Hintergrund

Bleiben Sie daheim!

Zu Hause arbeiten statt im Büro? Mit dem Home Office Day am Donnerstag wollen Firmen mehr Flexibilität fördern – auch die SBB, die auf eine Entlastung der Pendlerströme hoffen.

Ein optimales Umfeld? Experten raten Heimarbeitern, sich für die Arbeitszeiten daheim eine ungestörte Nische zu schaffen.

Ein optimales Umfeld? Experten raten Heimarbeitern, sich für die Arbeitszeiten daheim eine ungestörte Nische zu schaffen. Bild: Keystone

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Heimarbeit als Vorteil für alle Beteiligten: Mit dieser Argumentation gingen die Befürworter von flexibleren Arbeitsformen am Montag an die Öffentlichkeit. Neben grossen Unternehmen wie Microsoft Schweiz, Swisscom und den SBB äusserten sich auch Wissenschaftler und Politiker zu den Möglichkeiten von Heimarbeit. Fazit: Für manche Berufe und Branchen könnte sich dies auszahlen – unter bestimmten Bedingungen.

Weniger Ärger, weniger Krankmeldungen

Ständiges Pendeln ist nicht nur eine gefühlte Belastung von berufstätigen Menschen, sondern auch nachweislich. Eine Studie der Universität von New York förderte schon im Jahr 2002 zutage, dass sich bei vielen Arbeitnehmern, die regelmässig pendeln, erhöhte Werte des «Stresshormons» Cortisol feststellen lassen. Und eine Untersuchung an der Universität Princeton von 2003 zeigte, dass unter den täglichen Aktivitäten vieler Menschen das Pendeln diejenige war, die sie am unglücklichsten machte.

Handkehrum zeigen Studien, dass Heimarbeit klare Vorteile bringen kann, wie Oliver Gassmann, Direktor des Instituts für Technologiemanagement der Universität St. Gallen, in einem Beitrag schrieb. Im Gesamtbild zeigt sich laut dem Wissenschaftler, dass Mitarbeiter seltener krank gemeldet sind, wenn man ihnen statt der fünf Tage im Büro mehr Freiheiten bei der Wahl des Arbeitsplatzes zugesteht. Die Häufigkeit von Burn-outs, die oft eine lange Behandlung nötig machen, sinke sogar von 48 auf 5 Prozent.

Nicht für alle Branchen gut geeignet

Die Umsetzung hat in der Praxis allerdings ihre Grenzen: Derzeit ist sie meist auf Büroarbeitskräfte beschränkt, etwa bei Microsoft Schweiz oder den SBB, wo 7400 Mitarbeitende einen virtuellen Arbeitsplatz haben. «Ein guter Teil von ihnen nutzt diese Möglichkeit auch», sagt Pressesprecher Daniel Bach gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, «allerdings in unterschiedlichem Umfang».

Zudem gilt bei den SBB eine Richtlinie für die Planung von Konferenzen und Sitzungen: Falls Teilnehmer dazu anreisen müssten, sollen sie nicht vor 10 Uhr am Morgen stattfinden, damit die Hauptverkehrsströme gemieden werden.

Das wirtschaftliche Potenzial beziffert

Laut dem St. Galler Forscher Gassmann könnte ein Home Office Day mit den daraus resultierenden Folgen auch die Produktivität in der Schweiz positiv beeinflussen. Bei rund 45'000 potenziellen Teilnehmern ergebe sich für die Gesamtschweiz ein jährliches Wachstumspotenzial von 2 bis 5 Prozent, schrieb er in seinem Beitrag.

Zunächst dürften für Arbeitgeber allerdings auch Kosten anfallen. Zum Beispiel bei der Unterstützung der Mitarbeiter dabei, sich daheim einen Arbeitsplatz einzurichten und ihn mit dem Betrieb zu vernetzen. Auch der Aufwand für die Organisation und Einführung solcher Arbeitsformen dürfte zunächst mit einem grösseren Aufwand an Zeit und finanziellen Mitteln verbunden sein.

Hoffnung auf Entlastung im Pendlerverkehr

Wer einen oder mehrere Tage pro Woche nicht mit dem Auto zur Arbeit fährt, verzichtet darauf, die Staus vor den Schweizer Metropolen zu verlängern. Doch auch gesamthaft betrachtet, könnte mehr Heimarbeit den öffentlichen Verkehr zu den Stosszeiten entlasten. Laut den SBB, die den Home Office Day unterstützen, liessen sich in ihrem System mehrere Hundert Millionen Franken pro Jahr einsparen – falls es gelänge, die Zahl der Pendler am Morgen und am Abend um 5 bis 10 Prozent zu senken.

Ein Grossteil der möglichen Einsparungen wäre laut den SBB möglich, weil man so manche Ausbauprojekte wegen des Pendlerverkehrs zumindest aufschieben könnte. Ein Kilometer neue Doppelspurstrecke kostet das Unternehmen nach eigenen Angaben zwischen 20 und 50 Millionen Franken und ein Kilometer Doppelspurtunnel zwischen 60 und 120 Millionen.

Gute Erfahrungen – und Grenzen der Heimarbeit

Mit Heimarbeit haben zahlreiche Berufstätige gute Erfahrungen gemacht – und auch Unternehmen, die einen Versuch mit neuen Arbeitsformen wagen. Allerdings sollten dabei Regeln gelten. Fachleute empfehlen, neue Vereinbarungen für die Arbeit zu treffen – zum Beispiel über die Art, wie die Arbeitszeit gegenüber dem Arbeitgeber nachzuweisen ist.

Zudem hat sich gezeigt, dass der Eigenverantwortung des Arbeitnehmers eine grössere Bedeutung zukommt. Professor Hartmut Schulze, Leiter des Instituts Kooperationsforschung und -entwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, weist darauf hin, dass der gängige Führungsstil nach dem Motto «anordnen und kontrollieren» dann nicht mehr unbedingt funktioniere.

Für die Heimarbeit gibt es natürlich auch Grenzen, weil der direkte Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen ein notwendiger Teil von erfolgreicher Arbeit ist. Als Faustregel hat sich laut Schulze bei der Verteilung von mobiler Arbeit und Präsenz im Büro ein Verhältnis von circa 60 zu 40 Prozent bewährt.

UMFRAGE:
Würden Sie sich in Ihrem Beruf die Gelegenheit wünschen, zum Teil daheim zu arbeiten?
Haben Sie bereits Erfahrungen mit Heimarbeit gemacht?
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Erstellt: 16.05.2011, 13:06 Uhr

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Zur Veranstaltung

Um die Idee der Heimarbeit populärer zu machen, wurde im vergangenen Jahr erstmals der «Home Office Day» veranstaltet – unter der Trägerschaft von Swisscom, Microsoft Schweiz und Organisationen wie dem WWF, Economiesuisse und Pro Familia. An der Veranstaltung können auch Firmen und Personen teilnehmen – unter anderem mit dem Ziel, durch Verzicht auf den Arbeitsweg einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

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