Hintergrund

Bis 40 Prozent Preisdifferenz beim Tanken von Erdgas

Nicht nur beim Benzin, sondern auch beim Erdgas sind die Preisunterschiede an Schweizer Tankstellen enorm. Auch wenn Erdgas günstiger ist als Benzin, stösst die Preispolitik auf Kritik.

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Wenn einer eine Autoreise tut, muss er Treibstoff tanken – und kann dafür stark unterschiedliche Preise bezahlen. Wie beim Benzin (wir berichteten) stossen Autofahrer auch beim Erdgas auf enorme Preisdifferenzen an Schweizer Tankstellen. So kostet das Kilo Erdgas – der Preis wird in Kilogramm berechnet – an der A-4-Raststätte Knonaueramt in Affoltern am Albis 1.64 Franken. Für dieselbe Menge berappt man an den drei Winterthurer Erdgas-Tankstellen 2.30 Franken. Das sind 40 Prozent mehr als an ersterem Bezugsort.

Als Hauptfaktoren für ihre Preisgestaltung nennen die Betreiberinnen der erwähnten Tankstellen die Infrastruktur und die Fixkosten. In Winterthur etwa wirken sie sich zu zwei Dritteln aus, der eigentliche Treibstoff zu einem Drittel. «Die Investitionen in Infrastruktur und Fixkosten sind je nach Tankstelle sehr unterschiedlich», sagt Maddalena Pellegrino von Stadtwerk Winterthur, der Betreiberin Erdgas-Tankstellen in der Eulachstadt. Sowohl dort als auch in Affoltern hat man einen langfristig kostendeckenden Betrieb zum Ziel. Laut Pellegrino spielt es zudem eine Rolle, ob und wie stark der Treibstoff Erdgas von den Betreiberinnen quersubventioniert wird. In Winterthur ist dies nicht der Fall.

Robert Watts, der Mediensprecher der Wasserwerke Zug (WWZ), Betreiberin der Tankstelle in Affoltern, macht folgende Faktoren für den Erdgaspreis verantwortlich:

  • Die Tarife für Erdgas-Tanken werden über ein längeres Mittel kalkuliert. Konkret: Wenn die Energie- und Wassertarife – meist einmal jährlich – überarbeitet werden, überprüft man auch die Tarife für den Treibstoff Erdgas. So deckt sich dessen Preis nicht immer mit demjenigen des Benzins.
  • Finanzielle Anreize für die Kunden, um auf Erdgasfahrzeuge zu setzen – zumal der Treibstoff auch von einer Reduktion der Mineralölsteuer profitiert. Einer der finanziellen Anreize besteht etwa in einem Förderbeitrag der WWZ: Beim Kauf eines neuen Erdgasfahrzeuges erhalten Kunden im WWZ-Versorgungsgebiet den Treibstoff für die ersten rund 2000 Kilometer geschenkt. Der Gegenwert beträgt 250 Franken.
  • Laut Watts sind die Preisunterschiede bei den verschiedenen Tankstellen auch auf die Biogasanteile bei den einzelnen Erdgasversorgern zurückzuführen.

«In der Schweiz herrscht kein Wettbewerb beim Erdgas»

Nicht nur die Preisdifferenzen zwischen den Schweizer Tankstellen werfen Fragen auf, sondern auch die Preishöhe an sich. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt, dass die Schweiz einmal mehr eine Hochpreisinsel ist: Das Kilo Erdgas kostet an Tankstellen in Österreich, Deutschland und Italien zwischen 0.79 und 1.10 Euro (0.96 bis 1.33 Franken) und in Frankreich um die 1.26 Euro (1.52 Franken). «Die Schweizer Preise sind viel zu hoch, auch wenn hier Erdgas im Vergleich zu Benzin günstiger ist», kritisiert Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Zum Vergleich: Würde man den Affolter Kilopreis für Erdgas in Benzin umrechnen, entspräche das laut WWZ-Sprecher Watts 1.12 Franken pro Liter.» Ein Kilogramm Erdgas beinhaltet laut der Website Erdgasfahren.ch etwa gleich viel Energie wie 1,5 Liter Benzin und etwas mehr als 1,3 Liter Diesel.

Die für den Gasimport zuständige Swissgas beschafft das Erdgas aus dem Ausland; dies im Auftrag von vier regionalen Verteilgesellschaften. Diese geben es an die lokalen Gasversorger weiter – «zu überhöhten Preisen», wie Stalder sagt. Weil hierzulande kein Wettbewerb beim Erdgas herrsche, müssten die Schweizer Konsumenten eine «Monopolrente» beim Produkt bezahlen. Die lokalen Gasversorgungsunternehmen haben laut Stalder keine Möglichkeit, die vorgegebenen Preise zu umgehen und direkt günstigeres Erdgas aus dem Ausland zu beziehen. Der Markt muss geöffnet werden, und dies ist nur mit einer Gesetzesrevision möglich», so die Konsumentenschützerin.

Ein kleiner Player im europäischen Erdgasmarkt

Bei Erdgas, dem Verband der Schweizerischen Gasindustrie, hingegen tönt es anders: «Wenn einer der rund 100 Schweizer Gasversorger direkt aus dem Ausland Erdgas beziehen würde, käme ihn das viel teurer zu stehen als via eine der vier Regionalgesellschaften», erklärt Mediensprecher Daniel Bächtold auf Anfrage. Dies, weil die Menge für einen einzelnen Versorger viel zu klein sei. Laut Bächtold ist die Schweiz ein sehr kleiner Player im europäischen Erdgasmarkt und verbraucht weniger als ein Prozent des Bedarfs in Europa. Dies entspreche etwa dem Bedarf der Region Hamburg.

Auf die Frage, warum die Preise für Erdgas in der Schweiz deutlich höher sind als im Ausland, verweist Bächtold auf «kleine Bezugsmengen, beigemischtes Biogas und Kostenstrukturen». Zu den grossen Preisdifferenzen zwischen Schweizer Erdgastankstellen erklärt er, dass jeder Versorger frei sei in der Preisgestaltung. «Wir haben keinerlei Einfluss darauf und dürfen auch keine Preisempfehlungen abgeben.»

Erstellt: 12.10.2012, 10:38 Uhr

Erdgas bei Motorfahrzeugen


  • Aktuell sind rund 5,5 Millionen Motorfahrzeuge in der Schweiz immatrikuliert. Laut Erdgas Schweiz werden davon zwischen 11'000 und 12'000 mit Erdgas betrieben. Dies entspricht einem Anteil von rund 0,2 Prozent.

  • Das Tankstellennetz in der Schweiz umfasst heute mehr als 130 Stationen.

  • 75 Prozent des in die Schweiz importierten Erdgases stammen aus Europa

  • An Schweizer Tankstellen werden rund 10 Prozent Biogas beigefügt. Dieses stammt aus Abfällen und wird in der Schweiz produziert.

  • Der CO2-Ausstoss des Fahrzeugs wird um rund 40 Prozent reduziert.

  • Es werden 60 bis 95 Prozent weniger Schadstoffe ausgestossen, und der Partikelanteil ist bei null.

  • Diverse Kantone bieten Steuervorteile auf Erdgasfahrzeugen.

  • Diverse Versicherungen bieten Sonderkonditionen für Erdgasfahrzeuge.

  • Erdgasfahrzeuge sind zurzeit von Opel, Fiat, Ford, Mercedes-Benz und Volkswagen erhältlich.

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