Das Experiment Fernbus ist erstmal gescheitert

Die Eurobus Swiss-Express stellt den Fernbusverkehr in der Schweiz ein. Der Betreiber kritisiert das Bundesamt für Verkehr und die Konzessionsvergabe.

Verschwindet von der Bildfläche: Nationale Busfernverbindung zwischen Genf und St. Gallen. (Keystone/Léandre Duggan/10. Juni 2019)

Verschwindet von der Bildfläche: Nationale Busfernverbindung zwischen Genf und St. Gallen. (Keystone/Léandre Duggan/10. Juni 2019)

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Es war von Anfang an keine Erfolgsgeschichte: Im Februar 2018 erhielt mit Domo das erste Mal ein Unternehmen eine Konzession für einen Fernbusbetrieb innerhalb der Schweiz. Die Erteilung der Konzession war eine regelrechte Zangengeburt, wie Dokumente belegen, die dieser Zeitung vorliegen. Unzählige Mails zwischen Domo und dem Bundesamt für Verkehr waren nötig, damit überhaupt eine Konzession zustande kam. Kurze Zeit später übernahm dann Eurobus den Betrieb. Doch auch den Aargauern aus dem Hause Knecht Gruppe wollte der Durchbruch nicht gelingen.

Nun ziehen sie die Notbremse. Ab Mitte November werden die drei Linien eingestellt. Nicht klar ist zurzeit, was mit den rund 20 Mitarbeitern passiert. Man sei zuversichtlich, dass sich für sie innerhalb oder ausserhalb der Unternehmensgruppe eine Lösung finden lässt, lässt sich Geschäftsführer Roger Müri in einer Mitteilung zitieren.

Die Kundenurteile seien zwar positiv und die Passagierzahlen stiegen, die Nachfrage blieb aber deutlich unter den Erwartungen, schreibt die Firma in einer Stellungnahme. Doch: «Damit der Fernbus in der Schweiz seine Rolle als sinnvolle Ergänzung des öffentlichen Verkehrs finden kann, ist eine Gesetzgebung und Auslegungspraxis erforderlich, welche berücksichtigt,dass der Bus schnell und flexibel auf die effektive Nachfrage reagieren kann», so Müri. Diese gesetzlichen Rahmenbedingungen und somit die angewandte Praxis für Anpassungen der Bewilligung würden aber zurzeit nicht dieser Voraussetzung entsprechen.

Konkret spricht Müri ein Thema an: Eurobus wollte im vergangenen Juli die Fahrpläne anpassen, weil auf gewissen Strecken die Nachfrage sehr tief war. Von sich aus durfte die Firma nicht einfach die Routen ändern, weil die vom Bund vergebene Konzession klar definiert, was Eurobus anbieten muss.

Schutz vor Konkurrenz

Zuständig für die Erteilung einer Konzession ist das Bundesamt für Verkehr. Da habe man die Aussagen von Eurobus zur Kenntnis genommen, insbesondere die Betonung der Trägheit des Konzessionierungsverfahrens, sagt ein Sprecher. Doch: «Eine häufige Anpassung von Fahrplänen, Haltestellen und Linienführung an die gerade herrschende Nachfrage widerspräche im konzessionierten Fernbusverkehr den gesetzlichen Rahmenbedingungen», so der Sprecher weiter. Konzessionen hätten im Interesse ein Gesamtsystem des öffentlichen Verkehrs im Auge. Auf der anderen Seite profitiere dafür das konzessionierte Transportunternehmen aber auch von einem gewissen Konkurrenzschutz. Dieser Schutz sei aber laut Müri nicht klar geregelt. Laut dem Gesetz dürfen neue Konzessionen bestehende Konzessionäre nicht gefährden. Wie dieser Schutz im Fall von Eurobus aber ausgelegt werden soll, sei unklar, schreibt die Firma. «Diese Rechtsunsicherheit geht zulasten des Erstanbieters, der viel Geld und Zeit in die Aufbauarbeit investiert», so Müri weiter. Vor diesem Hintergrund könne man keine weitere Aufbauarbeit betreiben.

Doch Eurobus hatte auch hausgemachte Probleme: Werbemassnahmen für das Angebot waren rar. Nach anfänglicher Offensive hörte und sah man von der Firma praktisch nichts mehr. Zudem konnte man den Vorteil, mit dem grossen Deutschen Unternehmen Flixbus als Partner nicht nutzen. Denn die Billette für die Fernbusverbindungen in der Schweiz sind in der Vertriebslandschaft von Flixbus integriert. Für Kunden ein Vorteil: Ohne die Plattform zu wechseln konnten Busverbindungen von Deutschland in die Schweiz und von da weiter auf den drei innerschweizerischen Fernbuslinien von Eurobus gebucht werden.

Zusammenarbeit mit SBB?

Laut Eurobus soll dies nicht das Ende sein. «Wir sind bei geklärten Rahmenbedingungen gerne bereit, ein neuerliches Engagement in Betracht zu ziehen, da wir von der potenziell ergänzenden Wirkung des Fernbusses in der Schweiz überzeugt sind», so Müri.

Und einen Trumpf hat Eurobus noch. Wie SBB-Chef Andreas Meyer am Montag sagte, planen die Bundesbahnen mit Eurobus zusammenzuarbeiten. Sie interessieren sich dafür, dass Eurobus am Morgen, wenn noch keine Züge fahren, die Flughäfen bedient. Ein entsprechendes Gesuch ist beim Bundesamt für Verkehr hängig.

Nach dem angekündigten Rückzug von Eurobus wittert das österreichische Unternehmen Dr. Richard Morgenluft. Die Firma zeigte sich gestern Abend in einer Mitteilung bereit dafür, in die Lücke zu springen. Was Dr. Richard noch fehlt: Eine Konzession. diese Vergabe zieht sich mittlerweile seit einem Jahr hin. Ein Problem war auch, dass Dr. Richard den Betrieb von Eurobus als Erstkonzessionär nicht gefährden durfte. Nun ist Eurobus vom Markt, entsprechend steigen die Chancen für die Firma mit Hauptsitz in Österreich, dass sie eine Konzession erhält.

Erstellt: 30.10.2019, 19:09 Uhr

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