Das Phantom am Paradeplatz

Eine kleine Geschichte darüber, wie die Credit Suisse Kunden mit Wohnsitz im Ausland vertreibt. Ein Mann in Wien fragt sich gar, ob seine Bank überhaupt noch real existiert.

Ist er der Briefschreiber? Brady Dougan hat nicht persönlich unterschrieben.

Ist er der Briefschreiber? Brady Dougan hat nicht persönlich unterschrieben.

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Neulich bekam B. einen Brief von Brady Dougan. Der bestbezahlte Banker der Schweiz hat nicht persönlich unterschrieben, aber weil alle bei Credit Suisse, die B. danach fragte, vom Inhalt nichts gewusst haben wollen, muss ihn wohl der Chef persönlich verfasst haben. Der Brief beginnt mit einer besonders dicken Portion Eigenlob. CS rühmt ihre «umfassende Angebotspalette», die «bekannte Servicequalität» und ihre «proaktive Umsetzung höchster Standards». Doch dann kommt es – welch Überraschung – ganz dick.

Die erhobenen Gebühren

Credit Suisse erhöht die Kontogebühren für alle Kunden, die ihren Wohnsitz ausserhalb der Schweiz und Liechtensteins haben. Und zwar um das fast Siebenfache, von 72 auf 480 Franken pro Jahr. Die Mitteilung ist mit 1. Juli datiert und die Massnahme wurde auch gleich per 1. Juli umgesetzt. Da kann es der Bank nicht schnell genug gehen. Kulanterweise erhebt sie die Gebühren erst ab 1. Dezember – dann aber rückwirkend. Ausgenommen von der Erhöhung sind Kunden mit einem Anlagevermögen von mehr als 1 Million Franken.

B. lebt in Wien, sein Schweizer Konto hat er noch aus seiner Zeit in Zürich, dann schickte ihn sein Schweizer Arbeitgeber auf den Aussenposten nach Österreich. Es gab für ihn bis jetzt keinen Grund, die Bank zu wechseln. Seit er den Brief in Händen hält, versucht B. jedoch, bei Credit Suisse den Grund für die beispiellose Gebührenerhöhung zu erfahren. Ist es eine Kompensation für die britische Bonisteuer? Will die Bank so ihren Gewinn wieder auffetten?

Besonders das Argument mit der hohen und deshalb teuren Servicequalität wundert B., hat er doch erst vor wenigen Wochen von einem CS-Berater nicht nur eine schlechte, sondern effektiv falsche Auskunft bekommen. Entschuldigt hat sich der Mann dafür nie. Überhaupt findet es B. in letzter Zeit immer mühsamer, mit den Bankberatern am Paradeplatz zu kommunizieren. Am Telefon sind sie merkwürdig einsilbig, von der Gebührenerhöhung wollen sie überrascht worden sein. Per Mail sind sie überhaupt nicht erreichbar. Aus «Sicherheitsgründen». Welche Sicherheit kann damit gemeint sein? Vielleicht eine Anfrage per Fax? Auch verboten, Faxe aus dem Ausland werden bei CS prinzipiell nicht angenommen.

Don't call us

B. fragt sich nun, ob seine Bank überhaupt real existiert. Gut, die Berater nennen Namen am Telefon, aber die können auch erfunden sein. Und ihre Antworten sind so standardisiert, dass sie auch der Computer generiert haben könnte. Gut, da gibt es das mächtige Haus am Paradeplatz. Aber ist es vielleicht bloss eine Kulisse? Dient es gar nur als Adresse für eine Briefkastenfirma von Brady Dougan?

B. fühlt sich an den genialen Dokumentarfilm «Roger and Me» erinnert, in dem Michael Moore vergeblich mit allen Tricks versucht, an den Big Boss von General Motors, Roger Smith, heranzukommen. Dabei dreht B. gar keinen Film und möchte kein persönliches Gespräch mit Brady Dougan. Nur mit einem bestimmten Berater seiner Bank. Doch der ist verschwunden. Mindestens drei Wochen abwesend, heisst es am Telefon. Nein, seine Mailadresse sei geheim. Nein, ein Fax werde ihn auch nicht erreichen.

Don’t call us, we’ll call you. Und nun nennen Sie uns bitte den Mädchennamen Ihrer Frau und zählen alle Bewegungen auf Ihrem Konto in den vergangenen 365 Tagen auf. Wir müssen Sie schliesslich als Kunden identifizieren.

Eigene Interpretation

Ohne Beratung der CS muss sich B. seine eigene Interpretation der Gebührenerhöhung zurechtlegen. Die ist recht simpel. Wir wollen nur noch die wirklich grossen Geldsäcke, sagt die Bank ihren Kunden: Auf euch andere, die ihr Geld mit Arbeit verdienen, können wir gerne verzichten. B. muss das wohl oder übel akzeptieren und sich eine andere Bank suchen.

Er wird sicher nicht der Einzige sein. Brady Dougan dürfte diesen Verlust leicht verschmerzen. Vielleicht bekommt der Chef von Credit Suisse ja auch für jeden verlorenen Kunden einen Bonus.

Erstellt: 28.07.2010, 11:29 Uhr

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