Carchauffeure dringend gesucht

Hohe Anforderungen, unregelmässige Arbeitszeiten und magerer Verdienst: Die Busunternehmen haben zunehmend Mühe, Chauffeure zu finden.

Nur gut fahren – das war einmal. Heute sollten Reisebusfahrer auch kommunikate und gebildete Dienstleister sein. Foto: zvg

Nur gut fahren – das war einmal. Heute sollten Reisebusfahrer auch kommunikate und gebildete Dienstleister sein. Foto: zvg

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Carreisen sind in der Schweiz beliebt. In den letzten zwölf Jahren stiegen die Passagierzahlen um rund 34 Prozent auf 31 Millionen. Doch es gibt ein Problem. Den etwa 500 Reisecarunternehmen hierzulande gehen zunehmend die Chauffeure aus. «Das ist ein grosses Problem der Branche», so Stefan Huwyler, Bereichsleiter beim Schweizerischen Nutzfahrzeugverband Astag.

Nur jeder Zehnte geeignet

«Unser Aufwand, geeignete Schweizer Chauffeure zu finden, hat in den letzten Jahren stark zugenommen», sagt Patrick Nussbaumer, Geschäftsführer der Eurobus Welti Furrer AG. Der Aargauer Reiseveranstalter ist der grösste Carreiseanbieter der Schweiz und beschäftigt im Geschäftsbereich Tourismus 50 Chauffeure in Vollzeit. «Kam früher jeder dritte Bewerber infrage, ist es heute vielleicht jeder zehnte», so Nussbaumer. Die Anforderungen seien gestiegen. Zwar besässen viele den erforderlichen Führerausweis der Kategorie D, doch als Carchauffeur müsse man kommunikativ sein, über gute Umgangsformen und eine gewisse Bildung verfügen.

«Die Reisenden sind heute viel besser informiert als früher», sagt Nussbaumer. «Von den Chauffeuren wird erwartet, dass sie immer mehr harte Fakten liefern und nicht nur unterhalten.» Das sei nicht jedem gegeben. Qualifizierte Fahrer aber haben auch woanders Chancen. «Sie verfügen über Eigenschaften, die in anderen Branchen ebenfalls gefragt sind», sagt Heinrich Marti, Geschäftsführer der Ernst Marti AG in Kallnach. Ähnliche Schwierigkeiten wie Patrick Nussbaumer, auf Inserate hin passende Fahrer zu finden, erlebt auch Patrik Dysli, der mit seinen Brüdern in Bern die K. Dysli AG Reisen und Transporte mit zehn Reisecars und sieben fest angestellten Chauffeuren führt. Seiner Meinung nach trägt die 2003 geänderte Gesetzgebung ebenfalls zu den Schwierigkeiten bei, gute Leute zu finden. «Früher musste man drei Jahre Camion gefahren sein, bevor man die Carprüfung ablegen konnte», sagt Dysli. Dementsprechend seien die Chauffeure mit Grossfahrzeugen vertraut gewesen.

Heute dagegen könne jeder ab 21 Jahren die Carprüfung ablegen und glaube, fahren zu können. «Wir haben zweimal solche Fahrer eingestellt, die aus ganz anderen Berufen kamen. Das Experiment ist zweimal gescheitert», sagt Dysli. Spätestens als die frisch eingestellten Carfahrer erstmals mit Leuten an Bord unterwegs gewesen seien, sei ihnen die grosse Verantwortung bewusst geworden. «Damit waren sie völlig überfordert und warfen rasch das Handtuch», so Dysli.

Ältere Fahrer geben auf

In einer Branche, in der viel mit Aushilfskräften gearbeitet wird, schreckt auch die Pflicht zur periodischen Weiterbildung ab. Seit 2009 müssen Carchauffeure innerhalb von fünf Jahren fünf Tage Weiterbildung nachweisen. Die Aushilfen müssen sie oft selbst bezahlen. «Das wollen sich erfahrene Chauffeure, auf die wir angewiesen sind, kurz vor der Pensionierung oft nicht mehr antun. Lieber hören sie früher auf», sagt Dysli, der für seine Leute die Kosten übernimmt. Die Carprüfung, die die Chauffeure meist selbst finanzierten, sei schon teuer genug, finden er und andere Unternehmer. So müssen Neueinsteiger meist mehr als 10'000 Franken hinblättern, bis sie schliesslich den Führerausweis in Händen halten.

Selbst wer bereits den Ausweis der Kategorie C für Camions besitzt, muss in der Regel noch ein paar Tausend Franken berappen. Dazu verlangen die Strassenverkehrsämter mancher Kantone von den Chauffeuren regelmässige Arztkontrollen. «Das ist eine gute Sache, doch diese Ausgaben gehen neben den Weiterbildungskosten vom Verdienst ab», sagt David Piras, Generalsekretär des Chauffeurberufsverbands Routiers Suisses. Das trage weiter dazu bei, dass gerade ältere Aushilfschauffeure, die das Rückgrat vieler Carunternehmen bilden, lieber den Fahrausweis abgäben, als sich den bereits geringen Verdienst weiter schmälern zu lassen.

150 Franken für viel Arbeit

Eine Berufslehre für Carchauffeure gibt es nicht. Das ist für Branchenkenner ein Grund, warum es an jungen Kräften fehlt. Laut David Piras machen neben den unregelmässigen Arbeitszeiten vor allem auch die tiefen Löhne die Tätigkeit für den Nachwuchs unattraktiv. «Billigfluganbieter oder die zunehmende Attraktivität der Bahn – die Branche ist unter Druck», so Piras. Das spiegle sich in den Löhnen. Ein Tag mit dem Reisecar sei oft lang und von den Fahrern werde viel Flexibilität verlangt. «Da muss man den Job schon sehr lieben, um pro Tag für 150 bis 200 Franken plus Trinkgeld zu arbeiten», sagt Piras. Das sei die Realität in vielen Unternehmen punkto Entlöhnung von Aushilfen. Camionchauffeure verdienten zum Vergleich im Schnitt 300 Franken pro Tag.

Auch das Gehalt fest angestellter Carfahrer ist nicht üppig. «Es liegt im Schnitt zwischen 4500 und 4700 Franken pro Monat», so Piras. «Wer gerne fährt, wird lieber Camionchauffeur oder arbeitet im öffentlichen Verkehr.» Trotz des Mangels sind ausländische Bewerber nur bedingt eine Alternative. Bei Eurobus müssen Chauffeure mindestens Mundart verstehen. «Unsere Kunden erwarten, dass sie mit den Fahrern so sprechen können, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist», sagt Patrick Nussbaumer. Noch höher sind die Anforderungen bei Engeloch-Reisen in Riggisberg. «Wir haben im Moment noch genügend Kräfte. Kandidaten aus dem Ausland sind aber auch künftig keine Option», sagt Mitinhaberin Marlis Engeloch. Die Kundschaft schätze es, wenn die Fahrer Mundart sprächen, sei es Berndeutsch, umso besser. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.10.2014, 14:00 Uhr

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