Hintergrund

Das Problem mit der neuen Banknotenserie liegt in Landquart

Dem Bündner Hersteller von Hochsicherheitspapier droht eine Millionenklage.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich sollten die neuen Banknoten längst in Umlauf sein. 2008 wollte die Nationalbank mit der Produktion beginnen. Bis heute wartet man darauf vergeblich. Die Beteiligten schweigen sich zur Sache aus. Die Nationalbank mochte sich bis heute einzig zur Aussage durchringen, dass «in einer frühen Produktionsphase unerwartete technische Probleme aufgetreten» seien. Und die mit dem Druck beauftragte Orell Füssli deutete – wohl um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen – einzig an, dass es «Lieferverzögerungen eines Zulieferanten» gebe (TA vom 21. Februar). Recherchen des «Tages-Anzeigers» lassen jetzt darauf schliessen, dass der Ort der Verzögerung Landquart heisst und der Zulieferant Landqart – eine auf die Herstellung von Hochsicherheitspapieren für Pässe und Banknoten spezialisierte Unternehmung, die seit 2006 eine Tochtergesellschaft der kanadischen Fortress Paper ist.

Landqart ist ein kleiner, aber feiner Hersteller von Spezialpapieren, der seine Produkte weltweit vertreibt. In rund zwei Dutzend Ländern sind Notenpapiere aus Landquart im Umlauf. Aktuell pfeift Landqart aber in zwei Staaten ein kühler Wind um die Ohren. Zu den technischen Problemen mit den neuen Schweizer Banknoten droht aus Deutschland eine Millionenklage, weil Landqart Papier mit einem minderwertigen Sicherheitsfaden für neue Euronoten geliefert haben soll.Landqart selbst äussert sich zu diesem Vorwurf ebenso wenig wie die – privatisierte – Bundesdruckerei in Berlin. Diese hatte 2011 den Zuschlag erhalten, für die EU-Mitgliedsstaaten rund 860 Millionen neue Euroscheine zu drucken. Kenner der Branche sagen übereinstimmend, dass die Bundesdruckerei Landqart mit der Papierlieferung beauftragte.

Billiger Sicherheitsfaden

Der für dieses Papier verwendete Sicherheitsfaden soll dann aber mit Korrosionsschäden Probleme verursacht haben. Ein namentlich nicht genannt werden wollender Informant sagt, dass die ehemalige Betriebsleitung von Landqart das Problem erkannt habe. Die Crew um den neuen Landqart-Chef Alfonso Ciotola habe sich dennoch für die Verwendung des Problemfadens entschieden, «weil er besonders billig war». Damit konfrontiert, wollte Landqart keine Stellung beziehen.

Die Bundesdruckerei hat – berichtet ein Informant – den Auftrag in der Folge neu vergeben: an die Papierfabrik Louisenthal am Tegernsee im Süden von München. Zudem klage das Berliner Unternehmen gegen Landqart. Die Bundesdruckerei will die Klage weder bestätigen noch dementieren. Landqart hält fest, «dass bei ihr keine Klage eingegangen ist». Zwei voneinander unabhängige Brancheninsider wollen aber sehr wohl um die Klage wissen. Einer stützt sich dabei auf mehrere Quellen, auch auf solche innerhalb der Bundesdruckerei in Berlin. Diese soll Schadenersatz in der Höhe von 15 Millionen Euro fordern.

Fehlerhafte Verschweissung der Papierlagen

Im Fall der neuen Schweizer Banknotenserie liegt das Problem nicht beim Sicherheitsfaden. Es liegt – vermutet ein Experte – bei der Verschweissung der verschiedenen Lagen des Spezialpapiers. Landqart hat unter dem Namen Durasafe ein Banknotenpapier entwickelt, das – so die Eigenwerbung – «einzigartige Sicherheit» bietet. Das Produkt besteht aus drei Lagen: Auf den Aussenseiten ist eine Papier- beziehungsweise Baumwolllage. Dazwischen liegt eine Polymerschicht. Dieser Kunststoffkern enthält transparente Fenster, in denen die Sicherheitsmerkmale untergebracht werden können.

«Das Papier ist in Ordnung», urteilt der erwähnte Fachmann. «Das Problem liegt bei der Verschweissung der Lagen.» Landqart nimmt dazu keine Stellung. Der Bündner Papierproduzent hat Durasafe zwar patentieren lassen. In der Praxis wurde die neue Entwicklung bis heute aber nicht angewendet. Bei der Nationalbank will man sich erst wieder zu den neuen Banknoten äussern, wenn die Probleme gelöst sind. Das Schweigen spricht Bände.

Verkappter Übernahmeversuch

Ob die 15-Millionen-Euro-Klage aus Berlin tatsächlich kommt oder nicht, ist offen. Denkbar ist, dass es der Bundesdruckerei bei der Klage nicht oder nicht nur um Schadenersatz geht. Die Berliner versuchten wiederholt, sich eine eigene Herstellerin von Spezialpapieren einzuverleiben. All diese Versuche scheiterten aber. Ein Branchenkenner mutmasst vor diesem Hintergrund, dass die Klage taktischer Natur sein könnte – nach dem Motto: «Wir machen die mal madig und böse. Dann können wir sie übernehmen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2012, 08:01 Uhr

Hat angeblich mit technischen Problemen zu kämpfen: Die Firma Landqart in Landquart. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

Die Wirren im Banknotendruck

Hintergrund Die neue Banknotenserie verzögert sich. Nun fordert die Panne ihr erstes Management-Opfer. Klar ist: Der Banknotendruck hat seine Tücken – das zeigt die Geschichte. Mehr...

Die neuen Banknoten gibts vermutlich erst 2014

Hintergrund Die Herausgabe der neuen Notenserie ist schon dreimal verschoben worden. Eine Nullserie wurde letztes Jahr zwar gedruckt, aber die Produktion stockt. Eine Suche nach den Ursachen. Mehr...

Landqart in Landquart GR entlässt 41 Mitarbeitende

Papierindustrie Die Banknotenpapier-Herstellerin Landqart AG im bündnerischen Landquart entlässt 41 von 232 Mitarbeitenden. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grenze der Hoffnung: Bauunternehmer verstärken die Mauer in San Diego, USA, weil in den vergangenen Wochen zahlreiche Migranten illegal den Zaun in Tijana, Mexiko überquert haben. (10. Dezember 2018)
(Bild: Rebecca Blackwell) Mehr...