Brady Dougan und der Bankenfänger von Washington

Der Credit-Suisse-Chef muss morgen in der US-Hauptstadt vor Kongressabgeordneten antraben. Dabei trifft er auf Carl Levin, den Senator, der die Finanzindustrie besonders hart angeht.

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Keiner hat die Missbräuche der Finanzbranche tiefer untersucht und schärfer angeprangert als der demokratische Senator aus Michigan, Carl Levin. Im April des vergangenen Jahres kündigte der 78-Jährige an, nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren zu wollen. Zeit für einen weiteren Wahlkampf bleibe ihm nicht, sagt er, die verbleibende Zeit wolle er voll seinem Kampf gegen Steuerschlupflöcher widmen. Die nächste Runde in diesem Kampf findet am nächsten Mittwoch statt, wenn Credit Suisse Chef Brady Dougan vor dem ständigen Unterausschuss des Senats in Steuerfragen aussagen muss, dessen Leiter Carl Levin ist.

Zusammen mit seinem Chefjuristen Romeo Cerutti und den beiden Chefs des Privatbankgeschäfts, Hans-Ulrich Meister und Robert Shafir wird sich Dougan zur Rolle der Credit Suisse bei der Steuerhinterziehung von amerikanischen Kunden der Bank äussern müssen. Dabeit triff er auf einen sehr erfahrenen Gegenspieler. Seit über 30 Jahren engagiert sich Levin im Kampf gegen Steuerhinterziehung. In Dutzenden von Anhörungen hat er die Missbräuche durch Offshore-Gesellschaften, die Mittäterschaft der Grossbanken und die fatale Rolle der überfordert-willfährigen staatlichen Aufsichtsorgane ausgebreitet.

«Das Rückgrat stärken»

Seine Erfahrungen als Chef des ständigen Untersuchungsausschusses im Senat fasste er im vergangenen Jahr in einem Bericht zusammen. Darin listet er zehn weitverbreitete Offshore-Missbräuche auf, die weit über das hinausgehen, was die aktuellen Befunde des Konsortiums zeigen. Levins Fazit: Amerikanische Firmen verstecken mit ihren Offshore-Methoden bis zu 1700 Milliarden Dollar vor dem Fiskus.

Die Missetäter sieht der Senator nicht nur bei den Wallstreet-Häusern wie J. P. Morgan oder Auslandbanken wie der Credit Suisse oder der UBS. Letzterer wollte Levin bereits vor fünf Jahren die Bankenlizenz entziehen. Prominente Konzerne wie Microsoft, Cisco, Google, Apple und HP kommen bei ihm besonders schlecht weg. Ihnen wirft Levin vor, mit missbräuchlichen Transfer- und Kreditzahlungen ihre ins Ausland verschobenen Gewinne vor dem US-Fiskus zurückzuhalten, obwohl sie die Mittel gleichzeitig laufend für Investitionen in den USA nutzen. Google, Apple und Microsoft allein würden auf diese Weise fast 80 Milliarden Dollar Steuern umgehen, schreibt Levin. Gelingt es, solche Offshore-Gelder der US-Firmen angemessen zu besteuern, könnte das defizitäre Budget um mehr 100 Milliarden Dollar entlastet werden.

In früheren Jahren schon war es Levin zu verdanken, dass betrügerische Aktivitäten von Goldman Sachs und Washington Mutual im Umfeld der Hypothekenkrise bekannt wurden. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um strafrechtliche Sanktionen, wie er beteuert. Ziel der Ermittlungen sei es, den Aufsichtsorganen «das Rückgrat zu stärken»; ihnen zu zeigen, wie Banken Gesetzeslücken missbrauchen und der Offshore-Industrie zu dienen. Deshalb lädt er meist nicht die Topbanker zu Hearings vor, sondern Kaderleute auf unterer Stufe.

«Freundlicher Schuhmacher»

Seine lange politische Erfahrung und seine grosse Unabhängigkeit kommen Levin zugute. Er wuchs in Detroit auf und betätigte sich als Taxifahrer und Autoarbeiter, bevor er ein Rechtsstudium begann und sich als Anwalt für soziale Anliegen engagierte. Seit er 1979 in den Senat einzog, befasste er sich zur Hauptsache mit Finanz- und Rüstungsfragen. Das Magazin «Time» setzte ihn auf die Liste der zehn besten Senatoren des Landes. Sein Mitarbeiterstab gilt als der beste und gründlichste in Finanzfragen. Keiner kommt besser vorbereitet an die Sitzungen als Levin. Der Mann mit der Ausstrahlung «des freundlichen alten Schuhmachers» (Jon Stewart) ist leicht zu unterschätzen. Aber bis zu seinem Rücktritt wird mit ihm noch immer zu rechnen sein.


*Dieser Artikel basiert auf einem bereits vor einem Jahr im Tages-Anzeiger erschienenen Artikel.

Erstellt: 25.02.2014, 10:20 Uhr

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