Blaue Briefe bei der Zurich-Versicherung

Der Konzern strafft die zentralen Dienste und streicht 300 Stellen.

Die ruhige Kulisse der Zurich am Mythenquai in Zürich trügt, hinter den Mauern herrscht Nervosität. Foto: Doris Fanconi

Die ruhige Kulisse der Zurich am Mythenquai in Zürich trügt, hinter den Mauern herrscht Nervosität. Foto: Doris Fanconi

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Die oberen Kader der Zurich Insurance Group haben seit Montag die Betroffenen über ihr Schicksal orientiert. Viele der Gekündigten sind bereits nicht mehr im Büro, darunter auch langjährige ­Zurich-Angestellte. Den Auftrag zur Gruppenentlassung hatte Konzernchef Mario Greco erteilt. Er verlangte, dass bis Ende August kommuniziert werde, welche Kaderleute und Mitarbeiter keinen Platz mehr im neuen Zurich-Organigramm hätten.

Es war die erste einschneidende Operation von Greco, der im März das Ruder beim Versicherungskonzern übernommen hatte. Zuvor hatte der frühere Berater bei McKinsey die italienische Generali saniert.

Rasch gerieten die rund 2200 Stellen in seinen Fokus, die die Zurich-Gruppe länderübergreifend unterhält, um zentrale Funktionen zu erfüllen. Dabei handelt es sich um klassische Aufgaben wie Marketing, Informatik, Personaldienste, Risiko, Controlling und vieles mehr. In den einzelnen Länderorganisationen wie jener in der Schweiz sind hingegen die Frontaufgaben angesiedelt, also das eigentliche Versicherungsgeschäft mit den Kunden. In der Zurich Schweiz gab es nur wenige Entlassungen.

Zürich am stärksten betroffen

Laut Insidern im Zurich-Konzernsitz am Mythenquai in Zürich fallen rund 300 der erwähnten 2200 Konzernstellen dem Rotstift zum Opfer. Das sind weniger als die 380 bis 700 Stellen, die in den Medien zuletzt genannt wurden. Die 300 Jobs entsprechen den knapp 15 Prozent, welche die Zurich bereits im Februar als Grössenordnung für ihren weltweiten Personalabbau bekannt gegeben hatte. Damals war von global 8000 Jobs die Rede, welche abgebaut würden.

Am stärksten betroffen von der Verschlankung im Konzern ist der Hauptstandort Zürich, wo der Versicherungsmulti seinen offiziellen Sitz unterhält. Dort und in weiteren Gebäuden verteilt in der Limmatstadt arbeiten heute noch gut 1300 Mitarbeiter für die Gruppe. Weitere rund 900 Gruppenjobs sind bei der Zurich über den ganzen Globus verteilt: viele in England, aber auch in Amerika, Australien und Hongkong. Die insgesamt 2200 Angestellten setzen sich aus Kadern, aber auch aus Spezialisten ohne Führungsaufgabe zusammen.

Mario Grecos Strategie

Wer in den letzten Tagen nicht entlassen wurde, erfährt heute Donnerstag in zahlreichen sogenannten Town-halls, wer für welche Aufgabe in der neuen Firmenstruktur zuständig sein wird. Town­halls sind Grossveranstaltungen in Konferenzsälen, zu denen viele Mitarbeiter über Video und Telefon dazugeschaltet werden. Danach geht es darum, die neue ­Zurich schnell in Gang zu bringen. Bereits am 17. November, also in weniger als drei Monaten, will Konzernchef Greco den entscheidenden Schritt offenlegen: seine zukünftige Strategie für den gebeutelten Konzern.

Die letzten Wochen waren für die ­Zurich-Angestellten hart. Sie wussten, dass Ende Sommer die Weichen für oder gegen sie gestellt würden. Anfang Juni hatte Konzernchef Greco die neue Organisation für die ganze Gruppe offen­gelegt. Kernpunkt war die Zusammenführung der zentralen Aufgaben für die beiden bisher getrennten Divisionen Sachversicherung und Lebengeschäft. Ziel der Zusammenlegung ist es, die ­Abläufe zu vereinfachen und fitter zu werden. Die Zurich, so der Befund des neuen Chefs, war eine zu komplexe ­Organisation geworden. Schlanker werden, um sich wieder mehr dem Kunden anzunehmen, lautete Grecos Aufruf an die Belegschaft.

Eine Milliarde einsparen

Ausgehend davon mussten sich die damals bestimmten Führungsleute an die Umsetzung machen. Ihr Job war es, Grecos frisch gezeichnetes Organisationsschema mit Leben zu füllen. Wer behält seinen Job, wer nicht, welche Aufgaben gibt es neu, wer kommt dafür infrage? – so lautete die Fragestellung des Projekts, das trotz seiner Bedeutung für Hunderte von Angestellten für einmal keinen Namen erhalten hatte.

Wegweiser war die im Mai 2015 von Grecos Vorgänger Martin Senn beschlossene Vorgabe, bis 2018 eine Milliarde Dollar einzusparen. Laut Zurich-Sprecherin Sylvia Gäumann ging der Konzern systematisch vor. «Jede Gruppenfunktion hat in den vergangenen Wochen ihr Betriebsmodell vor dem Hintergrund der neuen Gruppenstruktur analysiert sowie ihr Mandat und die dafür benötigte Anzahl Stellen definiert», erklärt Gäumann. Die Zurich führte also eine klassische Jobanalyse durch. Auf dem Prüfstand landete jede einzelne Funktion: Noch nötig oder nicht? So lautete die für die Betroffenen brutale Frage.

Wer den blauen Brief erhält, fällt unter einen Sozialplan. Dieser beinhaltet laut Gäumann neben anderem «die Unterstützung bei der Stellensuche durch ein externes Outplacement-­unternehmen sowie eine verlängerte Kündigungsfrist, während der die Mitarbeitenden in der Regel baldmöglichst freigestellt werden». Sie werden also in den bezahlten Zwangsurlaub geschickt. Dessen Dauer hänge «vom Alter beziehungsweise Dienstalter ab».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2016, 21:59 Uhr

Hat den Auftrag zur Gruppenentlassung erteilt: Konzernchef Mario Greco.

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