Bombardier hat jetzt auch Ärger in Deutschland

Die Deutsche Bahn nimmt keine neuen Züge mehr ab. Gleichzeitig verhandelt der Hersteller immer noch mit den SBB wegen deren «Pannenzug».

Bombardiers Schweizer Modell, der FV-Dosto, machte lange Zeit Kummer. Nun sieht sich der Hersteller im Plan – Jahre nach der geplanten Einführung des Zugs. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Bombardiers Schweizer Modell, der FV-Dosto, machte lange Zeit Kummer. Nun sieht sich der Hersteller im Plan – Jahre nach der geplanten Einführung des Zugs. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Die Deutsche Bahn greift durch und verweigert die Abnahme von neuen Zügen aus dem Hause Bombardier. Dies berichtete die «Süddeutsche Zeitung». Hintergrund sind Softwareprobleme. Über Probleme mit Bombardier-Rollmaterial der Deutschen Bahn hat im vergangenen Jahr auch die «SonntagsZeitung» berichtet.

Der betroffene Zug hat einen auch in der Schweiz durchaus bekannten Cousin: Bombardier nennt diesen Fahrzeugtyp Twindexx. Auch der Problemzug FV-Dosto der SBB gehört zu diesem Typ. Allerdings haben die Züge bis auf den Namen wenig miteinander zu tun. So besteht etwa der betroffene Zug mit der Bezeichnung IC2 aus Doppelstockwagen und Lokomotive, die FV-Dosto der SBB sind sogenannte Triebzüge, bei der keine Lokomotive vorgespannt ist.

Die Züge seien aufgrund von anderen Anforderungen im Betrieb denn auch nicht eins zu eins miteinander zu vergleichen, sagt ein Bombardier-Sprecher. «Mit den getroffenen Massnahmen konnten wir beim SBB-FV-Dosto die technischen Störungen um rund 85 Prozent reduzieren und sind damit auf Kurs mit unserem Optimierungsprogramm.»

6600 Kilometer zwischen zwei Störungen

Unterschiedlich entwickelt sich die Ablieferung der beiden Züge. Während die Deutsche Bahn nun die Reissleine gezogen hat, sieht es bei den SBB und ihren Doppelstöckern nach Jahren der Probleme und Verspätungen besser aus. Das zeigt sich in der Tatsache, dass die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge im vergangenen Jahr gesteigert werden konnte.

Die SBB wiesen im November für die Züge eine durchschnittlich zurückgelegte Distanz zwischen zwei Störungen von 6600 Kilometern aus. Anfang 2019 lag dieser Wert noch bei unter 2000 Kilometern. Im Dezember ging er allerdings wieder zurück. Bombardier gibt als Grund den Fahrplanwechsel an, seit dem mehr Züge des Typs im Einsatz sind. Im Januar hätten sich die Werte im Vergleich zu den Dezemberzahlen «positiv entwickelt», heisst es beim Hersteller.

Die SBB besitzen inzwischen 27 Kompositionen, bestellt sind 62.

Wie die Deutsche Bahn haben übrigens auch die SBB ihrerseits für eine Zeit lang die Abnahme von weiteren Zügen blockiert: Weil sie mit der Leistung der Fahrzeuge nicht zufrieden waren, haben sie im vergangenen Frühjahr keine Züge mehr übernommen.

Mittlerweile sind die SBB im Besitz von 27 Kompositionen, bestellt sind 62. Diese sollen nach und nach geliefert werden, bis sie im Jahr 2021 alle in Betrieb sein sollen. Laut Bombardier würden diese Woche zwei weitere Züge der SBB übergeben, zwölf befinden sich in Produktion, im Inbetriebsetzungs- oder im Abnahmeprozess.

Bussen würden hart treffen

Die Deutsche Bahn prüft offenbar auch, ob man Bombardier finanziell für die Probleme mit den IC2 haftbar machen will. Für den kanadischen Hersteller würden allfällige Zahlungen die momentane Baisse noch verstärken. Seit Jahren steckt der Flugzeug- und Zugbauer in Problemen. Erst kürzlich gab der Konzern eine Gewinnwarnung bekannt.

Eine Möglichkeit, aus dem Tief zu finden, ist der Verkauf oder die Fusion von Firmensparten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters will man bei den Kanadiern im Zuggeschäft mit anderen Herstellern fusionieren. So seien Insidern zufolge Gespräche mit dem französischen Konzern Alstom oder den Japanern von Hitachi geführt worden. Bombardier kommentiert dies auf Anfrage nicht.

Eine Fusion zwischen den Bombardier-Konkurrenten Siemens und Alstom ist im vergangenen Jahr gescheitert, weil die EU-Kommission den Deal verhinderte. Bombardier, Alstom und Siemens spüren den Atem des chinesischen Herstellers CRRC im Nacken. Dieser hat in Europa zwar noch nicht endgültig Fuss gefasst, zeigt aber seit Jahren Interesse. Ein Einstieg der Chinesen könnte die Kräfteverhältnisse im wichtigen europäischen Markt schnell verändern.

Auch in der Schweiz ist zu erwarten, dass die verspätete Lieferung der Doppelstöcker finanzielle Folgen nach sich ziehen wird. Vincent Ducrot, neuer Chef der Bundesbahnen, hofft, dass die Gespräche dazu bis zu seinem Amtsantritt im April abgeschlossen sein werden, wie er in einem Interview sagte. Bombardier und SBB geben zum aktuellen Stand der Verhandlungen keine Stellungnahme ab.

Erstellt: 29.01.2020, 13:50 Uhr

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