Hintergrund

«Chicken oder Pasta?»

Elektronische Geräte sollen künftig den Flugpassagieren die Menü-Wahl erleichtern. Warum das für die Airlines einiges abwirft.

Bestellungen künftig per Tablet: Eine Flugbegleiterin serviert das Essen.

Bestellungen künftig per Tablet: Eine Flugbegleiterin serviert das Essen. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Flugbegleiterinnen stellen diese Frage dutzendfach, wenn sie auf längeren Flügen Essen servieren. Sie erkundigen sich auch nach dem Getränk, nach Kaffee oder Tee. Vielleicht schenken sie vorher einen Apéro aus, bestimmt aber schieben sie danach einen Trolley mit Duty-free-Artikeln durch die Reihen. Das könnte sich bald ändern.

Geht es nach der Airline-Industrie, bestellen wir unser Essen künftig nach dem Start per Touchscreen. Wir haben nicht nur die Wahl zwischen Poulet oder Teigwaren, sondern können auch Lachs ordern – oder das Menü aus der Businessclass. Statt des dünnen Filterkaffees leisten wir uns einen Espresso. Alles gegen einen Aufpreis, versteht sich.

Mit demselben Gerät blättern wir dann durch das Angebot zollfreier Zigaretten, Kosmetika oder Notfallgeschenke und buchen Tickets für Veranstaltungen am Zielort. Wir schauen uns Filme oder Serien aus dem Gratis-Angebot oder der kostenpflichtigen Videothek an. Bezahlt wird per Kreditkarte, die Flugbegleiter liefern nur noch aus.

Tönt nach Zukunftsmusik, ist aber bei einigen Airlines bereits Realität. Die Systeme funktionieren, wie wir uns das von Onlineshops gewohnt sind, und werden entweder über ein Display bedient, das am Vordersitz befestigt ist. Oder aber immer öfter über das eigene Handy, das iPad oder über den Laptop, auf dem eine spezielle App installiert ist.

Der Treiber hinter dieser technologischen Erneuerung ist das Geld: Die Fluggesellschaften suchen Wege, um profitabler zu werden. Zwar rechnet die internationale Luftfahrtorganisation Iata für 2013 mit einem Gewinn von 12,9 Milliarden Dollar für die Branche. Bei einem Umsatz von gut 700 Milliarden Dollar und 3,12 Milliarden Passagieren liegt die Marge aber nur bei 1,8 Prozent – und der Gewinn pro Passagier bei 4 Dollar.

Tablets statt Handbücher

Der Einsatz moderner Elektronik birgt für die Branche aus zwei Gründen grosses Potenzial. Erstens lässt sich sofort Geld sparen – weil man Gewicht und damit den Treibstoffverbrauch reduzieren kann. Das ist mit ein Grund, wieso Piloten und Crewmitglieder immer öfter leichte Tablet-Computer statt schwerer Handbücher bei sich tragen.

Bei der Lufthansa lässt sich dieser Effekt konkret beziffern. Sie setzt ab Juni bei 20 Flugzeugen des Typs Airbus 321 ein drahtloses Unterhaltungssystem namens Board Connect ein. Weil dafür keine Bildschirme mehr verkabelt werden müssen, fallen pro Flugzeug 300 Kilogramm Gewicht weg und 54 Tonnen Kerosin pro Jahr. Dadurch spart die Lufthansa 50'000 Dollar pro Flugzeug – oder über eine Million für eine Flotte mit 20 Maschinen. Laut der Herstellerin Lufthansa Systems sind zudem Anschaffung und Betrieb von Board Connect nur halb so teuer wie bei alten Systemen, die Wartung ist gar 70 Prozent günstiger.

Ob die Swiss, die zur Lufthansa-Gruppe gehört, ihre Flugzeuge ebenfalls mit Board Connect ausrüsten wird, ist unklar. «Es bestehen derzeit keine solchen Pläne», sagt Sprecherin Myriam Ziesack. Man verfolge die Entwicklung aber genau. «Es herrscht relativ viel Bewegung auf dem Markt.»

Zukunftsträchtiger ist der zweite Grund: Mithilfe der Technik lassen sich ganz neue Einnahmequellen erschliessen. «Traditionelle Anbieter suchen seit Jahren nach Möglichkeiten, an Bord Geld mit Zusatzdiensten zu verdienen», sagt Airline-Experte Kurt Hofmann. «Kostenpflichtige Menüs, Getränke oder Filme standen dabei schon lange im Fokus.» Bislang war das viel zu aufwendig – und gleichzeitig zu wenig lukrativ.

Die neuen Systeme stimulieren den Konsum. Die Passagiere geben viel öfter Geld aus, wenn sie sich in Ruhe am Bildschirm entscheiden können. Das zeigt eine Auswertung von Duty-free-Verkäufen der kanadischen Firma Guestlogix, die sich auf die Verarbeitung von Zahlungen im Flugzeug spezialisiert hat. Demnach ist die Zahl der Verkäufe bei Fluggesellschaften, die vom gedruckten Katalog auf eine Art Onlineshop umgestellt haben, drei- bis fünfmal höher als vorher.

Es lassen sich auch völlig neue Ideen umsetzen. China Southern versteigert seit einigen Monaten Upgrades für die leeren Plätze in der Businessclass, nachdem das Flugzeug gestartet ist. So werden laut Brett Proud, Chef von Guestlogix, jeweils gut zwei Drittel der Restplätze verkauft, im Schnitt für 990 Dollar pro Platz. Das entspreche einem Rabatt von 30 Prozent auf den regulären Preis, sagt Proud, der den Auktionsmechanismus für den asiatischen Anbieter entwickelt hat und auch beim Lufthansa-System Board Connect involviert ist.

Die Iata setzt grosse Hoffnungen in diese Zusatzeinnahmen. Sie seien der «zentrale Treiber» für die Profitabilität: «Ohne sie würde die Industrie Verlust machen mit ihren Kernprodukten – dem Verkauf von Sitzen und Transportkapazitäten», schreibt die Iata in einer kürzlich publizierten Einschätzung. 2013 betrugen die Zusatzeinnahmen laut der Beratungsfirma Ideaworks bereits 46 Milliarden Dollar – 6 Prozent des Gesamtumsatzes in der Branche. Im Jahr davor waren es noch 5,4 Prozent gewesen.

Billig-Airlines haben Nase vorn

Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Fluggesellschaften enorm. Bei den traditionellen europäischen Anbietern machen Zusatzeinnahmen im Schnitt nur gerade 3 Prozent des Umsatzes aus. Bei der Lufthansa-Gruppe (inklusive der Swiss) sind es nur 0,7 Prozent. Airlines wie Ryanair oder Easyjet, die auch schon mal mit WC-Abgaben oder ähnlichem Schlagzeilen gemacht haben, erwirtschaften hingegen 20 Prozent ihrer Einnahmen nicht direkt mit Flugtickets. Ideaworks ortet denn auch bei den europäischen Traditionsanbietern das grösste Nachholpotenzial.

Tatsächlich ist dort eine Entwicklung erkennbar: Neben British Airways und Air France/KLM hat auch die Swiss neue Gepäckgebühren eingeführt. Sie bietet ab Genf einen Tarif, bei dem nur das Handgepäck inbegriffen ist. Wer einen Koffer einchecken will, zahlt extra.

Die Frage ist, was das für die Kunden bedeutet – respektive wie sich das Gratis-Angebot verändert. «Der finanzielle Zustand einer Airline lässt sich schon länger an ihrem Filmangebot ablesen», sagt Experte Hofmann. Ob sich mit der Einführung von Bezahlfilmen das kostenlose Angebot verschlechtern werde, hänge vom Wettbewerb unter den Qualitätsanbietern ab. Die Lufthansa wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern, ob sich die Einführung von Board Connect auf das Gratis-Angebot auswirken werde. Details zum neuen System will sie erst im März bekannt geben.

Die Lufthansa verzichtet auf Bildschirme an den Sitzen und stellt den Kunden auch keine Leihgeräte zur Verfügung. «Die Passagiere müssen ihre Geräte selbst mitbringen, um Board Connect zu benutzen», sagt Sprecher Boris Ogursky. Wer weder Smartphone noch Tablet oder Laptop dabeihat, hat Pech gehabt. Damit wird klar, warum das neue System so viel günstiger ausfällt: Die Kosten für Anschaffung und Unterhalt des Bildschirms trägt künftig der Kunde – genauso wie für den Strom. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2014, 06:38 Uhr

(Bild: TA-Grafik)

Nicht alle Passagiere sind glücklich

«Die Fluggesellschaften waren Pioniere», sagt der amerikanische Professor Thomas H. Davenport. Mit den Vielfliegerprogrammen sammeln sie seit den 1970er-Jahren Daten über ihre Kunden. Bezüglich der Verwendung haben sie allerdings den Anschluss verloren: «Sie haben zu lange kaum investiert», meint Davenport. In einer letzten Sommer veröffentlichten Studie schlägt er den Airlines vor, das Wissen über ihre Passagiere zu nutzen und ihnen personalisierte Angebote zu machen. Zahlreiche Fluggesellschaften haben das kapiert und ihre Flugbegleiter mit Geräten ausgestattet, die ihnen Informationen über ihre Passagiere liefern. Die Swiss gehörte zusammen mit British Airways, KLM und Iberia zu den Ersten, die iPads verteilten. Bei Delta sind es Nokia-Smartphones. Dadurch soll der Service personalisiert werden. Beispiele: Der Passagier erhält automatisch das richtige Essen und seinen bevorzugten Sitzplatz. Die Crew teilt ihm das Gate des Anschlussflugs mit, wenn die Zeit knapp ist. Oder beim Rückflug kann er in der Businessclass sitzen, weil sein Gepäck beim Hinflug verloren gegangen ist.

Das Problem dabei: Das Unbehagen bei den Passagieren ist gross. Delta-Vielflieger protestierten letzten Sommer, als durch einen Softwarefehler bekannt wurde, welche Art von Daten die Fluggesellschaft über ihre besten Kunden sammelt – zusätzlich zu den Angaben, die diese ihr freiwillig überlassen haben. Ähnlich erging es British Airways, nachdem bekannt wurde, dass die Crew im Internet nach Bildern der besten Kunden sucht, um diese schon beim Einsteigen zu erkennen. Auch die Flugbegleiter der Swiss können auf dem iPad nachlesen, welches die Passagiere mit dem dicksten Meilenkonto sind – inklusive deren Lieblingszeitung und Lieblingsgetränk. Allerdings ist das laut Sprecherin Myriam Ziesack nichts Neues: «Auf den iPads befinden sich nur Daten, welche den Maîtres de Cabine zuvor in Papierform zur Verfügung standen.» Dabei dürfte es allerdings nicht bleiben. Die Swiss plant für die zweite Jahreshälfte diverse Neuerungen. Worum es konkret geht, will sie nicht sagen. Nur so viel: Es soll nichts sein, das die Passagiere erschrecken könnte.

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