters Altdorf.

Auch ennet dem Gotthard, in Faido in der Leventina, braut man seit letztem Jahr sein eigenes Bier. Im Moment wird Birra Gottardo zwar noch in der Brauerei Rosengarten in Einsiedeln hergestellt, doch das Projekt zum Bau einer Kleinbrauerei im Tessin besteht. Was noch fehlt, ist eine Bank, die mitmacht und die Aktionäre unterstützt. «Der Verkauf läuft aber gut», sagt Luciano Cammarata, einer der zwei Initianten. In 20 Restaurants wird Birra Gottardo gezapft, 15 Läden bieten es an – von der Metzgerei in Lumino bis zur Inter Comestibles 87 in Zürich, der lokale und regionale Spezialitäten am Herzen liegen.

Man will nicht überall erhältlich sein

Dass Lokales gefragt ist, beweist das Stadtzürcher Turbinenbräu seit 13 Jahren. «Wir wachsen immer noch 10 Prozent pro Jahr und sind für Wirte im Offenausschank günstiger als die grossen Marken», sagt Geschäftsführer Adrien Weber. Coop habe mehrmals angeklopft, doch ohne Erfolg. «Um die Stärke der Marke zu bewahren, wollen wir nicht überall erhältlich sein.»

Exakt den umgekehrten Weg ging die Brauerei Locher mit ihrem Quöllfrisch. 15 Jahre nach der Lancierung ist es bei Coop, Spar, Migrolino, Pam oder Rio genauso erhältlich wie auf den Flügen der Swiss. Die Appenzeller waren die Ersten, die vor gut 10 Jahren voll auf Braugetreide aus der Schweiz setzten; heute beziehen sie die Rohstoffe bei 25 Bauern. Und sie sind europaweit die Ersten, die ihr Bier vollständig klimakompensiert verkaufen – ohne Aufschlag. Die rund 100'000 Franken Mehrkosten im Jahr gehen auf Kosten der Marge. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2010, 23:11 Uhr

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