Analyse

Das Führungsproblem der CS

Ein schwacher CEO Brady Dougan, ein lavierender Präsident Urs Rohner und Pannen, wohin man schaut: Die Grossbank Credit Suisse hat ein Führungsproblem.

Unter Druck: Präsident des Verwaltungsrates Urs Rohner (rechts) und Bankchef Brady Dougan.

Unter Druck: Präsident des Verwaltungsrates Urs Rohner (rechts) und Bankchef Brady Dougan. Bild: Keystone

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Zurzeit scheint die Credit Suisse das Pech geradezu magisch anzuziehen. Aktuelles Beispiel: Ein Mitarbeiter lässt sich streng vertrauliche Daten deutscher Kunden auf seinen PC laden um die geheime Liste beim internen Stellenwechsel von der Schweiz nach Deutschland gleich mitzuzügeln. Leider kam die Liste dort aber sofort ans Licht, als die deutschen Steuerfahnder vor 17 Monaten die Credit-Suisse-Büros in Frankfurt filzten.

Zweites Beispiel: Anfang April erlässt die Schweizer Bundesanwaltschaft Haftbefehl gegen deutsche Steuerfahnder. Die Credit Suisse erlässt ein internes Reiseverbot für ihre Banker und giesst damit zusätzlich Öl ins Feuer um den eskalierenden Steuerstreit. Leider war die Information über das Reiseverbot aber weder für die Öffentlichkeit bestimmt noch war das Verbot wirklich ernst gemeint. Ein übermotivierter Mitarbeiter habe eine Mail mit falschem Inhalt fälschlicherweise in der Welt herumgeschickt, liessen die PR-Spezialisten der Bank später verlauten.

Drittes Beispiel: Im Juni stellt der Finanzstabilitätsbericht der Schweizerischen Nationalbank die Credit Suisse an den Pranger. Die Bank verfüge mit Blick auf die instabile Wirtschaftslage über zu wenig verlustabsorbierendes Eigenkapital und müsse sich dieses noch im laufenden Jahr beschaffen. Die Credit-Suisse-Führung wies die Kritik zunächst entrüstet zurück um kurz darauf Einlenken zu signalisieren. Die Episode hat den Börsenwert um mehr als zwei Milliarden Franken geschmälert. Der Verlust ist bis heute nicht aufgeholt.

Keine Alternativen

Diese jüngsten Ereignisse bilden lediglich die Fortsetzung einer langen, von Rückschlägen und Enttäuschungen geprägten Geschichte. Sowohl im Innern der Bank wie auch in der Öffentlichkeit heisst es schon seit längerer Zeit, Konzernchef Brady Dougan sitze nicht mehr fest im Sattel. Über Alternativen zum ehemaligen Investment Banker aus Amerika wurde in den Medien denn auch fleissig spekuliert. Nur: überzeugende Namen fielen bislang keine. Kolportiert wurde auch schon, der Verwaltungsrat bastle an einer Short-List möglicher CEO-Kandidaten.

Doch «welcher fähige Banker», fragt ein Brancheninsider mit unverhohlenem Sarkasmus, «will sich diesen Job überhaupt antun?» Der Branchenkenner spricht auf den Verwaltungsrat an, dem es offensichtlich an Kraft und Einigkeit fehlt um die Schwächen der operativen Leitung auszugleichen. Noch im April dieses Jahres, wenige Tage vor seiner Wahl zum Verwaltungsratspräsidenten, erklärte Urs Rohner der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» ohne Umschweife: «Brady Dougan ist der Mann der Stunde bei der Credit Suisse, darüber gibt es für mich keinen Zweifel.» Seither ist der Neo-Präsident und frühere Chefjurist der Grossbank auf Tauchstation.

Ein dürre Mitteilung über die erzielten Fortschritte bei der Umsetzung der Kapitalplanung war alles, was der Verwaltungsrat nach dem folgenschweren Hick-Hack mit der Nationalbank zur Entlastung des eigenen Managements zu sagen hatte. Alsbald kursierten Gerüchte über mögliche Grossverluste der Credit Suisse im zweiten Quartal. Die Bank konterte Ende Juni mit einer Kurzmitteilung: Alle Divisionen hätten auf Grundlage der bisher verfügbaren Informationen profitabel gearbeitet. Dadurch wurde die angeschlagene Stellung Dougans freilich nicht besser.

Vor einer Woche meldete sich deshalb der ehemalige Credit-Suisse-Präsident und Noch-Verwaltungsrat Walter Kielholz zu Wort: «Herr Dougan ist weltweit einer der erfahrensten Banken-CEO, und er hat die CS mit sicherer Hand durch die Krise 2008 geführt», erklärte er in der «Aargauer Zeitung». «Den verantwortlichen Personen, die lange mit ihm zusammenarbeiten, ist dies wohl bewusst.» «Rohner hat als Präsident offensichtlich Angst davor, sich schützend vor seinen CEO zu stellen», kommentiert ein in der Finanzbranche gut vernetzter Multi-Verwaltungsrat. «So wird die Suche nach einer Alternative zu Dougan umso schwieriger.»

Frustrierte Mitarbeiter

Das gravierende Führungsvakuum hat sich längst auch auf die Stimmung im Fussvolk der Bank niedergeschlagen. Viele Leute sind frustriert und empfinden die ausufernde Bürokratie und die strenge Hierarche im Unternehmen zunehmend als demotivierend. Vor diesem Hintergrund kann auch die Anhäufung von Pannen gesehen werden.

Offensichtlich verlassen sich viele Mitarbeiter statt auf die Organisation lieber auf ihr eigenes Urteil. So entstehen Fehler, die im Nachhinein kaum erklärbar sind. «Ein Unglück kommt selten allein», sagt der Volksmund und die Weisheit hat eine einfache Erklärung: Man erleidet ein Unglück, wird vorsichtig, achtet nur noch darauf, Gefahren abzuwehren – und provoziert damit prompt das nächste Malheur.

Artikel übernommen aus der Basler Zeitung.

Erstellt: 14.07.2012, 11:31 Uhr

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