Hintergrund

Das Superkorn, das den Welthunger stillen soll

Quinoa enthält als einzige Pflanze sämtliche Aminosäuren. Hollywoodstars haben das Pseudogetreide aus den Anden zur Diäthilfe erkoren. Nun boomt es im Westen – und die Preise schiessen in die Höhe.

Die UNO setzt grosse Hoffnungen in die Samen. Eine bolivianische Arbeiterin mit Quinoa im Gepäck.

Die UNO setzt grosse Hoffnungen in die Samen. Eine bolivianische Arbeiterin mit Quinoa im Gepäck. Bild: Reuters

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Es sind die Farben eines grandiosen Sonnenuntergangs: von Gelblich-Weiss über Orange, Purpur, Pink, Violett und Bordeaux bis hin zu fast Schwarz – und in allen Schattierungen dazwischen. Die Samen der Quinoa-Pflanze machen optisch ganz schön was her. Und trotzdem sind es ihre inneren Werte, die Schlagzeilen machen: Die UNO will mit der Superpflanze den Hunger in der Welt stillen, die Stars in Hollywood wollen damit die Speckröllchen auf Hüften und Taille bekämpfen.

In der Schweiz ist das Pseudogetreide, das eher mit Spinat und Randen verwandt ist als mit Reis oder Weizen, bis heute vor allem bei Vegetariern beliebt. International hat es aber zum Siegeszug angesetzt. Die Senfkorn-grossen Samen der Pflanze, deren Name eigentlich nicht «Ki-no-a» ausgesprochen wird, sondern «Ki‌in-wa», sehen ein bisschen aus wie Couscous und enthalten als einzige Pflanze alle lebensnotwendigen Aminosäuren, sind besonders reich an Eiweiss, Magnesium und Eisen und enthalten kein Gluten. Die Nasa bezeichnete Quinoa darum in einer wissenschaftlichen Arbeit von 1993 als ideales Essen für den Weltraum: «Obwohl es kein einzelnes Nahrungsmittel gibt, das sämtliche lebenswichtigen Nährstoffe auf sich vereint, kommt Quinoa diesem Anspruch insgesamt am nächsten.»

Pflanzenschutzmittel eingebaut

Zudem lässt sich Quinoa auf äusserst kargen Börden kultivieren, selbst in grosser Höhe und mit wenig Wasser. Seit Tausenden von Jahren wird es darum fast ausschliesslich auf Hochplateaus in den Anden angebaut, vor allem in Bolivien und Peru, zum Teil auch in Ecuador. Die Samen sind von einer Saponin-Schicht umgeben – einer bitter schmeckenden Substanz, die als natürliches Pflanzenschutzmittel dient. Sie schützt den Inkareis, wie Quinoa auch genannt wird, vor Ungeziefer und macht ihn für Vögel ungeniessbar. Damit man Quinoa essen kann, werden die Samen gewaschen und die Schalen abgeschliffen. Aufgrund all dieser Eigenschaften sieht die UNO in Quinoa eine der derzeit besten Möglichkeiten, die Welt in Zukunft ernähren zu können.

In den USA haben sich die importierten Mengen unter Mithilfe von Stars wie Gwyneth Paltrow und Miranda Kerr in den letzten fünf Jahren verachtfacht. Allein im vergangenen Jahr wurden nochmals 60 Prozent mehr eingeführt – rund 26'000 Tonnen. Das entspricht etwa einem Drittel der weltweiten Produktion.

Zum Vergleich: Die Schweiz importierte vergangenes Jahr 223 Tonnen Quinoa. Für die Jahre davor sind keine genauen Zahlen erhältlich. Da allerdings der Grossteil der in der Schweiz verkauften Ware das Gütesiegel von Bio-Suisse trägt, geben deren Zahlen einen relativ guten Eindruck der Entwicklung: 2009 wurden 87 Tonnen Bio-Quinoa importiert, 2011 waren es bereits 215 Tonnen.

Migros bringts ins Restaurant

Heute kann man Quinoa nicht mehr nur im Bioladen, sondern auch bei den Grossverteilern kaufen. Die Migros führt es seit 2010 im Sortiment – ausschliesslich in Bioqualität. Zwar wächst der Umsatz laut Sprecherin Martina Bosshard seither jedes Jahr «im zweistelligen Prozentbereich», mit der explosionsartigen Verbreitung in den USA kann diese Entwicklung aber bei weitem nicht mithalten. «Es gibt ein Kundenbedürfnis, vorderhand ist Quinoa jedoch ein Nischenprodukt», sagt Migros-Sprecherin Martina Bosshard. Immerhin arbeitet die Migros seit kurzem auch in ihren Restaurants und Take-aways mit Quinoa. Coop spricht sogar nur von einem «leicht steigenden» Absatz.

Zu den Grossabnehmern von Quinoa zählen neben den USA vor allem Kanada, Frankreich und die Niederlande. Deren Hunger auf das Inkakorn hat dazu geführt, dass zum Beispiel Bolivien, von wo über 90 Prozent der Schweizer Ware herkommen, heute 26'000 Tonnen exportiert – zehnmal mehr als vor 10 Jahren. Gleichzeitig haben sich die Preise verdreifacht: 2003 lag der Preis für bolivianisches Quinoa bei 1100 Dollar pro Tonne. 2012 waren es über 3000 Dollar pro Tonne. Die Schweizer Importeure zahlten sogar über 3200 Dollar – wohl aufgrund des hohen Anteils an Bio- und Fairtrade-Ware.

Der Anteil, den die Bauern erhalten, hat sich parallel dazu entwickelt. Grund für die Preisexplosion: Die Produktion hielt mit der Entwicklung nicht Schritt. Sie ist von 46'000 auf 80'000 Tonnen gestiegen. Heute ist Quinoa knapp – die Migros spricht von einer «angespannten Beschaffungssituation».

Der Boom einer ernährungsbewussten Mittelschicht und die Hoffnungen der UNO haben gleichermassen dazu geführt, dass mittlerweile in zahlreichen neuen Ländern mit dem Anbau von Quinoa experimentiert wird. Die USA produzieren seit Mitte der Achtzigerjahre selbst Quinoa in den Rocky Mountains, mit um die 5 Tonnen sind die Erträge bislang gering. 2012 hat der Staat nun 1,6 Millionen Dollar an Forschungsgeldern gesprochen, um effizientere Saaten und Anbaumethoden zu erforschen. Auch in Kanada, China, Indien, Kenia, Marokko, Litauen, den Niederlanden, Dänemark, Italien oder Deutschland laufen Tests. Und wer weiss – vielleicht setzen auch findige Schweizer Bauern bald auf die Pflanze, deren Samen in Dutzenden von Rottönen schimmern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2013, 11:05 Uhr

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Folgen für Bauern und Umwelt

Die steigende Nachfrage und die höheren Preise haben international zu einer Diskussion darüber geführt, ob der Quinoa-Boom für die indigene Bevölkerung in den Anden, die vom Anbau dieser Pflanze lebt, gut oder schlecht sei. Den steigenden Einkommen der Bauern – die Produzentenpreise haben sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdreifacht, auf über 1000 Dollar pro Tonne – stehen Berichte gegenüber, wonach sich Teile der lokalen Bevölkerung Quinoa nicht mehr leisten können und auf andere Nahrungsmittel ausweichen müssen. Laut Jose Daniel Reyes von der Weltbank ist es schwierig einzuschätzen, ob «steigende Quinoa-Preise den Bauern mehr oder weniger helfen, als sie den ­lokalen Konsumenten schaden». Ein höheres Einkommen der Bauern stütze den lokalen Arbeitsmarkt und erhöhe die Konsumquote – sei also positiv für die Entwicklung und das Wachstum der Wirtschaft. Unter diesen Umständen sei die Verschiebung bei den Essgewohn­heiten der indigenen Bevölkerung weg von traditionellen Nahrungsmitteln wie ­Quinoa hin zu einem breiteren Angebot vielleicht ohnehin unausweichlich – nur schon, weil die Menschen neu Zugang dazu hätten. Hinzu kommt laut Reyes: «Die ärmsten Familien dürften bereits heute viel öfter Kartoffeln und Fava­bohnen essen als Quinoa.»

Die höheren Preise führen aber auch dazu, dass in den Anden mehr Quinoa angebaut wird – was zulasten der Nachhaltigkeit gehen könnte. Bei Bio Suisse ist das Thema «unter Beobachtung», wie Sprecherin Sabine Lubow sagt. Heute stammten 80  Prozent des importierten Knospen-Quinoa aus Bolivien. Schwergewichtig von einer Produzentengruppe, in der Kleinbauern zusammengeschlossen sind, die nach traditionellen Methoden anbauen – also keine moderne Technologie einsetzen. Lubow: «Sie halten auch Lamas und pflanzen für ihre Selbstversorgung Kartoffeln und Mais an.» Auf die Fruchtfolge und die Einhaltung der Brache werde Wert gelegt. (aba)

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