Hintergrund

«Das Potenzial von E-Books wird massiv unterschätzt»

E-Books, Downloads, Onlinehandel: Die Zukunft des Buchmarktes ist höchst ungewiss. Trotzdem entscheiden die Stimmbürger nächstes Jahr über ein Gesetz, das genau diesen Markt regeln soll.

«Ein Markt, von dem niemand weiss, wie er in Zukunft eigentlich funktionieren wird»: Die Abstimmung zur Wiedereinführung der Buchpreisbindung findet vor dem Hintergrund eines Wandels statt.

«Ein Markt, von dem niemand weiss, wie er in Zukunft eigentlich funktionieren wird»: Die Abstimmung zur Wiedereinführung der Buchpreisbindung findet vor dem Hintergrund eines Wandels statt. Bild: Keystone

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Im März 2012 stimmt die Schweiz darüber ab, ob die vor vier Jahren abgeschaffte Buchpreisbindung wieder eingeführt werden soll. Die Schweizer Buchhändler hätten sich dann wieder an die von den Verlagen und Importeuren festgesetzten Verkaufspreise zu halten.

Das Bundesgesetz betrifft allerdings nur gedruckte Bücher – E-Books lässt es aussen vor. Dies, obwohl mehrere Schweizer Buchhändler von markant steigenden Absatzzahlen für elektronische Lesegeräte und Bücher berichten. Verschliesst das Gesetz die Augen vor einem eindeutigen Trend?

Mehr als fast nichts ist immer noch wenig

«Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass dieser Trend in Europa noch nicht richtig angekommen ist», sagt dazu Dani Landolf, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbandes (SBVV). «Die Verbreitung von E-Books hat zwar zugenommen, umsatzmässig ist der Anteil am gesamten Markt aber immer noch gering.» Diese Beobachtung bestätigt Irina Jermann, Leiterin Marketing und Kommunikation bei Thalia, dem grössten Buchhändler im deutschsprachigen Raum. Thalia ist in der Schweiz mit 24 Filialen vertreten und bietet momentan das landesweit grösste E-Book-Sortiment an. «Wir haben im letzten Jahr beim Verkauf von elektronischen Büchern zwar Zuwachsraten im dreistelligen Prozentbereich verzeichnet – bei einem Anteil am Gesamtverkauf von weniger als einem Prozent sind die absoluten Verkäufe von E-Books aber noch immer relativ tief.» Sprich: Mehr als fast nichts ist immer noch wenig.

Für die Zukunft erwartet Thalia zwar eine Steigerung des E-Book-Marktanteils auf etwa 15 Prozent, allerdings innerhalb eines längeren Zeitraums von zwei bis drei Jahren. Diese Ansicht teilt auch der SBVV. «Deshalb ist es nicht weiter schlimm, dass die Sparte der elektronischen Bücher im Bundesgesetz nicht berücksichtigt wird», sagt Dani Landolf. Falls die Buchpreisbindung nach der Abstimmung im März wieder eingeführt würde, hätte man laut Landolf immer noch genügend Zeit, eine Regelung für E-Books auszuarbeiten.

«Ein Affront gegenüber dem Kunden»

Einer der grossen Gegenspieler vom SBVV ist Ex Libris. An vorderster Front kämpft der Medienanbieter mit dem grössten Onlineshop der Schweiz gegen die Wiedereinführung der Buchpreisbindung. «Wir wollen Produkte zu fairen und konkurrenzfähigen Preisen anbieten können», sagt Geschäftsführer Daniel Röthlin, «die Buchpreisbindung wieder einzuführen, wäre ein Affront gegenüber dem Kunden.» Bei Ex Libris biete man seit der Abschaffung der Preisbindung nämlich alle Bücher mit einem Mindestrabatt von 20 Prozent an, das wäre nachher nicht mehr möglich.

Und auch, was das Potenzial der E-Books betrifft, widerspricht Daniel Röthlin der Position vom SBVV: «Egal wie tief der prozentuale Anteil im Moment noch ist – der E-Book-Boom wird kommen. Bis der Bund die Gesetzgebung entsprechend angepasst hätte, was aktuell gar nicht zur Diskussion steht, ist der Markt aber schon längst nicht mehr kontrollierbar.» Der SBVV unterschätze die Rolle der E-Books massiv: «Dem Buchmarkt droht dasselbe Schicksal, das die Musikindustrie seit Jahren erleidet: Das Unterlaufen des Marktes durch Downloads und File-Sharing.»

Dieselbe Gefahr sieht auch Beat Hulliger, Professor für empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Auch wenn der E-Book-Markt im Nachhinein in die Gesetzgebung mit aufgenommen würde: Diese Regelungen umzusetzen, ist schwierig.» Schliesslich könnten auch E-Book-Files geknackt und illegal weiterverbreitet werden. «Nützen würde das niemandem – weder den Verlagen noch den Autoren, noch den Händlern», gibt Hulliger zu bedenken.

«Je strikter die Preisbindung, desto grösser die Gefahr»

Sowohl Beat Hulliger als auch Daniel Röthlin von Ex Libris sind überzeugt: Je strikter die Preisbindung ausfällt, desto grösser ist die Gefahr, die von Downloads und File-Sharing ausgeht. Nach Bundesgesetz dürften die Buchhändler auf den festgesetzten Verkaufspreis lediglich Rabatte von bis zu fünf Prozent gewähren. Zu wenig, wie Beat Hulliger findet: «Das Gesetz muss den Händlern grössere Freiräume lassen, damit der Wettbewerb spielt und der Kunde eine Wahlmöglichkeit hat.» Insbesondere vom ausländischen Onlinehandel gehe nämlich eine Gefahr aus, die im Allgemeinen unterschätzt werde.

«Die Preisbindung gilt, wie in Deutschland oder Frankreich auch, für alle Verkaufskanäle», sagt dazu Dani Landolf vom SBVV. Auch bei Bestellungen über ausländische Onlinedienste müssten Konsumenten aus der Schweiz den vorgegebenen Preis bezahlen. Eine Benachteiligung des Kunden sieht Landolf darin nicht: «Die Buchpreise würden bei einer Wiedereinführung der Preisbindung nämlich sinken, und zwar nicht trotzdem, sondern gerade deswegen. Das zeigen Erfahrungen aus Grossbritannien oder der Westschweiz.»

Obwohl die Listenpreise der Verlage in den letzten eineinhalb Jahren, beispielsweise wegen des schwachen Euro, um fast 20 Prozent gesunken seien, hätten viele Händler ihre Verkaufspreise trotzdem nicht angepasst: «Vielmehr haben sie die von den Verlagen angesetzten Preissenkungen nicht an die Kunden weitergegeben – aber das ist der freie Markt.» Ein Blick auf den Landesindex der Konsumentenpreise vom Bundesamt für Statistik zeigt: Im Handel sind die Bücher in den letzten eineinhalb Jahren tatsächlich «nur» um etwa 10 Prozent billiger geworden. Die 20-Prozent-Preispolitik von Ex Libris scheint also eher die Ausnahme von der Regel zu sein.

Mit den Büchern wie mit der Musik?

Beat Hulliger weist jedoch darauf hin, wie schwierig es ist, über die Preisentwicklung auf dem komplexen Buchmarkt konkrete Aussagen zu machen. In einer unter seiner Leitung und im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) durchgeführten Studie von 2007 finden die Autoren jedenfalls keine signifikanten Veränderungen der Buchpreise nach Aufhebung der Preisbindung. «Der von vielen erhoffte Preissturz ist ausgeblieben, ob die Preise tatsächlich angestiegen sind, lässt sich jedoch auch nicht definitiv sagen», dies die wenig spektakuläre Erkenntnis der Studie. Wie es nach Wiedereinführung der Preisbindung weitergehen würde, sei noch viel unklarer.

Beat Hulliger fasst das Dilemma der Buchpreispolitik denn auch folgendermassen zusammen: «Wir versuchen gerade, einen Markt zu regeln, von dem niemand so genau weiss, wie er in Zukunft eigentlich funktionieren wird.»

Erstellt: 12.12.2011, 10:08 Uhr

«E-Book-Angebot wird sich vergrössern»

Das E-Book-Sortiment von Thalia umfasst derzeit über 300'000 Titel, davon rund 100'000 in deutscher Sprache. Da immer mehr Verlage dazu übergehen, ihre Bücher auch als E-Books zu veröffentlichen, geht man bei Thalia davon aus, dass sich das Angebot weiterhin kontinuierlich vergrössern wird – «dies ganz unabhängig vom Ausgang der Abstimmung zur Buchpreisbindung», sagt Irina Jermann, Leiterin Marketing und Kommunikation.

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