Wirtschaft

Das Ende einer über 100-jährigen Firmengeschichte

Am Anfang standen Staubsauger und Herdplatte: Die schwedische Electrolux und die Schweizer Therma begannen mit Erfindungen. Die eine Firma kämpft heute um den Weltmarkt, die andere ist wohl bald am Ende.

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Florierende Geschäfte in den USA füllen der schwedischen Electrolux die Kassen, doch in der Schweiz schliesst die Firma ihr Werk in Schwanden GL. Die Gewerkschaft Syna zeigt sich empört: Erstens stehe die Schliessung im Widerspruch zu einem solch satten Gewinn – und zweitens habe die einem Gesamtarbeitsvertrag unterstehende Firma nicht wie üblich das Konsultationsverfahren begonnen, bevor öffentlich informiert worden sei. «Sobald die Pressemitteilung draussen ist, ist die Entlassung in den Köpfen drin», sagt Guido Schluep, Zentralsekretär Maschinenindustrie bei der Syna. Somit drohe das Konsultationsverfahren, in dem Vorschläge zur Rettung des Betriebes gemacht werden könnten, zu einer Farce zu verkommen.

Als Gründe für die beabsichtigte Schliessung führt Electrolux eine sinkende Nachfrage nach Haushaltsgeräten in Europa und Überkapazitäten in der Produktion an. Zudem verweist das Unternehmen darauf, dass es die neuen, strengeren Vorschriften zur Führung des Labels Swiss made nicht mehr erfüllen könne, da die Einzelteile der in Schwanden montierten Haushaltsgeräte aus verschiedenen Ländern stammten.

Hundertjährige Geschichte

Wird die Fabrik in Schwanden geschlossen, geht damit eine mehr als hundertjährige Geschichte zu Ende. 1907 gründete der Tüftler Samuel Blumer die Firma Therma und führte sie mit einer selbst entwickelten Kochplatte zum Erfolg. 1931 trugen gar 70 Prozent aller Haushaltsapparate in der Schweiz den Namen Therma. Später kamen Kühlschrank, Geschirrspüler und Heissluftbackofen dazu.

Die schwedische Electrolux blickt auf eine gar noch längere Geschichte zurück: 1901 als Produzentin von Kerosinlampen gegründet, wurde der vom schwedischen Verkäufer Axel Wenner-Gren entworfene Staubsauger der grosse Verkaufsschlager. Anders als die Therma expandierte Electrolux aber rasch ins Ausland: 1927 baute die Firma Staubsaugerfabriken in England, 1933 in den USA.

Rapides Wachstum durch Übernahmen

Ende der 70er-Jahre begann Electrolux, durch Übernahmen rapide zu wachsen: 1978 übernahm sie die Schweizer Therma, später folgten die italienische Zanussi, die deutsche AEG und viele weitere Firmen. Lange folgte das Unternehmen dabei demselben, sich bewährenden Rezept: Die lokal verankerten Marken wurden beibehalten und die verschiedenen Firmenkulturen blieben erhalten, wie die Organisationspsychologin Alzira Salama 2012 in einer Analyse festhielt – die von viel Mitsprache und Flexibilität geprägte schwedische Kultur etwa ersetzte nicht die hierarchischere italienische bei Zanussi.

Inzwischen hat der Weltkonzern seine Strategie geändert. Die Therma bekam dies bereits 1998 zu spüren: Damals wurde sie mit dem Schweizer Ableger der deutschen AEG zusammengeführt. 2005 entschied sich Electrolux schliesslich, die Marke Therma einzustellen, in Schwanden unter der eigenen Marke aber weiter für den Schweizer Markt zu produzieren.

Kampf um die Weltmarktführung

Auch wenn viele der Marken wie Zanussi und AEG weitergeführt werden, verzahnt Electrolux die Produktion im Hintergrund immer stärker und verlagert seit 2002 auch zahlreiche Stellen von West- nach Osteuropa. Auch die USA blieben unter dem damals neuen CEO Hans Straberg von den «Restrukturierungen» nicht verschont: In den 2000er-Jahren schloss Electrolux fünf Werke in den USA und Kanada und schuf dafür neue Arbeitsplätze unter anderem in Mexiko.

Angst vor weiteren Fabrikschliessungen haben aktuell Mitarbeitende der Haushaltsgerätesparte des Industriekonzerns General Electric (GE). Diese hat Electrolux kürzlich für 3,3 Milliarden Dollar übernommen. Wie der Sender WDRB berichtete, liegen die Löhne der beiden Unternehmen dabei teilweise weit auseinander. Während Electrolux in einer brandneuen Backofenfabrik in Memphis, Tennessee, im Minimum 12 Dollar pro Stunde und im Durchschnitt 14.65 Dollar bezahle, seien es bei einer GE-Fabrik in Louisville im Minimum 15.51 Dollar; langjährige Mitarbeiter könnten gar bis zu 30 Dollar verdienen.

Mit der Übernahme in den USA ist nun vollends klar: Electrolux kämpft mit dem US-Rivalen Whirlpool und dem chinesischen Hersteller Haier um die Weltmarktführung. Aus der Schweiz verschwinden wird Electrolux auch nach der Schliessung des Werks in Schwanden aber zumindest vorerst nicht: In Sursee fertigt das Unternehmen Küchenausstattungen für Restaurants und Grossküchen. Insgesamt beschäftigt Electrolux in der Schweiz 700 Mitarbeitende neben den 150 in Schwanden.

Artikel mit Material der Nachrichtenagentur SDA. (mw)

Erstellt: 20.10.2014, 22:09 Uhr

Reingewinn kräftig gesteigert

Der Reingewinn von Europas grösstem Haushaltsgerätehersteller stieg im dritten Quartal überraschend kräftig um 42 Prozent auf 933 Millionen schwedische Kronen (rund 123 Millionen Franken).

Der Umsatz legte im dritten Quartal um 5,6 Prozent auf 28,8 Milliarden schwedische Kronen zu, wie das Unternehmen am Montag in Stockholm mitteilte. Sorgen bereitet dem Konzern das Europa-Geschäft: In Westeuropa stieg der Absatz lediglich um ein Prozent.

Während Electrolux in den USA weiter von einem Marktwachstum von vier Prozent ausgeht, wird dieses in Europa wohl eher am unteren Ende der prognostizierten Spanne von einem bis drei Prozent liegen. Auch die Wirtschaftsabkühlung in Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas macht dem Unternehmen zu schaffen.

Das Markt- und das Wettbewerbsumfeld in Europa und der Schweiz seien extrem herausfordernd, stellte Electrolux fest. Im glarnerischen Schwanden, wo die Produktion aus Unternehmersicht in Zukunft nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann, soll daher die Fabrik geschlossen werden. (sda)

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