Das Ende eines Zuger Gashändlers

Die Neuordnung des Gasgeschäfts zwischen Russland und der Ukraine hat auch Folgen in der Schweiz: Die berüchtigte Zuger Gashandelsfirma Rosukrenergo wird liquidiert.

Apparaturen einer Erdgas-Anlage in der Zentralukraine. Foto: Gleb Garanich (Reuters)

Apparaturen einer Erdgas-Anlage in der Zentralukraine. Foto: Gleb Garanich (Reuters)

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Er war der Stargast der Veranstaltung: Begleitet von Bodyguards, bedrängt von Journalisten, umringt von westlichen Investoren – so trat Oligarch Dmitri Firtasch, einer der reichsten Männer der Ukraine, diese Woche bei der Podiumsdiskussion «Die Ukraine in Europa» in der Wiener Hofburg auf. Am Podium sprach Firtasch über die Zukunft seiner Heimat, die seiner Meinung nach nur durch Dialog zwischen Europa und Russland gesichert werden könne.

Danach aber bestätigte er Tagesanzeiger.ch/Newsnet, dass er sich gerade von einem bedeutenden Teil seiner Vergangenheit trennt: Ja, die in Zug registrierte Gashandelsfirma Rosukrenergo werde aufgelöst. Das Unternehmen habe seine Aufgabe erfüllt, «wir sehen keinen Sinn darin, es weiterzuführen». Schulden gebe es keine, «im Gegenteil: Wir sollten noch Geld bekommen.» Mit der Liquidierung des Unternehmens ist der Zürcher Treuhänder Lars Haussmann betraut, der seit Gründung von Rosukrenergo im Verwaltungsrat sitzt. Haussmann beantwortete die Fragen des Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht. Und der Zuger Finanzdirektor Peter Hegglin wollte sich zu den Konsequenzen für seinen Staatshaushalt nicht äussern.

Rosukrenergo hat seinen Sitz in einem der vielen gesichtslosen Bürogebäude an der Zuger Bahnhofstrasse. Das Unternehmen gehört zu 50 Prozent dem russischen Gaskonzern Gazprom und zu 50 Prozent der österreichisch-ukrainischen Firma Centragas. Diese wiederum gehört zu 90 Prozent Firtasch und zu 10 Prozent dem ukrainischen Bankier Iwan Fursin. Der Beschluss zur Auflösung sei gemeinsam mit Gazprom getroffen worden, sagt Firtasch.

Persönlich dürfte ihn der Verlust der Zuger Firma nicht besonders treffen. Für seine Holding Group DF ist der Gashandel nur ein kleiner Teil eines ausgedehnten Firmennetzwerks mit Düngemittelproduzenten, Titanminen, Banken, landwirtschaftlichen Betrieben, Immobilienfirmen und dem grössten ukrainischen Fernsehsender. In Wien hält sich der 49-jährige zurzeit zwangsweise auf. Er wurde im Frühjahr aufgrund eines internationalen Haftbefehls in Polizeigewahrsam genommen, kurz darauf aber für eine Kaution von 125 Millionen Euro wieder freigelassen. Der Haftbefehl kommt aus den USA, wo ihn ein Staatsanwalt der Bestechung und Bildung einer kriminellen Vereinigung verdächtigt. Firtasch muss in Österreich bleiben, bis ein Gericht über eine Auslieferung entscheidet.

Zwielichtige Besitzverhältnisse

Allerdings wird mit der Liquidation der Firma ein Kapitel im Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine beendet. Ros­ukrenergo wurde im Juli 2004 durch einen Vertrag zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und dem damaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma gegründet. Als im Januar 2006 die Ukraine russisches Gas nicht mehr zahlen konnte und Russland die Lieferungen einstellte, wurde die Zuger Firma überraschend zur Lösung des Konflikts herangezogen. Rosukrenergo kaufte billiges Gas in Zentralasien und verkaufte es in der Ukraine.

Verdächtig machte sich das Unternehmen vor allem durch die Verheimlichung der Eigentümer. Erst nach massivem Druck aus Washington gaben sie sich zu erkennen. Die Amerikaner vermuteten den weltweit gesuchten Mafiapaten Semjon Mogilewitsch als Drahtzieher hinter der Zuger Firma. Firtasch bestritt das. Wegen der Gerüchte um kriminelle Verbindungen stieg 2005 die Schweizer KPMG Fides Peat als Revisionsstelle bei Rosukrenergo aus: Es bestehe das Risiko einer Rufschädigung.

Drei Jahre lang wurden alle Gasimporte in die Ukraine über Rosukrenergo abgewickelt. Das Unternehmen machte jährlich an die 700 Millionen Franken Gewinn. Auch in die EU wurde Gas exportiert. Über seine zypriotische Holding Mabofi besass Firtasch die ungarische Gashandelsfirma Emfesz, die von Rosukrenergo billiges Gas bezog und es in Ungarn verkaufte. In seinem besten Jahr 2008 setzte Emfesz 800 Millionen Franken um und deckte ein Viertel des ungarischen Gasbedarfs.

2009 beendete die damalige ukrainische Regierungschefin Julija Timoschenko den für Firtasch so lukrativen Gaszwischenhandel. Timoschenko bezeichnete Rosukrenergo als «Krebsgeschwür im Körper des ukrainischen Staates». Dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet entgegnete Firtasch im Mai 2014 in einem Interview, dass die Ukraine noch heute billiges Gas bekommen könnte, wäre der Vertrag mit seiner Firma nicht gekündigt worden. «Wäre ich wirklich so böse, hätte der Gaspreis sinken müssen, nachdem ich aus dem Geschäft gedrängt worden war. Tatsächlich stieg er auf 450 bis 500 Dollar. Heute ist die Ukraine abhängig von russischem Gas. Gazprom hat das Monopol.»

Zuletzt einigten sich Russland und die Ukraine unter Vermittlung der EU-Kommission Ende Oktober 2014 auf Gaslieferungen bis März 2015 zu einem Preis von 385 Dollar pro tausend Kubikmeter. Die Ukraine muss allerdings im Voraus zahlen. Firtasch glaubt, dass der Vertrag nicht halten werde und der Ukraine diesen Winter eine Energiekrise drohe.

Ein Rechtsstreit zwischen dem staatlichen ukrainischen Gaskonzern Naftogas und Rosukrenergo beschäftigt internationale Schiedsgerichte bis heute. Ros­ukrenergo beschuldigte Naftogas, Gas aus den Speichern gestohlen zu haben, ein Gericht in Stockholm verurteilte den Staatskonzern zu 200 Millionen Dollar Strafe und der Rückgabe von 11 Milliarden Kubikmetern Gas an Rosukrenergo. Naftogas kaufte die Gasmenge in Russland für gegen 230 Dollar pro tausend Kubikmeter, musste also über 2,5 Milliarden zahlen. Die neue ukrainische Regierung unter Premier Arseni Jazenjuk möchte sich Geld oder Gas von Rosukrenergo zurückholen: Anfang Oktober kündigte Energieminister Juri Prodan an, die Entscheidung des schwedischen Schiedsgerichts anfechten zu wollen.

Weitere Firma in Zug

Dmitri Firtasch hatte gute Kontakte zu Wiktor Janukowitsch, dem prorussischen Ex-Präsidenten der Ukraine, der im Februar vor der Maidan-Bewegung nach Russland floh. Zu den neuen Machthabern rund um Jazenjuk und Präsident Petro Poroschenko sind Firtaschs Beziehungen eher kühl. Der Regierungswechsel in Kiew dürfte deshalb die Entscheidung zur Liquidation von Rosukrenergo deutlich beschleunigt haben. Firtasch hat offiziell keine Funktion in der ukrainischen Politik, er ist allerdings Vorsitzender des ukrainischen Unternehmerverbands. Seine engsten Vertrauten wurden Ende Oktober auf der Liste des «Oppositionsblocks» ins Parlament gewählt. Zu den neuen Abgeordneten gehören der Mitbesitzer von Rosukrenergo, Iwan Fursin, sowie der Firtasch-Berater und frühere Energieminister, Juri Bojko. Er hatte den für Rosukrenergo so vorteilhaften Gasliefervertrag ausgehandelt.

In Zug besitzt Firtasch weiterhin die Chemie-Handelsfirma Ostchem, die unlängst in eine AG umgewandelt wurde. Seine ungarische Gashandelsfirma Emfesz wurde 2009 gegen seinen Willen an die ebenfalls in Zug registrierte Firma Rosgas verkauft. Ungarische Medien vermuteten, dass Rosgas entweder Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes gehörte oder eine Scheinfirma der russischen Gazprom sei, die Firtasch aus dem Geschäft drängen wolle. Firtasch klagte gegen die feindliche Übernahme und gewann vor einem ungarischen Gericht. Emfesz gehört jetzt wieder ihm, wurde allerdings finanziell ausgehöhlt. Rosgas befindet sich seit Sommer 2014 in Liquidation – genau wie Rosukrenergo.

Erstellt: 05.11.2014, 23:00 Uhr

Rosukrenegro hat seine Aufgabe erfüllt
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Dmitri Firtasch
Oligarch

Chronologie

Der Gasstreit und Rosukrenergo

Juli 2004: Gründung von Rosukrenergo durch die Präsidenten Wladimir Putin (Russland) und Leonid Kutschma (Ukraine). Sitz des Unternehmens wird Zug, Verwaltungsratspräsident der Zürcher Treuhänder Lars Haussmann. Die Eigentümer bleiben geheim.

November 2004: Präsidentschaftswahlen und Orange Revolution in der Ukraine.

Dezember 2004: Wiederholung der Präsidentschaftswahlen. Der Reformer Wiktor Juschtschenko wird Präsident.

Januar 2006: Russland erhöht Gaspreis für die Ukraine von 50 auf 230 Dollar pro 1000 Kubikmeter. Weil die Ukraine nicht zahlen will, werden die Gaslieferungen eingestellt.

Januar 2006: Einigung im Gasstreit durch den Einbezug von Rosukrenergo: Gazprom bekommt von der Ukraine 230 Dollar pro 1000 Kubikmeter, Rosukrenergo kauft in Turkmenistan Gas für einen Preis um 50 Dollar und verkauft es in der Ukraine für gegen 95 Dollar. Der Vertrag ist auf 5 Jahre ausgelegt.

April 2006: Nach heftigem Druck der USA müssen sich die Besitzer von Rosukrenergo zu erkennen geben: Gazprom und Centragas.

Dezember 2007: Julija Timoschenko wird Ministerpräsidentin der Ukraine.

März 2008: Russland verlangt von der Ukraine die sofortige Begleichung der Schulden über 1,3 Milliarden Dollar und reduziert die Gaslieferungen um 50 Prozent. Die Ukraine drosselt den Gastransit nach Westeuropa. Der Streit wird in Verhandlungen beigelegt, in der Ukraine vertieft sich der Riss zwischen Timoschenko und Präsident Juschtschenko.

1. Januar 2009: Russland stellt erneut die Gaslieferungen ein. Daraufhin leitet Kiew kein Gas mehr nach Westeuropa weiter. Es kommt zur Energiekrise, vor allem in der Slowakei, Ungarn, Bulgarien und in Serbien. Russland fordert jetzt 450 Dollar pro 1000 Kubikmeter, die Ukraine will nur 235 Dollar bezahlen.

März 2009: Timoschenko und Putin schliessen einen Vertrag, dank dem Gaslieferungen in die Ukraine direkt zwischen Gazprom (Russland) und Naftogaz (Ukraine) ab­gewickelt werden. Rosukrenergo verliert sein wichtigstes Geschäft. Das in seinem Besitz befindliche Gas muss die Firma an Naftogaz übergeben.

Februar 2010: Wiktor Janukowitsch ­(prorussisch) wird Ministerpräsident. ­Rosukrenergo darf wieder Gas in die Ukraine liefern.

2011: Ein Schiedsgericht in Schweden ­ver­urteilt Naftogaz dazu, Rosukrenergo 11 Milliarden Kubikmeter Gas zu übergeben. Der Weltmarktpreis beträgt zwischen 2,5 und 3,3 Milliarden Dollar.

August 2011: Julija Timoschenko wird verhaftet. Ihr wird unter anderem vorgeworfen, sie habe den Gasdeal mit Russland illegal abgeschlossen und die Ukraine geschädigt.

Oktober 2011: Timoschenko wird zu sieben Jahren Haft verurteilt.

November 2013: Präsident Wiktor ­Janukowitsch bricht Verhandlungen für ein Asso­ziierungsabkommen mit der EU ab. In Kiew entsteht das Euromaidan-Protestcamp.

Februar 2014: Spezialkräfte der Polizei schiessen in die Menge auf dem Euromaidan, etwa 100 Menschen sterben. Janukowitsch flieht nach Russland. Eine Übergangsregierung wird gebildet. Timoschenko wird freigelassen und rehabilitiert. Russland annektiert die Krim und erhöht den Gaspreis für die Ukraine auf 485 Dollar pro 1000 Kubikmeter.

März 2014: Dmitri Firtasch wird in Wien verhaftet, nach Zahlung von 125 Millionen Dollar aber auf freien Fuss gesetzt. Grund für die Verhaftung: ein internationaler Haftbefehl der USA.

Juni 2014: Petro Poroschenko wird zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Rosukr­ener­go verliert endgültig das Geschäft in der Ukraine. Die ukrainische Regierung unter Arseni Jazenjuk will sich von ­Rosukrenergo die 11 Milliarden ­Kubikmeter Gas zurückholen.

Juli 2014: Die beiden Aktionäre von ­Rosukrenergo beschliessen die Liquidierung des Unternehmens.

Oktober 2014: Unter Vermittlung der EU einigen sich Russland und die Ukraine auf Gaslieferungen über den Winter zu 385 Dollar pro 1000 Kubikmeter.

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