Das Boot für Millionäre

Boesch steht für die Luxusklasse der Motorboote. Doch der Unfall auf dem Bielersee trübt den 90. Geburtstag der Zürcher Firma.

Boesch-Werft in Sihlbrugg: Bereits im Rohzustand ist die Eleganz des Holzbootes gut sichtbar.

Boesch-Werft in Sihlbrugg: Bereits im Rohzustand ist die Eleganz des Holzbootes gut sichtbar. Bild: Doris Fanconi

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Die Firma Boesch mit dem schwungvoll geschriebenen Schriftzug steht für Holzboote der Luxusklasse. Seitdem am 11. Juli ein solches Boot über ein Schlauchboot im Bielersee gefahren sein soll, eine junge Frau tödlich verletzte und seine Fahrt einfach fortsetzte, ist der Name auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Klaus Boesch, der zusammen mit seinem Bruder Urs den Betrieb in Kilchberg in der dritten Generation führt, musste plötzlich Auskunft geben zu Fragen über Bootsraser. Er sei gerade in Schweden in den Ferien gewesen, als er via SMS vom Unglück erfuhr, sagt der 69-Jährige. Weil so wenig bekannt sei, habe er den Journalisten nicht viel erzählen können. Der studierte Schiffsbauingenieur glaubt aber, dass der Lenker des Bootes die Kollision hätte spüren müssen. «Es macht mich sehr betroffen, dass er sich nicht gemeldet hat.»

Polizei bekam die Kundenliste

Der Polizei hat Boesch die Namen seiner Kunden auf dem Bieler-, Murten und Neuenburgersee gegeben und ihr erklärt, wie sie die Schiffsschrauben demontieren muss. Obwohl der Firmenchef sagt, «die Marke spielt keine Rolle, der Verursacher ist das Problem», befürchtet Boesch eine Delle für das sonst makellose Image seines Unternehmens. Wenn man in einem solchen Zusammenhang genannt werde, bleibe immer etwas Negatives haften. Doch der Betrieb hatte in seiner Geschichte schon mit schwererem Wellengang zu kämpfen.

In der Boesch-Werft in Sihlbrugg ist die Luft erfüllt vom Holzgeruch und dem Lärm der Maschinen. Die älteste, eine Sägemaschine, stammt aus dem Jahr 1928 und ist damit beinahe so alt wie die Firma. «Sie arbeitet hochpräzise und zuverlässig, eine bessere würde ich heute gar nicht finden», sagt Boesch. Die Qualitäten der Sägemaschine passen bestens zum Image der Marke. Boesch-Boote sind extrem langlebig und auch nach 40 oder 50 Jahren noch bestens im Schuss. Das erklärt den hohen Wiederverkaufswert. Für ein zehnjähriges Boesch-Boot erhält man bis zu 100 Prozent des Kaufpreises oder sogar noch mehr.

Ein aufwendiger Herstellungsprozess sorgt für eine hohe Lebensdauer der Boote. Der Rumpf besteht aus einer steifen Holzkonstruktion in Schichtbauweise, was ihn sehr stabil macht. Die Handwerker verwenden dafür Mahagoni, das zuvor drei Jahre gelagert wurde. Die einzelnen Planken werden mit Phenolresorcinharz verklebt; einer Art schwarzem Leim, den die Engländer im Zweiten Weltkrieg entwickelten. Obwohl es mittlerweile andere Produkte gibt, schwört Boesch auf seinen Wunderkleber. Noch nie habe es in den vergangenen Jahrzehnten ein Problem mit der Verleimung gegeben.

Entstehungsschritte beobachten

Der Bootsbau in den lichtdurchfluteten Werfthallen steht im Zeichen von Handwerk und Tradition. Eine computergesteuerte Fräsmaschine sucht man vergebens. Jedes Stück der bis zu 4000 Einzelteile, die in einem Boot stecken, wird von Hand mit Schablonen ausgesägt. In den einzelnen Hallen der Werft, in denen acht Boote in Arbeit sind, lassen sich die Entstehungsschritte der eleganten Flitzer beobachten – vom Zusägen und Verleimen der Hölzer, über den Bau des Schiffsgerippes, der Montage der Aussenhaut, dem Beizen der Hölzer und dem Einsetzen des Motors.

Beim Betrachten der glänzend polierten Schmuckstücke, muss man unweigerlich mit der Hand über die glatte braunrötliche Mahagoni-Oberfläche fahren. Was sich so fein anfühlt, sind sechs Lagen Epoxidharz, jeweils bei 55 Grad gehärtet, drei Schichten Polyurethan-Lack und drei weitere mit der Spitzpistole aufgetragene Schichten.

Bis zu sechs Monate dauert etwa der Bau der «970 St. Tropez», dem neuen Flaggschiff des Unternehmens. Das fast 10 Meter lange, 4,5 Tonnen schwere und 690'000 Franken teure Boot wurde bisher zweimal verkauft – an «innovative Schweizer Industrielle». Eines dreht auf dem Lago Maggiore seine Runden, das andere steht in finnischen Gewässern im Einsatz. Die «970 St. Tropez» stammt aus der Feder von Klaus Boesch. Ihn fasziniere am Bootsbau, dass man seine persönlichen Ideen und Gefühle einbringen könne. Jedes Boot entwirft, berechnet und zeichnet er von Hand. Dies sei auch der Grund, weshalb er bewusst keinen Internetanschluss in seinem Büro habe. «Das zwingt einen, den Stil beizubehalten.» Wenn man verkabelt sei, werde man ständig durch irgendetwas unterbrochen. Ist ein Boot fertig, empfindet er bei der Übergabe jedes Mal «einen Trennungsschmerz».

In den Grundzügen unterscheidet sich die Arbeitsweise nicht wesentlich von jener Jakob Boeschs, Klaus Boeschs Grossvater, der das Unternehmen 1920 gründete. Er übernahm damals die Werft Treichler & Co in Kilchberg, die in Konkurs gegangen war. In den Anfangszeiten baute er alles, was die Kundschaft wünschte: Ruder-, Segel oder Motorboote und Jachten. In den 30er-Jahren machte er erste Versuche mit reinen Gleitbooten. Sein Sohn Walter Boesch entwickelte schliesslich das Horizon-Gliding, das den legendären Ruf der Marke begründen sollte. Das Boot liegt dabei dank seines Gleitbodens in gemässigter V-Form, einem Mittelmotor im Schwerpunkt und einer direkten Propellerwelle sehr flach und ruhig im Wasser.

Ölkrise brachte Firma in Bedrängnis

Weil die Boote dadurch wenig Wellen verursachen, entwickelten sie sich rasch zum offiziellen Zugboot an Wasserskimeisterschaften. Als Klaus Boesch gebeten wurde, Boote für den wellenintensiven Trendsport Wakeboarden herzustellen, winkte er ab. Das würde gar nicht zur Firmenphilosophie passen. Auch Kunden mit ausgefallenen Wünschen, die quer zu dieser Philosophie stehen, müssen ihre Ideen auf ein traditionsverträgliches Mass reduzieren: Als ein Kunde ein pechschwarzes Boot orderte, legte Boesch sein Veto ein. Am Ende einigte man sich auf einen dunklen Anstrich, bei dem aber die Holzstruktur durchschimmert.

Die Ölkrise in den 70er-Jahren und der massive Zerfall des Dollars brachten die Firma in grösste Bedrängnis. Quasi über Nacht waren ihre Boote nicht mehr 30 Prozent günstiger, sondern 30 Prozent teurer als die US-Konkurrenz. «Da standen wir füdliblutt da und mussten uns auf unsere Stärken konzentrieren», so Boesch. Das hiess: weniger Modelle mit noch mehr Luxus.

Rückblickend sei es ein Glücksfall gewesen, dass sich die Firma aus dem Markt mit hohen Stückzahlen zurückgezogen habe. Die Schweiz sei dafür nicht gemacht. Während Boesch erfolgreich seine Position verteidigte und ausbaute, mussten viele andere heimische Bootsbauer ihr Geschäft aufgeben. Dies zeigt auch ein Blick in die Statistik: Stammten Mitte der 50er-Jahre 95 Prozent aller auf Schweizer Gewässern zugelassenen Boote aus heimischen Werften, waren es 1980 gerade noch rund 10 Prozent.

Mit E-Booten auf Expansion

Klaus Boesch geht durch die Werfthallen und betrachtet sein jüngstes Werk: ein Motorboot mit einem Elektromotor der 100 kW leistet, was 136 PS entspricht. Weltrekord. E-Boote sind seit 1997 im Programm und haben im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen und machen mittlerweile 30 Prozent des Umsatzes aus. Das ab September erhältliche Boot kostet rund 300'000 Franken und ist damit etwa doppelt so teuer wie das Pendant mit V8-Motor.

Zu den Kunden würden Leute mit ausgeprägtem ökologischem Gewissen gehören oder solche, die auf Seen fahren möchten, auf denen Benzinmotoren verboten seien. Was Boesch mit seinen Elektrobooten, ist Tesla auf der Strasse. Er sei mit dem Hersteller der batteriegetriebenen Sportwagen im Gespräch, um Kooperationen auszuloten.

Den Bereich mit den E-Booten will Boesch noch weiter ausbauen. Sobald ein Nachfolger für ihn bestimmt ist, möchte sich der 69-Jährige langsam aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Mit Sohn Markus, der das Marketing leitet, steht schon ein Vertreter der 4. Generation Boesch bereit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2010, 06:31 Uhr

Schiffbauingenieur Klaus Boesch zeichnet und entwickelt seine Boote von Hand. (Bild: Doris Fanconi)

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