Brasiliens Stolz, Brasiliens Elend

Der Erdölkonzern Petrobras ist das grösste Unternehmen Lateinamerikas. Seine Vergangenheit ist glorios und seine Zukunft könnte ebenso sein – wäre da nicht ein gigantischer Korruptionsskandal.

Präsidentin Dilma Rousseff (Mitte, hinter der Brasilien-Fahne) zu Besuch auf einer Petrobras-Plattform. Foto: Roberto Stuckert Filho

Präsidentin Dilma Rousseff (Mitte, hinter der Brasilien-Fahne) zu Besuch auf einer Petrobras-Plattform. Foto: Roberto Stuckert Filho

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Petrobras ist mehr als eine Firma, das Unternehmen ist ein nationaler Mythos. Es ist die flatternde Fahne des industrialisierten Brasiliens, es ist der zur Aktiengesellschaft gewordene Beweis, dass ein südamerikanisches Unternehmen an die Weltspitze vordringen und sich dort behaupten kann.

«Petrobras ist Brasilien, und Brasilien ist Petrobras», sagte der ehemalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Der Erdölkonzern hat für Brasilien eine ähnliche Bedeutung wie einst die Swissair für die Schweiz, und gegenwärtig geht die Befürchtung um, er könnte ähnlich enden. Spricht ein brasilianischer Politiker, eine Journalistin, ein Historiker oder eine Ökonomin von Petrobras, dauert es keine drei Sätze, ehe der erste Super­lativ fällt. Im Moment sind es freilich vor allem Superlative mit negativer Konnotation. «Der Petrobras-Skandal wird Brasilien für immer verändern», sagte kürzlich Präsidentin Dilma Rousseff, womit sie meinte: Sie werde derart rücksichtslos gegen korrupte Manager und Politiker durchgreifen, dass sich diese künftig verhalten würden wie Küken im Angesicht eines hungrigen Grizzlybären.

«Das ist der tiefste Korruptionssumpf in der brasilianischen Geschichte», schreiben die Journalisten, und einige mutmassen sogar, die jüngst entdeckten Vorgänge könnten zu einem Impeachmentverfahren gegen Präsidentin Rousseff führen.

«Das Erdöl gehört uns»

Um zu verstehen, weshalb Petróleo Brasileiro S.A. – so der offizielle Name des Konzerns – Brasilien derart mit Stolz erfüllt, gleichzeitig aber auch Öffentlichkeit, Regierung, Institutionen, Justiz und Parteien derart durchschütteln kann wie gerade jetzt, muss man sich Grösse und Geschichte des Unter­nehmens vergegenwärtigen.

Petrobras hat 81 000 Mitarbeiter und ist in 25 Ländern aktiv. In Brasilien ist es bezüglich Umsatz und Nettogewinn die Nummer eins, in Lateinamerika bezüglich Umsatz. Petrobras fördert Erdöl und Erdgas, es betreibt Raffinerien und Tankstellen, es ist führend bei Bohrungen in tiefen Gewässern. Zählt man die Tätigkeit seiner Zulieferer mit, generiert der Konzern laut der britischen Zeitschrift «The Economist» 10 Prozent des brasilianischen Bruttoinlandproduktes, welches wiederum das siebtgrösste der Welt ist.

Von den zehn grössten zwischen 2000 und 2010 entdeckten Erdölfeldern liegen sieben in Brasilien. Dank des 800 Kilometer langen, sich vor der südlichen Atlantikküste ausstreckenden gigantischen Erdöl- und Erdgasvorkommens Pré-Sal könnte Brasilien nach Aussage der internationalen Energieagentur ­binnen zweier Jahrzehnte zum weltweit sechstwichtigsten Erdölproduzenten aufsteigen.

Stärker noch als Grösse und Zukunftspotenzial prägt den Petrobras-Mythos, dass das Unternehmen ein Symbol ist für Brasiliens Widerstand gegen die kolonialistische Anmassung ausländischer Grosskonzerne, besonders solche aus den USA und England. «Sieben Schwestern» nannte man Mitte des vergangenen Jahrhunderts die weltbeherrschenden Erdölgiganten – fünf von ihnen stammten aus den USA. In Brasilien forderte eine Volksbewegung unter dem Schlachtruf «O petróleo é nosso!» («Das Erdöl gehört uns») die Verstaatlichung der Energieressourcen.

Durch die Gründung von Petrobras im Jahre 1953 erfüllte Präsident Getúlio Vargas, der das Land während insgesamt 18 Jahren in autoritär-populistisch-nationalistischem Stil regierte, den Volkswunsch. 1997 öffnete Regierungschef Fernando Henrique Cardoso den Konzern für in- und ausländische Privat­investoren, ohne jedoch die staatliche Kontrolle abzutreten. Lange galt Petrobras deshalb als Beispiel für die geglückte Balance zwischen Kapitalismus und Sozialismus: an der Börse kotiert und Jahr für Jahr Milliardengewinne abwerfend, die aber zumindest teilweise der Allgemeinheit zugutekamen, etwa in Form von Sozialprogrammen. Im Dezember 2000 kündigte das Management an, den Konzern in Petrobrax umzu­taufen, weil dies origineller sei, kosmopolitischer wirke und Ausländern, insbesondere Amerikanern, die Aussprache erleichtere. Belegschaft und Bevölkerung protestierten dermassen vehement gegen das landesverräterische ­Ansinnen, dass die Verantwortlichen zurück­buch­stabierten.

Ehe wir auf Petrobras’ Niedergang zu sprechen kommen, unternehmen wir einen Gang durch seine Trophäen­galerie: Zwischen Mai 1997 und Juni 2007 steigen die Petrobras-Aktien um 1200 Prozent. 2008 wählt eine spanische Expertengruppe Petrobras zum umweltfreundlichsten Erdölkonzern der Welt, ein Jahr später kürt es das «Reputation Institute» zur Firma mit dem viertbesten Ansehen. 2010 streicht das Unternehmen bei der grössten weltweit je durchgeführten Kapitalerhöhung 70 Milliarden Dollar ein. 2011 ist es laut der Forbes-Liste börsenkotierter Unternehmen der achtgrösste Konzern der Welt – vor Walmart, Gazprom, Citigroup oder AT&T. «Gott ist Brasilianer», heisst es in Brasilien. Nun schien es, als wäre er auch Aktionär von Petrobras.

Aussergewöhnlich für die Erdölindustrie ist, dass Petrobras seit 2012 von einer Frau geführt wird. Die 60-jährige Maria das Graças Foster hat eine Biografie, wie sie die Brasilianer lieben, weil alle von einem solchen Aufstieg träumen und ihn nur wenige schaffen.

Aufgewachsen ist Graças Foster in der Favela Complexo do Alemão in Rio de Janeiro. Als Achtjährige suchte sie auf Abfallhalden Glas und Altpapier, um sich Schulmaterial zu kaufen. In einem Interview deutete sie an, häusliche Gewalt erlitten zu haben. Dank Fleiss, Ehrgeiz, Hartnäckigkeit wurde sie Chemie- und Nuklearingenieurin. 1978 begann sie bei Petrobras als Praktikantin, später arbeitete Graças Foster auf einer Erdöl­plattform.

Drei Sterne auf dem Unterarm

Laut John Forman, einem früheren Direk­tor der brasilianischen Ölagentur, «gibt es Leute, die tragen das Petrobras-Logo auf ihrem Overall. Dann ziehen sie ihn aus und man sieht das Petrobras-Logo auf ihrem Shirt. Dann ziehen sie auch das Shirt aus und man sieht das Logo auf ihre Brust tätowiert. Graças Foster gehört zu diesen Leuten.» Das scheint eine Männerfantasie, denn die einzige bekannte Tätowierung der Petro­bras-Chefin sind drei Sterne auf dem Unterarm.

Graças Foster fährt Motorrad, verehrt die Beatles und besitzt ein enzyklopädisches Wissen über das Energiegeschäft. Die schneidende Härte, mit der sie sich im chauvinistischen Brasilien und innerhalb der männerbündlerischen Erdöl­industrie gegen Männer durchsetzt, wird gleichermassen bewundert wie gefürchtet.

Eiserne Loyalität zeigt Graças Foster gegenüber Präsidentin Dilma Rousseff, weshalb sie Spötter «Öl-Dilma» oder «Dilma der Dilma» nennen. Das ist fatal, begann doch der Abstieg von Petrobras genau damit, dass die Regierung unter dem damaligen Präsidenten Lula und der damaligen Energieministerin Rousseff die Waage zwischen unter­nehmerischer Freiheit und staatlicher Mitbestimmung immer mehr zugunsten Letzterer senkte.

Bei der Förderung des Pré-Sal-Vorkommens wurden einheimische Partner und Zulieferer gegenüber ausländischen bevorzugt: Tanker, Plattformen, Gerätschaften waren und sind in Brasilien zu kaufen, was zwar die lokale Industrie fördert und brasilianische Arbeitsplätze schützt, aber internationale Investoren abschreckt. Vor allem verzögert und verteuert Rousseffs Protektionismus die technologisch ohnehin schwierige Bergung des Reichtums.

Um die Inflation zu dämpfen und die Bevölkerung bei Laune zu halten, zwang die Regierung Petrobras, Benzin unter Marktwert zu verkaufen. Allein vergangenes Jahr musste das Unternehmen deshalb Treibstoff für 8 Milliarden ­Dollar importieren, um ihn an den Tankstellen verbilligt abzugeben.

Seit dem Höchststand seiner Aktien Ende 2009 hat Petrobras über 70 Prozent seines Marktwertes eingebüsst. Das einzige Ranking, in dem es heute noch einen Spitzenplatz belegt, ist jenes der höchstverschuldeten Unternehmen. Laut der Beratungsagentur The Brand Ticker ist nur der Markenwert des russischen Unternehmens Gazprom schlechter. Die Veröffentlichung der jüngsten Quartalszahlen wurde verschoben, was Investoren befürchten lässt, Petrobras könnte Mühe bekommen, einen Teil ­seiner Verbindlichkeiten zu bedienen.

Was wussten Lula und Rousseff?

Und nun auch noch dieser Korruptions­skandal: geschätzte 4 Milliarden Dollar, umgeleitet auf Konten von Politikern, Unternehmern und Managern. Direktionsmitglieder von Petrobras, denen Baukonzerne Millionen bezahlen, um Aufträge zu erhalten. Eine Raffinerie in der Stadt Recife, die zehnmal teurer wurde als budgetiert. Feste Quoten, die bei jedem von Petrobras abgeschlossenen Vertrag den Parteien zuflossen, vor allem der regierenden Arbeiterpartei PT, aber auch der Opposition. Ausserdem: Preisabsprachen, Schwarzkonten, Geldwäscherei, illegal finanzierte Wahlkämpfe.

13 Firmenchefs wurden bisher festgenommen und sitzen in einem Gefängnis in der Stadt Curitiba – zum Erstaunen der Öffentlichkeit zu zweit in normalen Zellen. Ihre Kleider waschen sie selber, einmal täglich dürfen sie auf den Gefängnishof. Andere Unternehmer sitzen in Hausarrest, gegen Dutzende weitere ermittelt die Staatsanwaltschaft. Von den zehn grössten Baufirmen des Landes sind nur zwei unbeteiligt am Petrobras-Skandal, was Experten befürchten lässt, wichtige staatliche Infrastrukturprojekte könnten sich verzögern oder scheitern.

Der Anwalt eines Angeklagten sagt: «Wer kein Schmiergeld bezahlte, erhielt keine Aufträge. Und wer behauptet, nichts davon gewusst zu haben, kennt die Geschichte dieses Landes nicht.» Die entscheidenden Fragen, die nachtschwarze Schatten über die 2003 be­gonnene Regierungszeit des PT werfen, sind: Haben Lula und Nachfolgerin Rousseff von dem Korruptionssumpf gewusst oder sich daran selber die Hände schmutzig gemacht? Ist die energische Graças Foster involviert?

Rousseff verteidigt sich, indem sie darauf hinweist, noch nie sei eine Regierung so rigoros gegen Korrupte und Korrumpierende vorgegangen wie ihre. Weil sie mildere Strafen erwarten, haben sich einige Verhaftete nicht bloss schuldig bekannt, sondern sie sind auch bereit, weitere Beteiligte zu nennen. Niemand weiss, wie das alles enden wird. Niemand kann abschätzen, wen die niedergehende Lawine noch mit­reissen wird.

Petrobras hat Grosses erreicht. Doch sein glänzendes Zukunftspotenzial ist gefährdet, durch Fehler und Stümpereien von Management und Regierung, durch die kriminelle Energie, die Geldgier, die Arroganz seiner Führung und die filzige Komplizenschaft seiner Geschäfts­partner. Wie sagte doch Lula? ­Petrobras ist Brasilien. Und Brasilien ist Petrobras.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2014, 19:28 Uhr

Maria das Graças Foster, Petrobras-Chefin

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