Chodorkowskis Spuren in der Schweiz

Für die Milliarden des Ex-Oligarchen interessierten sich die Strafverfolgung, aber vermutlich auch der deutsche Geheimdienst. Das Firmennetzwerk Michail Chodorkowskis in der Schweiz existiert bis heute.

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Das viele Geld, das der einst reichste Mann Russlands in der Schweiz gebunkert hatte, ist seit einem Jahrzehnt ein Objekt der Begierde. Unbekannt ist, wo genau die 6,2 Milliarden Franken geblieben sind, welche die schweizerische Bundesanwaltschaft 2004, im Jahr nach Michail Chodorkowskis Verhaftung, auf Antrag Moskaus blockiert hatte. Das Schweizer Bundesgericht verwehrte dem russischen Staat 2007 definitiv den Zugriff auf das Geld.

Ein Teil des so geschützten Vermögens dürfte nach wie vor im Land sein, in das der Freigelassene von Putins Gnaden am Sonntag eingereist ist. Zumindest existieren etliche der Schweizer Firmen noch, über die Chodorkowski in den 90er-Jahren fragwürdige Geschäfte abgewickelt haben soll.

Dünger, Öl und viele Vorwürfe

Im Zentrum der Jukos-Affäre, die den Kreml-Kritiker schliesslich ins Gefängnis brachte, stand zum Beispiel die russische Firma OAO Apatit, die einen Ableger in Freiburg hatte: die Apatit Fertilizers SA. OAO Apatit wurde 2003 von den russischen Behörden beschuldigt, Apatitkonzentrat (das zur Herstellung von Dünger verwendet wird) unter dem Marktwert an Schweizer Firmen verkauft zu haben. Diese wiederum hätten den Apatit teurer weiterverkauft. Der Gewinn sei auf Schweizer Bankkonten deponiert und gewaschen worden.

Wie meist im verworrenen Fall Chodorkowski ist es schwierig, zwischen politisch motivierten Anschuldigungen und Vorwürfen mit einer gewissen Grundlage zu unterscheiden. Doch eines ist gewiss: Strafrechtlich blieb an Chodorkowski und seinen Geschäftspartnern in der Schweiz nie etwas hängen. Zu einer Anklage oder gar zu einer Verurteilung kam es hier nie.

Der Freiburger Apatit-Ableger hat die Jukos-Affäre offenbar gut überstanden. 2007 fusionierte die Firma mit der Schwyzer Gesellschaft Polyfert, die ebenfalls zu Chodorkowskis Menatep-Gruppe gehört haben soll. Heute heisst das Unternehmen EFC Switzerland SA. Es ist an derselben Freiburger Adresse registriert wie 1997, hat laut Handelsregister fünf Mitarbeiter und macht mit «Grosshandel von chemischen Erzeugnissen» einen Jahresumsatz von rund 2,3 Millionen Franken. Die Besitzer sind zu 100 Prozent ausländische Aktionäre. Fragen zur Identität der Eigentümer wurden nicht beantwortet.

Auch beim Verkauf von Erdöl – so ein weiterer damaliger Vorwurf – sollen Chodorkowski und sein Geschäftspartner Platon Lebedew ein Spiel mit den Preisen getrieben haben. Laut einem ehemaligen Manager von Chodorkowskis Erdölkonzern Jukos sind die Rohstoffe ebenfalls günstig an Schweizer Firmen verkauft und teurer weiterverkauft worden. Der Gewinn sei in komplizierten Offshorekonstrukten versteckt worden.

Chodorkowskis Geschäfte liefen gemäss der «SonntagsZeitung» zu einem grossen Teil über die Schweizer Firmen Behles und Petroval, beides Jukos-Tochtergesellschaften. Auch diese Firmen haben die Affäre überlebt. Sie wurden aber im August 2013 liquidiert. Noch 2010 hatte Petroval angegeben, es habe 32 Angestellte und ein Aktienkapital von 6 Millionen Franken.

Das Personal ist geblieben

Ob Chodorkowski an den genannten und weiteren Schweizer Firmen der Menatep-Gruppe heute Anteil hat, lässt sich nicht sagen. Ersichtlich ist aber, dass bei vielen der Gesellschaften dieselben Leute involviert sind wie vor zehn und mehr Jahren. Damals galt der Oligarch mit einem geschätzten Vermögen von 15 Milliarden Dollar als reichster Mann Russlands.

Die ganze Welt rätselt nun, wie viel vom Reichtum noch übrig ist. Chodorkowski selber sagte nach seiner Haftentlassung, er habe keine Ahnung von seiner finanziellen Situation. In Bezug auf die Schweiz scheint sich sein Umfeld aber mittlerweile einen Überblick verschafft zu haben. «Herr Chodorkowski hat keinerlei Besitztum in ihrem Land», sagte seine russische Sprecherin Olga Pispanen der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps». Dies schliesst allerdings nicht aus, dass seine Frau und seine Kinder in Montreux, zu denen Chodorkowski nun gereist ist, Zugriff auf das Vermögen haben.

Seltsame Geheimdienstarbeit

2003 ging bei der Bundesanwaltschaft eine Anzeige gegen Chodorkowski wegen Geldwäscherei ein. Diese hatte einen undurchsichtigen Hintergrund, der in der Schweiz bis heute unbemerkt blieb: Anzeigeerstatter waren der Genfer Banker André Strebel und der Luxemburger Financier Ernest Backes. Schweizer Medien berichteten über die Anzeige und über das Institut für Wirtschaftsrecherchen (IWR) in Saarbrücken, das Strebel und Backes damals betrieben. Eines blieb unbemerkt: Das Institut war eine Tarnfirma des deutschen Auslandgeheimdiensts BND. Dies haben Strebel und Backes diese Woche gegenüber dem TA bestätigt.

2007 war die Tarnung aufgeflogen. Der «Stern» berichtete über Streit zwischen Strebel und dem BND und über einen Prozess wegen ausgebliebener Gehaltszahlungen. Dem Arbeitsgericht Saarbrücken bestätigte der Nachrichtendienst: «Der BND hat die Gründung des IWR finanziell (auf ein Jahr begrenzt) unterstützt.» Dies sei unter der Bedingung geschehen, dass der Nachrichtendienst Zugang zu den Archiven der beiden Ex-Banker erhalte. Gemäss Strebel und Backes sollte ihr Institut auch den Schweizer Finanzplatz durchleuchten – wobei man auf Dokumente zu Chodorkowskis Firmen gestossen sei. Laut eigenen Angaben überreichten die beiden dem BND ein 500-seitiges Dossier mit Geldwäscherei-Vorwürfen gegen Chodorkowskis Bank Menatep. Von dort soll es laut dem Branchendienst Intelligence online kurz vor Chodorkowskis Verhaftung zu Putin gelangt sein.

Die Bundesanwaltschaft eröffnete damals kein Strafverfahren und betont heute, dass die Rechtshilfe in keinem Zusammenhang mit der Anzeige stand.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2014, 11:01 Uhr

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