Chefsessel der Finanzbranche sind fest in Männerhand

Frauen will man nicht im Topmanagement, oder sie wollen selber nicht dorthin. Einige Beispiele aus Schweizer Unternehmen.

Mindestens das Problembewusstsein ist bei der Zurich vorhanden. Foto: Bloomberg

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Donnerstagabend am Hauptsitz der ­Baloise-Versicherungsgruppe. Der Konzernleitung wird die Frage nach Frauen in den Führungsgremien gestellt. Was folgt ist beredte Ratlosigkeit. Selbstverständlich würde man es begrüssen, mehr Frauen in Toppositionen zu haben. Man fördere jüngere Frauen. Nur dauere es eben lange, bis sie oben ankämen. Und man habe, sagt Konzernchef Martin Strobel, unlängst eine Frau in eine Chefposition befördern wollen. Sie habe aber abgelehnt.

Kein Manager, der sich dem Thema gegenüber nicht aufgeschlossen zeigt. Nur Lösungsansätze vermag keiner zu präsentieren. Und das seit Jahren. Bei der Baloise sitzen im neunköpfigen Verwaltungsrat zwei Frauen (22,2%). Die Konzernleitung besteht aus sechs Männern (Frauenanteil: 0%). Im Organigramm der Versicherungsgruppe sind 31 Kaderstellen aufgeführt. Eine einzige ist von einer Frau besetzt (3,2 %).

Frauenanteil oft 0%

Die Baloise ist kein Sonderfall. In der Konzernleitung des Lebensversicherers Swiss Life zeigt sich das gleiche Bild: Sechs Männer (Frauenanteil: 0%). Auch bei der Helvetia sind es sechs Männer (0% Frauen). Beim Rückversicherer Swiss Re sind es zwölf Männer (0%). In der erweiterten Konzernleitung sitzen 25 Männer und zwei Frauen (7,4%). Unter den grossen Versicherern heben sich nur die Zurich und die genossenschaftlich organisierte Mobiliar leicht ab. Bei der Zurich sind von zwölf Konzernleitungsmitgliedern zwei Frauen (16,6%). Bei der Mobiliar sind es von neun Mitgliedern deren zwei (22,2%).

Wer vermutet, dass es bei den Banken ebenso aussieht, liegt absolut richtig. Die Konzernleitungen von UBS und Julius Bär sind reine Männerwelten. Die Credit Suisse zählt eine einsame Frau. Angesichts dessen ist man versucht, die eine oder andere Was-wäre-wenn-Frage zu stellen. Was wäre mit Libor-, Devisenkurs- und Aktienkursmanipulationen gewesen, wenn in den Gremien dieser Banken gleich viele Frauen wie Männer gesessen hätten? Wie würden die Anreizsysteme dieser Banken aussehen, wenn . . .? Wie hätten sich die Aktienkur­se der Banken entwickelt, wenn . . .?

Wir wissen es nicht. Einer sagt aber: «Ich glaube, dass Vielfalt – und im besonderen Mass Geschlechtervielfalt – je länger je mehr als Wettbewerbsvorteil gesehen wird – nicht nur bei der Rekrutierung der richtigen Leute, sondern auch im Umgang mit unseren Kunden.» Es war Tom de Swaan, Verwaltungspräsident der Zurich, der den Satz unlängst im Rahmen einer Rede formulierte.

Das Gleichgewicht unter den Geschlechtern treibt den 68-jährigen ehemaligen Banker aus den Niederlanden um. Er gibt sich überzeugt, dass eine Gesellschaft wie die Zurich über zwei zentrale Aktivposten («key assets») verfügt, um ihre Ziele zu erreichen. Neben dem Kapital der Gesellschaft seien dies die Mitarbeitenden. Um erfolgreich zu sein, müsse man die besten Leute gewinnen und halten. «Ohne Gleichgewicht der Geschlechter wird uns dies nicht gelingen», sagte de Swaan in seiner Rede.

«Weder fair noch klug»

Auch die Zurich-Gruppe ist von diesem Gleichgewicht weit entfernt. In der Gesamtbelegschaft liegt der Frauenanteil zwar bei 50%. Im neunköpfigen Verwaltungsrat sitzen immerhin drei Frauen. Der Frauenanteil im Kader liegt aber bei tiefen 15%. Das weiss auch de Swaan: «Die Zurich ist derzeit nicht dort, wo wir in der Geschlechtervielfalt sein sollten. Sogar weit davon entfernt.» Damit liege man – international – unter dem Durchschnitt in der Finanzbranche. «Darauf können wir nicht stolz sein, und unsere Kollegen sollten es auch nicht sein.» Es zeige nämlich, dass etwas in der Organisation dieser Unternehmen nicht in Ordnung sei. «Es ist eindeutig keine optimale Situation – weder aus einer Fairness- noch aus einer Businessperspektive.»

Auch de Swaan hat keine Rezepte, um den Frauenanteil zu steigern. Er verweist darauf, dass Frauen andere Prioritäten setzen als Männer, um Arbeit und Privatleben im Gleichgewicht zu halten. Das müsse man respektieren, wenn man talentierte Frauen halten wolle. Gleichzeitig müsse man die Work-Life-Balance-Konzepte der Männer hinterfragen.

Quoten, die Frauenanteile vorschreiben, lehnt de Swaan ab. Seine Begründung: «Quoten reflektieren zu wenig Engagement, eine Unternehmung davon zu überzeugen, dass Vielfalt Werte schafft.»

Erstellt: 28.11.2014, 22:56 Uhr

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