Das Sündenregister der Credit Suisse

Die Probleme der Grossbank: Ein tiefer Frauenanteil, alte Seilschaften im Verwaltungsrat, eine laxe Umsetzung der Abzockerinitiative und fragwürdiges Kommunikationsgebaren.

Die CS reagiert kaum auf den gesellschaftlichen Wertewandel. Im Bild der CS-Hauptsitz am Zürcher Paradeplatz. Foto: Dominique Meienberg

Die CS reagiert kaum auf den gesellschaftlichen Wertewandel. Im Bild der CS-Hauptsitz am Zürcher Paradeplatz. Foto: Dominique Meienberg

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Die Zeiten ändern sich. So war vor 15 Jahren eine ausgewogene Vertretung der Geschlechter in der Wirtschaft noch kein Thema. Heute ist weit herum akzeptiert, dass eine stärkere Präsenz von Frauen in Führungsgremien zu messbar besseren Resultaten führt. Gesellschaftliche Werte wandeln sich – in dieser wie auch in anderen Fragen.

Diese Erkenntnis setzt sich in der Wirtschaft aber nicht überall im gleichen Masse durch, wie das Beispiel der Credit Suisse (CS) zeigt. So liegt die Frauenquote im Verwaltungsrat der Grossbank bei mageren 15 Prozent – und wird dort verharren. Dabei hätte nun die Möglichkeit bestanden, dies zu ändern, da Walter Kielholz und Peter Brabeck gestern ihren Rücktritt angekündigt haben. Doch die Erwartung, mindestens einer der beiden Herren würde durch eine Frau ersetzt, wurde enttäuscht.

Expertin findet kein Gehör

Weshalb die CS keine Frau zur Wahl vorschlägt, ist unverständlich. Viele andere Firmen zeigen, dass sich mittlerweile problemlos Frauen mit den nötigen Qualifikationen und Kompetenzen finden lassen. Die Bank hätte sich nur in den eigenen Reihen erkundigen müssen. Verwaltungsrätin Iris Bohnet ist eine ausgewiesene Expertin bezüglich Geschlechterfragen. Sie hat das Thema als Harvard-Professorin mehrfach untersucht.

Offensichtlich hat die Meinung Bohnets in dieser Sache keinen hohen Stellenwert. Bezeichnend dafür ist, dass sie nicht im zuständigen Verwaltungsratsausschuss sitzt, der sich um die Suche neuer Mitglieder kümmert. Kein Wunder, setzt das ausschliesslich mit Männern bestückte Gremium nicht auf eine stärkere Frauen­vertretung im Verwaltungsrat.

Stattdessen fiel die Wahl auf Severin Schwan. Als hätte der Österreicher mit der Führung von Roche nicht schon genug Arbeit am Hals, will er nun auch noch CS-Verwaltungsrat werden. Seine grosse Erfahrung soll helfen, die auf Kundennutzen und Innovation ausgerichtete Strategie umzusetzen, begründet Präsident Urs Rohner die Nomination.

Schwan hat ohne Zweifel einen beachtlichen Leistungsausweis. Weshalb nun aber ein Pharmamanager besonders geeignet sein soll, die aktuellen Herausforderungen der Finanzbranche zu begleiten, bleibt schleierhaft.

Die UBS macht es deutlich besser

Mit der Nomination Schwans wird die Verflechtung zwischen Credit Suisse, Nestlé, Roche und Zurich mit der neuen Führungsgeneration weitergesponnen. Wer erwartet hat, dass die traditionellen Seilschaften unter den grossen Schweizer Konzernen mit dem Rücktritt von Brabeck und Kielholz allmählich ein Ende finden, sieht sich jäh getäuscht.

Selbst was die Umsetzung der Abzockerinitiative anbelangt, verhält sich die Credit Suisse alles andere als vorbildlich. Die Bank will sich für die Abstimmung über die Vergütung der Geschäftsleitung alle Möglichkeiten offenlassen. Kommt die CS mit ihrem Vorschlag durch, kann sie den Abstimmungsmodus jederzeit ändern. Ihr stünde es damit offen, entweder im Voraus oder aber im Nachhinein über die Löhne und Boni der Geschäftsleitung abstimmen zu lassen. Der Bank fällt es damit bedeutend einfacher, die Aktionäre auflaufen zu lassen, sollten diese allzu starken Widerstand leisten.

Das Beispiel zeigt, dass die CS einen zweiten gesellschaftlichen Wandel nicht ernst nimmt. Es war der erklärte Wille der Abzockerinitiative, den Aktionären in Vergütungsfragen deutlich mehr Mitspracherecht einzuräumen. Die CS versucht nun, dies möglichst stark zu verwässern, indem der vom Gesetzgeber gewährte Spielraum voll ausgenützt wird. Die UBS macht es da für einmal deutlich besser.

Der Nationalbank sei Dank

Damit aber nicht genug. Was die Rollenaufteilung zwischen Wirtschaft und staatlichen Behörden anbelangt, hat die CS so einiges nicht verstanden. Anders lässt sich ihre Reaktion auf die Untersuchung der Wettbewerbskommission (Weko) wegen möglicher Manipulationen des Devisenhandels nicht erklären. So spricht die Bank etwa von «unangebrachten und rufschädigenden» Vorwürfen.

Der Ärger der CS ist nicht nachvollziehbar. Erstens handelt es sich lediglich um eine Untersuchung. Ein Urteil ist noch nicht gefällt und zudem anfechtbar. Zweitens ist es alles andere als ungewöhnlich, dass eine Bank wegen Devisenmanipulationen verdächtigt wird. Weltweit laufen zahlreiche vergleichbare Untersuchungen.

Die pikierte Reaktion der CS ist kein einmaliger Ausrutscher. Im Sommer 2012 hatte die Grossbank lauthals die Nationalbank kritisiert, weil Letztere eine Kapitalerhöhung von ihr einforderte. Konzernchef Brady Dougan wies die Forderung nach mehr Eigenmitteln zurück, nur um rund einen Monat später eine Kehrtwende zu vollziehen und das Eigenkapital nun doch zu erhöhen.

Die Ironie an der Geschichte: Dougans um 2 Millionen Franken höherer Lohn begründet die Credit Suisse unter anderem mit der gestärkten Eigenkapitalbasis. So gesehen, müsste Dougan der Nationalbank mittlerweile dankbar sein.

Erstellt: 04.04.2014, 00:04 Uhr

Andreas Möckli ist Redaktor im Ressort Wirtschaft.

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