Interview

«Dann würde Google im Kern getroffen»

Google steigert den Umsatz, aber verdient pro Klick weniger als zuvor. Was das für den Internetkonzern bedeutet, sagt Analyst Christian Fröhlich.

Der Gewinn stieg «nur» um 3 Prozent: Silhouette vor einem Google-Plakat.

Der Gewinn stieg «nur» um 3 Prozent: Silhouette vor einem Google-Plakat. Bild: Keystone

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Herr Fröhlich, der Wert eines Klicks hat für Google erstmals abgenommen. Wie schwer wiegt das für die Firma?
Weniger schwer als manche Beobachter glauben. Die Kosten pro Klick sind gegenüber dem Vorjahr zwar um 9 Prozent gesunken. Allerdings trug dazu die Währungsschwäche von Schwellenländern wie Brasilien, der Türkei oder Indien bei. Umgerechnet in Lokalwährung ist der Einnahmerückgang weniger dramatisch. Ein weiterer Effekt geht vom starken Wachstum aus, das Google in diesen Ländern verzeichnet. Weil die Werbeindustrie für die weniger kaufkräftigen Konsumenten in den Schwellenländern kleinere Geldbeträge ausgibt, im globalen Ländermix deren Stellenwert aber steigt. Damit sinken die Durchschnittseinnahmen pro Klick.

Wie wichtig sind die Schwellenländer für Google?
Sehr wichtig. Hunderte Millionen von Menschen beginnen gerade erst mit der Internetnutzung. Das Wachstumspotenzial ist enorm. Langfristig wird der Wohlstand in den Schwellenländern zunehmen, was den Preis der Internetwerbung nach oben treibt. Auf diese Märkte zu verzichten, wäre für Google absolut falsch. Viel höher als die Kosten pro Klick gewichten wir deshalb das Umsatzwachstum und das lag im ersten Quartal bei ansprechenden 19 Prozent.

Als weiteres Problem wird die Ablösung des Desktop-PC durch Smartphones und Tablets betrachtet.
Man kann derzeit nur schwer einschätzen, ob Google diese Verschiebung besser oder schlechter als die Konkurrenz meistert. Mit Applikationen wie Google Maps, Search und Android bringt die Firma aber grundsätzlich sehr gute Voraussetzungen mit. Dank Search weiss man, was der Konsument sucht, dank Android wo er ist und mit Google Maps kann man ihm anzeigen, wo er es kaufen kann. Damit sind die Plattformen sehr wertvoll für die Werbeindustrie.

Wie lange werden die Einnahmen wegen der Umstellung auf neue Geräte leiden?
Die Werbung auf Smartphones umzustellen, ist ein Lernprozess. Wie lange darf eine Vollbildwerbung auf den kleineren Displays angezeigt werden, damit der Benutzer nicht verärgert wird? Wann und wie sind Läden bereit, Werbeaktionen für potenzielle Kunden zu schalten, die sich gerade in der Nähe befinden? An solche Fragen wird sich die Industrie nach und nach herantasten. Dass der Wert von Bildschirmwerbung durch den Smartphone-Trend nachhaltig geschmälert wird, glaube ich nicht.

In die Schlagzeilen kommt Google derzeit vor allem wegen der verrückten Firmenkäufe: intelligente Kühlschränke, Ballone und Drohnen. Lohnt sich das?
Google ist derzeit wohl der innovativste grosse Technologiekonzern. In der Firmen-DNA steckt viel Tüftlergeist. Zwischen interessanten Projekten wie Google Maps, Google Car und den Robotern des Unternehmens Boston Dynamics, das Google kürzlich gekauft hat, könnten Synergien hervorgehen. Spannend ist die Firma damit auf jeden Fall, natürlich spiegelt sich dies aus Aktionärssicht aber auch in einer bereits überdurchschnittlichen Bewertung.

Sind die vielen Projekte und Übernahmen einfach eine Art Bingospiel – man kauft nach dem Zufallsprinzip einige Unternehmen und hofft, dass eines davon gross herauskommt – oder widerspiegelt sich darin eine übergeordnete Strategie?
Ein bisschen von beidem. In den USA hat Google beispielsweise begonnen, Haushalte mit ultraschnellen Glasfasernetzen zu erschliessen – was erst grosses Stirnrunzeln verursachte, weil es bereits viele Netzbetreiber auf dem Markt gibt. Google hegt damit unter anderem die Absicht, die existierenden Provider ihrerseits zu Investitionen zu zwingen, so dass das gesamte Internet schneller wird. Von dieser Entwicklung würde Google mit seinen Cloud-Computing-Diensten enorm profitieren. Die internetbasierten Programme von Google kommen dann voll zur Geltung, wenn die Nutzer schnelle Verbindungen haben. Dies wäre ein Beispiel für eine durchdachte Strategie. Googles Solarthermieprojekte würde ich dann allerdings eher in die andere Kategorie einteilen.

Andererseits drücken die Investitionen auf den Gewinn. Kann sich Google die Milliardenausgaben Quartal für Quartal leisten?
Buchhalterisch betrachtet, ja. Das Unternehmen macht hohe Gewinne und hat netto über 55 Milliarden Dollar an Bargeld verfügbar. Solange es es sinnvoll investiert wird, gibt die rasche Expansion keinen Anlass zu Sorge und für meinen Geschmack stimmt die Akquisitionspolitik von Google. Skepsis ist eher bei Facebook angebracht. Dort werden wirklich grosse Summen ausgegeben, und die Deals werden innert kürzester Zeit durchgezogen, wie der Kauf von Whatsapp gezeigt hat. 19 Milliarden für Whatsapp auszugeben ist riskanter als 3 Milliarden Dollar für intelligente Sensoren und Haussteuerungen zu bezahlen, so wie Google dies bei der Firma Nest getan hat.

Kann sich Google die Experimentierfreudigkeit auch leisten, weil die Gründer Larry Page und Sergey Brin die totale Kontrolle haben?
Das einzigartige an Google ist, dass die Firma gewillt ist, viele verschiedene Dinge auszuprobieren, Risiken einzugehen und auch Fehlschläge zu akzeptieren. Wenn man Akquisitionen nur dann tätigen kann, wenn der Erfolg zu neunundneunzig Prozent sicher ist, dann ist Innovation unmöglich. Google hätte diese Freiheit aber auch ohne die zweigeteilte Aktionärsstruktur. Solange es gut läuft, sind die Investoren zufrieden und billigen auch die Akquisitionen. Die Machtkonzentration an der Spitze von Google beurteile ich eher kritisch. Irgendwann kann die Corporate Governance zum Problem werden, gerade auch im Hinblick auf die hohen Barmittelbestände, die Google anhäuft.

Warum haben Technologietitel wie Google an der Börse zuletzt an Wert verloren?
Nachdem die Bewertungen in den letzten Jahren stark angestiegen sind, ist die jüngste Korrektur sicher nicht ungesund. Wir haben aktuell eine neutrale Sicht zu Google – auch wegen der längerfristigen Risiken rund um den Datenschutz. Wenn die Behörden aus Europa oder gar aus den USA auf eine strengere Linie einschwenken und auch die Konsumenten ihre Daten nicht mehr so freimütig teilen wollen wie heute, dann würde Google davon im Kern getroffen. Das könnte einerseits die Fähigkeit schwächen, die Nutzerdaten zu Werbezwecken auszuwerten, und die Firma andererseits zu Mehrausgaben zwingen – wenn sie beispielsweise ein nationales Rechenzentrum in Brasilien bauen müsste, weil das Land die Speicherung gewisser Daten im Ausland nicht mehr toleriert.

Erstellt: 17.04.2014, 16:15 Uhr

Christian Fröhlich ist Analyst für Technologietitel bei der Zürcher Kantonalbank.

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