Das Milliardengeschäft mit hungrigen Kunden

Nudelsuppe vom Lieblings-Asiaten statt selber kochen? Jetzt wollen Lieferdienste den Schweizer Markt erobern.

Seit rund zwei Jahren im Geschäft: Uber Eats ist in kürzester Zeit einer, der grössten Essenslieferdiensten geworden. Foto: iStock

Seit rund zwei Jahren im Geschäft: Uber Eats ist in kürzester Zeit einer, der grössten Essenslieferdiensten geworden. Foto: iStock

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Mit ihren grün-schwarzen, überdimensionierten Rucksäcken flitzen sie auf Velos oder Rollern durch die Stadt. Die Aufschrift «Uber Eats» verrät es. Sie liefern Essen für den gleichnamigen Fahrdienstanbieter aus.

Vor gut drei Wochen hat das amerikanische Unternehmen, das im Mai an die New Yorker Börse gegangen war, seinen Dienst in Zürich gestartet und versucht, die Deutschschweiz zu erobern.

Zuvor hatte sich Uber Eats bereits in Genf und Lausanne niedergelassen. In Basel will die Gesellschaft in den kommenden Wochen starten. Uber fordert mit dieser Offensive den Marktführer Just Eat heraus, der 2007 als Eat.ch gegründet wurde und vor vier Jahren vom britischen Konkurrenten Just Eat übernommen wurde. Heute wickelt Just Eat in der Schweiz jede dritte Onlinebestellung ab.

Zweistelliges Wachstum

Die Schweiz sei ein interessanter Markt, sagt Thomas Lang vom E-Commerce-Berater Carpathia. «Mit den zehn grössten urbanen Gebieten erreicht man rund 80 Prozent der Bevölkerung», so Lang. Damit hielten sich die Investitionen in einem überblickbaren Rahmen. Die grösste Herausforderung ist jedoch, die Personalkosten unter Kontrolle zu halten. Diese machen gemäss Lang für die Anbieter in der Schweiz den grössten Posten aus.

Seit drei Wochen auch auf den Zürcher Strassen zu sehen: Ein Fahrer von Uber Eats in Genf. Foto: Salvatore Di Nolfi

Dem gegenüber steht das Marktpotenzial in der Schweiz. Hierzulande befindet sich der grosse Food-Delivery-Boom erst am Anfang. Carpathia rechnet mit zweistelligen Wachstumsraten. Eine von Just Eat in Auftrag gegebene Studie ergab, dass Essenslieferdienste 2016 rund 1 Milliarden Franken Umsatz erzielten. Heute dürfte dieser bereits bei rund 1,3 Milliarden Franken liegen. Zum Vergleich: Die Schweizer Gastronomie setzt 2018 rund 23 Milliarden Franken um.

Erfahrungen von anderen Orten legen nahe, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis Essenslieferdienste durchstarten. Die Beispiele von New York und London zeigen, dass je länger je weniger abends zu Hause gekocht wird. «Auch die Schweiz ist empfänglich für diese Art von Bequemlichkeit», sagt Lang. Es entspreche mehr und mehr dem Zeitgeist, sich das zubereitete Essen nach Hause liefern zu lassen.

Von Pizza-Robotern...

Das zeigt sich etwa auch in New York: Dort sind die Essenslieferanten nicht mehr aus dem Stadtbild zu denken. Zu Tausenden sausen sie durch die Häuserschluchten, liefern am Mittag Hamburger, Pizza und Sushi in die Bürotürme von Midtown und am Abend in die Wohnquartiere ausserhalb der Geschäftsviertel. Der Wettbewerb ist hart. Nicht nur für die Fahrer – die oft über mehrere Plattformen Essen ausliefern – sondern auch für die Anbieter der Plattformen selbst.

Der langjährige Marktführer Grubhub wurde im Mai von der Spitze gestossen. Neue Nummer eins ist DoorDash. Am Privatunternehmen aus San Francisco ist unter anderem das japanische Konglomerat Softbank beteiligt. Gleichzeitig ist Softbank auch grösster Aktionär von Uber, die mit Uber Eats in den USA der drittgrösste Anbieter bei der Auslieferung von Essen ist.

Zu differenzieren versuchen sich die Dienstleister durch die exklusive Zusammenarbeit mit Restaurantketten. Hamburger von der Fast-Food-Kette Wendy’s gibt es beispielsweise nur über DoorDash. Kaffees von Starbucks hingegen exklusiv bei Uber Eats. Dank der Kooperationen können die Unternehmen ein starkes Umsatzwachstum ausweisen. Der Profitabilität sind sie nicht förderlich, denn die Ketten erhalten eine hohe Vergünstigung.

Das Erreichen von schwarzen Zahlen bleibt die grösste Herausforderung für die Anbieter. Grubhub hat es geschafft, Uber Eats und DoorDash noch nicht. Wenig hilfreich sind dabei der intensive Preiskampf und die sich abzeichnende Verlangsamung des Wachstums. Eine Möglichkeit die Kosten zu senken, ist die Automatisierung. Uber Eats prüft, ab 2021 das Essen mit Drohnen auszuliefern.

Aber auch bei der Herstellung der Speisen können Kosten gespart werden. Zume Pizza ist in den Strassen von San Francisco mit Lastwagen unterwegs, in denen die Pizzas von Robotern gebacken werden. Damit soll das Essen schneller zum Kunden gelangen. Bislang ist das Unternehmen aber erst in einem kleinen Gebiet im Silicon Valley verfügbar. Und so dominieren in den USA bislang weiter Menschen das Ausliefern von Essen.

... und dunklen Küchen

Ähnlich sieht es in London aus. In der Stadt wimmelt es von Auslieferern, die – wie üblich bei solchen Plattformökonomiebetreibern – auf eigene Rechnung arbeiten. In Grossbritannien dominieren drei Anbieter den Markt. Ausser Uber Eats kämpfen auch die beiden britischen Kontrahenten Deliveroo und Just Eat um den knapp 4 Milliarden britische Pfund grossen Markt. Die Jagd nach Marktanteilen wird mit so heftigen Bandagen geführt, dass sich Just Eat Grösse zukaufen möchte und den Zusammenschluss mit dem holländischen Konkurrenten Takeaway.com plant.

Durchsetzen werden sich diejenigen Anbieter, die die Personalkosten am besten optimieren können.

In der britischen Metropole werden bereits neue Modelle ausprobiert, wie der Heimlieferdienst noch effizienter und schneller abgewickelt werden kann. An mehreren Orten sind sogenannte Dark Kitchens in Betrieb genommen worden. Dabei handelt es sich um grosse, zentrale Kochräume. Restaurants können sich dort einmieten, um ausschliesslich für die von zu Hause aus bestellenden Kundinnen und Kunden zu kochen.

Solche Küchen ermöglichen den Lieferdiensten, Bestellungen von einem Ort aus zu liefern, obschon Menüs aus verschiedenen Restaurants geordert wurden. Nachdem die ersten Tests erfolgreich verlaufen sind, setzen Uber Eats und Deliveroo nun verstärkt auf die dunklen Küchen.

Lohnkosten entscheiden

Der Konkurrenzkampf in den Grossstädten zeigt, dass die Herausforderungen in der Branche wachsen. Anfang Woche hat sich Deliveroo überraschend aus dem deutschen Markt zurückgezogen – «vorläufig», wie es offiziell hiess. Man wolle sich auf andere Wachstumsmärkte in Europa und Asien fokussieren, derweil ist in Deutschland ein Verdrängungskampf im Gang. Takeaway.com hatte Ende 2018 verschiedene Essenslieferplattformen vom Berliner Unternehmen Delivery Hero übernommen und die Konsolidierung auf dem deutschen Markt vorangetrieben.

In der Schweiz ist man von solchen Entwicklungen noch weit entfernt. Ausser Just Eat und Uber Eats buhlen Takeaway. com, Smood und Pionier Mosi um hungrige Kunden. Durchsetzen werden sich diejenigen Anbieter, die die Personalkosten am besten optimieren können. Denn mit wachsendem Wettbewerb erhöht sich der Druck, die Bestellgebühren zu verringern. Diese liegen pro Auftrag bei rund 5 Franken, dazu erhält der Anbieter vom Restaurant eine handelsübliche Provision von 30 Prozent. Daraus leitet sich ab, dass nur diejenigen Essenslieferdienste in der Schweiz längerfristig profitabel arbeiten können, die die Kosten im Griff haben.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 14.08.2019, 20:26 Uhr

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