Collardi zementiert seine Macht

Ex-CS-Kadermann Barend Fruithof räumt schon nach wenigen Monaten das Feld – er galt als Collardis schärfster Widersacher. Die Hintergründe einer erstaunlichen Personalrochade bei der Bank Julius Bär.

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Boris Collardi ist seit zehn Jahren bei der führenden Zürcher Privatbank Julius Bär in leitender Stellung. Seit 2009 amtiert er als deren oberster operativer Chef. Die lange Zeit an der Spitze der Bank führte zu Abgangsgerüchten, namentlich soll Collardi bei der Genfer Lombard Odier im Gespräch gewesen sein. Doch nun geht Collardi einen anderen Weg. Er bleibt nicht nur bei Julius Bär, sondern besetzt auch sein Führungsteam an mehreren Stellen neu, wie die Bank heute überraschend mitgeteilt hat.

Insbesondere wechselt Collardi seinen Chef für die Region Schweiz, die einen Schlüsselmarkt für die Privatbank darstellt, nach wenigen Monaten bereits wieder aus. Letzten Herbst hatte er dort Barend Fruithof als Leiter installiert, ohne deswegen den Vorgänger zu desavouieren, der weiter repräsentative Aufgaben für die Bär-Bank wahrnehmen konnte. Fruithof eilte der Ruf eines unbequemen, selbstbewussten und machthungrigen Grossbankers voraus. Bei der Credit Suisse hatte der Schweizer lange das Firmenkundengeschäft geführt, zuvor war er bei der Raiffeisen und bei der ZKB in leitender Stellung tätig.

Merrill-Lynch-Übernahme als Gesellenstück

Der Neue sollte der Bank Julius Bär in der Heimat zu mehr Wachstum verhelfen. Unter der alten Führung war die Schweiz aus dem Fokus geraten. Chef Collardi hatte nämlich mit seiner Vision, aus einer trägen Familienbank eine führende globale Privatbank zu machen, auf internationale Übernahmen gesetzt. Sein Gesellenstück war die vor vier Jahren getätigte Übernahme des internationalen Private Bankings der US-Investmentbank Merrill Lynch. Mit dem Coup und weiteren Zukäufen schaffte es Collardi, die verwalteten Kundenvermögen auf über 300 Milliarden Franken zu hieven.

Eine Anpassung der Organisation an die neue Grösse geschah nur zögerlich. Neben dem Rückstand im Heimmarkt Schweiz aufgrund forsch agierender Konkurrenten blieben viele interne Prozesse revisionsbedürftig. Die Informatik der Bär erledigt zwar ihren Dienst, doch handelt es sich um eine Eigenentwicklung. Diese soll nun durch eine Standardsoftware abgelöst werden, was wie bei allen Banken, die diesen Weg einschlagen, eine grosse Herausforderung darstellt. Ebenso geriet die Julius Bär ins Gerede wegen einer mangelhaften oder zumindest umstrittenen Compliance – der Einhaltung interner und externer Vorschriften. Viele angeklagte oder verdächtigte Involvierte im brasilianischen Korruptionsfall rund um die Ölfirma Petrobras hatten Konten bei den Zürchern. Ebenso gehört die Julius Bär zu den Geldhäusern mit intensiven Geschäftsbeziehungen zu Funktionären des Weltfussballverbands Fifa.

Petrobras und Fifa haben denn auch die Finanzaufsicht Finma auf den Plan gerufen. Es läuft eine Untersuchung durch die Prüfgesellschaft Deloitte. Sie muss für die Finma abklären, ob und, wenn ja, wie systematisch gegen die Compliance bei der Julius Bär verstossen wurde und wer die Verantwortung dafür trägt.

Collardi schart langjährige Vertraute um sich

Angesichts des Enforcement-Verfahrens, wie dieses offiziell heisst, ist erstaunlich, wen Bär-CEO Collardi mit seiner jüngsten Personalrunde belohnt. Sowohl der für Mittel- und Südamerika zuständige Spitzenmann als auch der für Osteuropa und Russland Verantwortliche, wo ebenfalls Altlasten drohen, bleiben zuoberst bei Julius Bär. Ihnen vertraut Collardi, ihnen hat er in den letzten Jahren grosse Freiheiten gelassen. Den steilsten Aufstieg macht ein junger Projektleiter, auf den der Bär-CEO besonders grosse Stücke hält. Er heisst Nic Dreckmann und leitete für seinen Chef erfolgreich die Integration von Merrill Lynch International. Einst war er im Strategieteam von Boris Collardi. Insgesamt baut der Bär-Chef sein Managementteam an fünf Stellen um. Neben der Berufung eines nächsten Schweiz-Chefs schafft Collardi zwei neue Regionen – Europa und Wachstumsmärkte inklusive Osteuropa. Er überführt den bisherigen Bereich Investment Solutions unter dem zur CS abgewanderten Burkhard Varnholt in die neue Abteilung Advisory Solutions und bestimmt einen Nachfolger als Chief Operating Officer. Als Chef der zwei letztgenannten Positionen setzt Collardi auf «Home-grown Talents», wie es in einer Stellungnahme der Bank heisst.

Im Gegenzug verlassen drei Spitzenleute, die in den letzten Jahren von aussen in die Geschäftsleitung gestossen sind, die Julius Bär: Schweiz-Chef Fruithof, der von Merrill Lynch stammende bisherige Chief Operating Officer und der erwähnte Varnholt. Nach sieben Jahren am operativen Bär-Ruder hat Collardi, mit 42 Jahren immer noch einer der jüngsten Bankenchefs der Schweiz, damit seine Macht konsolidiert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2016, 14:30 Uhr

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