Interview

«Dann hätte Apple die Macht, Google lahmzulegen»

Technologiefondsmanager Stuart O'Gorman hat 3,5 Milliarden Dollar unter seiner Aufsicht. Im ersten Teil unseres grossen IT-Interviews verrät er, in welche Hard- und Softwarehersteller er das Geld steckt.

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Herr O'Gorman, was macht ein Technologieanalyst in Schottland?
Im Silicon Valley gibt es viele Hypes. Anstatt dort im Stau zu stecken, denken wir lieber über langfristige Trends nach. Es ist manchmal einfacher, das Rauschen aus der Ferne herauszufiltern. Ob ein Unternehmen nun 31 oder 32 Cents Gewinn pro Aktie schreibt, ist letztlich nicht so wichtig. Aus Quartalszahlen versuchen wir lediglich herauszulesen, ob die darunterliegenden Faktoren auch in Zukunft von Bedeutung sein werden.

Wie steht es denn um Google: Hat die Informationspanne bei der Meldung der letzten Zahlen Konsequenzen?
Schon im Januar fiel Google nach Bekanntgabe der Zahlen um 8,5 Prozent. Damals war das kein grosses Thema. Letzten Freitag wurden die Börsenanalysten aber auf dem falschen Fuss erwischt. Sie sahen die schlechten Nachrichten am TV im Fitnessstudio, und dann wurde eine grosse Story daraus. Google hat sich aber noch nie gross um Quartalszahlen gekümmert.

Wohin bewegt sich Google?
Das jüngste Ergebnis wurde durch Währungseffekte getrübt. Darüber machen wir uns keine grossen Sorgen, die Devisenmärkte verändern sich immer in irgendeine Richtung. Unser Ausblick für Google ist gut. Einzig auf der Mobile-Seite gibt es die Gefahr, dass Google zu viel Geld für Nexus und eigene Hardware ausgibt – und damit nicht nur in Wettbewerb mit Apple, sondern auch mit eigenen Kunden wie Samsung oder Amazon tritt. Es gibt eine Gefahr, dass sich das Android-Ökosystem durch zu viele Geräte weiter fragmentiert.

Hat Android stark unter dem Prozess gelitten, den Apple gegen Samsung geführt hat?
Apple hat seine juristischen Anstrengungen gegen viele Firmen intensiviert. Durch die Patentklagen sind diese gezwungen, Übergangslösungen zu basteln. Das führt dazu, dass Smartphone-Hersteller wie Samsung oder HTC nun ihren eigenen Code schreiben müssen – und somit die gesamte Android-Umgebung kostspieliger wird. Besonders bei den Tablets, wo Apple einen Marktanteil von siebzig Prozent hat, dürfte das ein Problem werden.

Gibt es irgendwann einen «Endkampf» zwischen Google und Apple?
Mir persönlich wäre am liebsten, die beiden Firmen würden sich einfach aus dem Weg gehen. Apple könnte sagen: «Ihr macht die Suchmaschine, dafür bekommt ihr von uns einen Vertrag über zwanzig Jahre. Dafür hört ihr mit Android auf.» Dass das wirklich passiert, ist zwar unwahrscheinlich, wäre für die Gesamtbranche aber die beste Lösung.

Warum?
Ein Kampf der beiden Unternehmen verursacht hohe Kosten. Genauso wie es für Google sehr schwierig ist, die loyale Kundenbasis von Apple für sich zu gewinnen, wird Apple Schwierigkeiten haben, Kunden von Googles Suchmaschine abzujagen.

Allgemein gilt schwacher Wettbewerb aber als schädlich.
Ich liebe all diese Firmen, die sagen: «Wir lieben den Wettbewerb, weil er die Effizienz fördert.» Das ist Unsinn. Niemand in diesem Business liebt den Wettbewerb. Die Strategie vieler IT-Firmen läuft eher darauf hinaus, Wettbewerber fernzuhalten. Google hat Android wohl vor allem aus Verteidigungsgründen gepusht, um Apple bei den Smartphones Paroli zu bieten. Google wird den Suchmaschinenkampf am Schluss wohl gewinnen – sollten in zehn Jahren aber achtzig Prozent der Suchanfragen von Apple-Geräten stammen, so hätte Apple die Macht, Google lahmzulegen.

Wie wichtig ist das neue iPad mini für Apple?
Für Apple geht es im Wesentlichen darum, den Markt zu segmentieren. Beim iPhone – von dem es nur ein Modell gibt, und zwar ein eher teures – hat Apple darauf verzichtet. Im Gegensatz dazu reicht die Reihe von iPods herunter bis zum iPod Shuffle. Apple betrachtet das iPad unter einem ähnlichen Blickwinkel: Es dient der Absicherung. Apple schützt damit sein Ökosystem. 75 Prozent des westlichen MP3-Markts läuft heute über iTunes. Diesen Anteil möchte Apple unbedingt halten. Aus diesem Grund will Apple iPad-Modelle für jeden Nutzertypen anbieten.

Warum schafft es eigentlich niemand sonst, ähnlich eingängige und gut funktionierende Produkte wie Apple herzustellen?
Die Unternehmen versuchen das schon. Google stellt mehr und mehr eigene Hardware her. Microsoft geht in den Tabletmarkt, Gerüchten zufolge bietet die Firma bald ein eigenes Handy an. Auch Amazon hat schon eigene Hardware. Samsung friert den Android-Code ein, um eigene Software herzustellen. Meiner Ansicht nach werden nur Apple und Samsung am Schluss als Gewinner aus dem Wettbewerb hervorgehen.

Was ist mit Microsoft?
Die Stärke von Microsoft liegt im Firmengeschäft. Dort läuft es wunderbar: Windows Server 12 ist fantastisch, Office ist gut, Microsoft hat einen guten Cloud-Service. Das Geschäft mit den Endkonsumenten lenkt dagegen eher ab. In unserem Fonds hat Microsoft deshalb Untergewicht. Im Markt sind zu hohe Erwartungen vorhanden. Windows 8 ist zwar kein schlechtes Betriebssystem, aber ich glaube, es kommt einfach zu spät. Apple und Samsung haben den High-End-Markt bei Smartphones schon aufgeteilt, im Low-End-Bereich sind chinesische Firmen unschlagbar.

Das klingt ziemlich pessimistisch.
Mit HTC, Sony und all den anderen Herstellern wird es für Microsoft sehr schwierig, im Mid-End-Bereich zu bestehen. Besonders mit dem kleinen App-Universum. Für Microsoft könnte das zu einem Huhn-und-Ei-Problem werden: Sind die Verkaufszahlen noch nicht da, so werden Entwickler die Plattform wenig attraktiv finden.

Warum beackert Microsoft den Privatkundenmarkt dann überhaupt?
Falls Windows 8 funktioniert, wird es natürlich ein riesiger Gewinn. Der andere Grund ist wiederum defensiver Natur: Microsoft versucht, Apple vom Vorstoss in den Geschäftskundenbereich abzuhalten. Denn sollte jedermann zu Hause Apple nutzen, so könnten auch Unternehmen irgendwann zu Apple wechseln wollen. Momentan werden Geschäftskunden vor allem noch durch den höheren Preis von Apple abgehalten.

Wird Microsoft irgendwann Nokia übernehmen?
Microsoft hat den Schlüssel ohnehin schon erhalten. Was auch immer geschieht, Nokia ist nun an Windows gebunden. Der Kauf wäre aber sowieso eine schlechte Idee. Nokia ist zu gross. Die Firma hat zu viele Angestellte und muss restrukturiert werden. Natürlich könnte Microsoft mit den Windows-Telefonen jetzt einen Preiskampf lancieren und so Marktanteile hinzugewinnen. Aber wie lange könnte Microsoft das durchhalten? Die Smartphones sind schon jetzt ein Verlustgeschäft.

Welche Trends prägen den Onlinemarkt und wer profitiert davon? Diese Fragen sind Thema im Teil 2 des Interviews, den Sie morgen bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet lesen können.

Erstellt: 25.10.2012, 14:16 Uhr

stuart O'Gorman

Stuart O'Gorman leitet seit 2001 den Horizon Global Technology Fund bei der Firma Henderson Global investors. Der Fonds besteht seit 1983 und gehört mit 3,5 Milliarden Dollar Anlagevolumen zu den grössten Technologiefonds in Europa. O'Gorman lebt und arbeitet in der schottischen Stadt Edinburgh.

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