Coup in der Medienbranche: Bezos kauft «Washington Post»

Wie ein Donnerschlag traf es die amerikanische Hauptstadt: Jeff Bezos, Gründer und Chef des weltgrössten Online-Kaufhauses Amazon, hat für 250 Millionen Dollar die traditionsreiche Tageszeitung «Washington Post» gekauft.

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Eine der bekanntesten Zeitungen der Welt wechselt den Besitzer: Der Gründer und Chef von Amazon, Jeff Bezos, wird Eigentümer der angeschlagenen «Washington Post». Amazon ist an dem Deal nicht beteiligt, finanziert wird der Kauf aus Bezos' üppigem Privatvermögen von 23,2 Milliarden Dollar. Damit kauft sich der elftreichste Amerikaner ein persönliches Spielzeug, die Leitung der neben der «New York Times» und dem «Wall Street Journal» wichtigsten US-Zeitung wird aber vorerst beim bisherigen Management verbleiben.

Der Verkauf signalisiert einmal mehr die zunehmende Schwäche des US-Zeitungsgeschäfts: Erst letzte Woche hatte die «New York Times» den angesehenen «Boston Globe» für lediglich 70 Millionen Dollar an den Bostoner Geschäftsmann John Henry abgestossen und sich dabei verpflichtet, für ungedeckte Pensionsansprüche von mehr als 100 Millionen Dollar geradezustehen. Die «Times» hatte den «Globe» 1993 für 1,1 Milliarden Dollar erworben, nun darf sich Henry neben dem Besitz des britischen Fussballklubs FC Liverpool und des Baseball-Vereins Boston Red Sox auch mit einer Zeitung schmücken.

Wirtschaftliche Entwicklung stark rückläufig

Mit Jeff Bezos' Kauf der «Washington Post» geht jetzt eine weitere US-Zeitung im Familienbesitz an einen neuen und reichen Käufer. Die «Post» war über vier Generationen im Besitz der Familie Meyer/Graham, nachdem Eugene Meyer das bankrotte Blatt in der Grossen Depression 1933 für 825'000 Dollar erstanden hatte. In den vergangenen Jahren haben Familienbesitzer die «Los Angeles Times», das «Wall Street Journal», den «Minneapolis Star» und andere US-Blätter an vermögende Käufer oder Investoren abgestossen. Auch Super-Investor Warren Buffett war mit von der Partie und kaufte 28 zumeist kleinere US-Zeitungen für insgesamt 344 Millionen Dollar.

Wie bei nahezu allen amerikanischen Zeitungen war die wirtschaftliche Entwicklung auch bei der «Washington Post» stark rückläufig. Zwar errichtet die Zeitung derzeit eine Paywall für ihren digitalen Content, die Auflage der Zeitung aber sank seit 2008 von 673'180 täglichen Exemplaren auf 474'767 im März. Im gleichen Zeitraum sackte der Umsatz der Zeitungsgruppe um 44 Prozent ab, allein im ersten Quartal 2013 verzeichneten die Printerzeugnisse des Verlagshauses einen Verlust von 49,3 Millionen Dollar. Nach dem gestrigen Verkauf verbleiben lediglich Online-Magazine wie «Slate» und «Foreign Policy» sowie TV-Sender und Firmen im Bildungssektor im Besitz der Familie Graham.

Watergate-Skandal aufgedeckt

Hatte die 1877 gegründete «Post» im amerikanischen Zeitungswesen niemals eine führende Rolle gespielt, so katapultierte sich das Blatt 1972 mit der Berichterstattung seiner beiden Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein über Richard Nixons Watergate-Skandal schlagartig ins nationale Rampenlicht und gewann in der Folge zahlreiche Pulitzer-Preise für ausgezeichneten Journalismus. Für die Entwicklung der «Post» zu einer nationalen Zeitung sorgten vor allem die legendäre Verlegerin Katherine Graham und ihr Chefredakteur Benjamin Bradlee.

Anscheinend beschlossen die derzeitige Verlegerin Katherine Weymouth und ihr Onkel Donald Graham als Vorstandsvorsitzender der «Post»-Gruppe bereits im vergangenen Herbst den Verkauf der Zeitungssparte angesichts der ungewissen Zukunft und beauftragten eine Investment-Firma mit einer diskreten Suche nach einem Käufer. «Dies ist ein Tag, den ich und meine Familie niemals erwartet haben», kommentierte gestern Verlegerin Weymouth den Verkauf an Bezos, der seit längerem mit Donald Graham befreundet ist.

Bezos steht für langfristiges Denken

Jeff Bezos wiederum betonte, dass die Werte der «Washington Post» «keiner Veränderung» bedürften. Die Zeitung sei eine «wichtige Institution», die «den Lesern und nicht den Eigentümern» verpflichtet sei. Den 2000 Angestellten der Zeitungssparte, zu der neben der «Post» etliche kleinere Blätter zählen, drohen bis auf weiteres keine Entlassungen. Bezos bekannte gestern jedoch freimütig, dass er sich «auf Neuland» befinde und offen für «Experimente» sei.

Allerdings gilt der Amazon-Boss als ein Manager, der kurzfristiges Gewinndenken ablehnt. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin «Fortune», das ihn 2012 zum «Manager des Jahres» gekürt hatte, bezeichnete Bezos «langfristiges Denken, Kundenorientierung und den Willen zu Investitionen» als seine Grundprinzipien. Über Bezos' politische Ausrichtung ist nur wenig bekannt, doch erregte der Amazon-Chef im Vorjahr Aufsehen, als er in seinem Heimatstaat Washington anlässlich eines Referendums 2,5 Millionen Dollar für die Einführung der Homo-Ehe spendete. In der Vergangenheit erhielten sowohl demokratische als auch republikanische Politiker Wahlkampfspenden von Bezos.

Erstellt: 06.08.2013, 06:07 Uhr

Amazon-Chef Jeff Bezos kauft die seit Jahren unter rückläufigen Umsätzen leidende US-Zeitung. (Video: Reuters)

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