Hintergrund

Billig-Langstreckenflüge: Kann das gut gehen?

Eine Genfer Airline will für unter 100 Franken Flüge über den Atlantik anbieten. Ein abenteuerliches Unternehmen, sagt ein Luftfahrtexperte. Immer diese «Wildwest»-Unternehmer, so ein anderer.

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Julian Cook, der Gründer der Genfer Airline Baboo, plant eine Billigairline namens Fly A (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Mit einer Flotte von drei Airbus A330 und rund 200 Mitarbeitenden will er Mitte 2013 an den Start gehen. Es sind Strecken ab Paris und London nach New York, Boston, Montreal oder auch Miami geplant. «Gewisse Interkontinentalflüge» könnten laut Cook für unter 100 Franken angeboten werden.

Eine Billig-Langstrecke – geht da die Rechnung auf? «Die Idee ist zum Scheitern verurteilt», sagt der österreichische Luftfahrtexperte Kurt Hofmann gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er zweifle stark daran, zum einen wegen der Betriebskosten, die deutlich höher sind als auf der Kurz- und Mittelstrecke: «Man denke etwa an die stark gestiegenen Treibstoffpreise, aber auch diverse Gebühren und die Übernachtungskosten für das Personal.»

Zum anderen herrsche unter den Airlines bereits heute ein harter Konkurrenzkampf auf den Nordatlantik-Routen, so Hofmann. Ab London beispielsweise wimmle es vor lauter Spezialangeboten nach Nordamerika. «Darum stellt sich die Frage, ob es einen weiteren Player braucht.» Laut dem Aviatikexperten herrschen schwierige Rahmenbedingungen, und das Geschäftsmodell sei riskant.

«Eines der schlechtesten Geschäfte, die man machen kann»

Für Jürgen Pieper vom deutschen Finanzberater Metzler tönt Cooks Idee zwar verlockend. Doch der Kenner des Luftfahrtgeschäfts glaubt «ehrlich gesagt nicht daran», wie er auf Anfrage sagt. Vor allem auf den bei Geschäftsleuten beliebten Nordatlantik-Routen hätten es Billigairlines schwierig. Denn hier wünschten die Gäste mehr Komfort und seien deshalb öfters bereit, zusätzliches Geld dafür auszugeben. Erschwerend für eine Billigairline seien zudem fehlende Umsteigeverbindungen sowie die wenigen Umbuchungsmöglichkeiten, die es bei nur einem täglichen Flug an eine Langstrecken-Destination gebe. Von den Wartungs- und anderen Kosten ganz zu schweigen.

Pieper stellt immer wieder fest, dass Unternehmerpersönlichkeiten «im Wildweststil» versuchen, ins Langstrecken-Business einzusteigen, und dann scheitern. «Es ist mir ein Rätsel, warum sie das anzieht. Es ist eines der schlechtesten Geschäfte, die man machen kann.»

Teurer Langstreckenbetrieb

Dass das Konzept der Billig-Langstrecke nicht aufgehe, so Kurt Hofmann, zeige etwa das Beispiel von Air Asia: Die in Malaysia stationierte Airline bediente ab 2009 die Strecke Kuala Lumpur–London mit einem Airbus A340. Im März 2012 zog sie sich vom Europageschäft zurück. Begründet wurde dies mit der wirtschaftlichen Unsicherheit, steigenden Spritpreisen und Gebühren sowie mit der schwachen Nachfrage aus Europa.

Gar nicht ins Langstrecken-Business eingestiegen ist Ryanair. Obwohl der irische Low-Cost-Carrier vor einigen Jahren ankündigte, dort zu starten, ist bis heute nichts passiert. Warum? Wie Kurt Hofmann sagt, sind es Kostengründe. «Doch man befasst sich bei der Airline immer wieder mit dem Thema.» Ist es also möglich, dass Ryanair eines Tages Langstrecken bedienen wird? Hofmann hält dies nur dann für möglich, wenn man sich bei der Airline absolut sicher ist, dass das Vorhaben funktioniert. Angesprochen auf die geplante Billigairline von Julian Cook meint Hofmann: «Ich glaube nicht, dass Fly A in die Luft gehen wird. Und wenn doch, frage ich mich, wie lange sie sich halten wird.»

Für nicht mehr zeitgemäss hält Swiss-CEO Harry Hohmeister die Billigflieger. Angesprochen auf die hohen Betriebskosten wie etwa die Treibstoffpreise sagte er gegenüber der Zeitung «Sonntag» am 3. Juni: «Wenn man sich die Quartalsberichte der Low-Cost-Konkurrenten wie Easyjet und Ryanair anschaut, darf man heute sagen, dass das Modell Low Cost nicht mehr wirklich funktioniert.»

Konzept ist nicht ganz chancenlos

Chancenlos ist das Konzept eines Langstrecken-Billigfliegers trotzdem nicht: Laut Kurt Hofmann liebäugelt Air Asia damit, einst mit einem Airbus A350-1000 die Europa-Langstrecke wieder aufzunehmen. Die dichte Bestuhlung und der verhältnismässig tiefe Treibstoffverbrauch könnten für ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis sorgen. Angesichts dieser Kriterien schliesst der Aviatikexperte nicht ganz aus, dass ein Langstrecken-Billigbetrieb machbar wäre.

Ob Cooks Rechnung mit den geplanten A330 aufgeht, wird sich weisen. Zurzeit ist er auf der Suche nach Investoren, um in den kommenden zwölf Monaten 190 Millionen Franken aufzutreiben. Nach eigenen Angaben ist er bereits mit Investoren aus der Low-Cost-Branche im Gespräch.

Erstellt: 04.06.2012, 16:22 Uhr

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