Hintergrund

Das System Huawei

Aussagen von Schweizer Mitarbeitern zeigen, wie zentralistisch und hierarchisch der Telecomausrüster aus China agiert. Einzelne Missstände im Umgang mit hiesigem Recht werden behoben, Zweifel bleiben.

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Als Markus Meier* 2010 die Büros seines künftigen Arbeitgebers in Liebefeld bei Bern das erste Mal betritt, ist er baff. Offiziell zählt Huawei zu diesem Zeitpunkt 50 Angestellte. Und doch schüttelt Meier nur etwa zwei Dutzend Hände zur Begrüssung. Mehr Festangestellte gibt es nicht. An Arbeitskräften mangelt es trotzdem nie: Die personellen Ressourcen, wird Meier schnell klar, sind bei Huawei praktisch unbeschränkt.

Er und seine Kollegen sind verantwortlich für den Kontakt zum Kunden. Sobald es ins Detail geht – bei Ausschreibungen, Projekten oder unerwarteten Problemen – füllen sich die Büros mit Experten aus China. Manchmal bleiben sie eine Woche, manchmal einen Monat, manchmal länger. Wenn es eilt, arbeiten sie auch nachts und am Wochenende.

Jahrelang funktioniert das bestens. Huawei ist schnell und flexibel; die Qualität begeistert die Schweizer Kunden. Die Chinesen gewinnen Auftrag um Auftrag: 2012 rüstet das Teilchenforschungsinstitut Cern ein Rechenzentrum mithilfe von Huawei ein, Sunrise lagert Bau und Betrieb des gesamten Mobilfunknetzes an Huawei aus, und die Swisscom vergibt ein 300-Millionen-Franken-Projekt fürs Glasfasernetz. Die offizielle Zahl der Mitarbeitenden steigt von 50 auf 450. Neben Liebefeld gibt es Büros in Lausanne und Dübendorf.

Am Nachmittag des 24. April wird das Erfolgsmodell abrupt infrage gestellt: Mehrere Dutzend Polizisten riegeln die Büros in Dübendorf ab und überprüfen jeden einzelnen Mitarbeitenden. Sechs Chinesen und ein Malaysier werden festgenommen, gebüsst und später des Landes verwiesen, weil sie illegal in der Schweiz gearbeitet haben. Neun andere mit europäischen Arbeitsbewilligungen werden verzeigt, weil sie in der Schweiz nicht angemeldet sind. Seither hat Huawei ein Problem: Der Strom an chinesischen Arbeitskräften ist unterbrochen.

Kurzfristig keine Bewilligungen

In der Schweiz ist es schwierig, Chinesen legal anzustellen – oder vorübergehend zu dem Zweck ins Land zu holen. China ist ein sogenannter Drittstaat, der hiesige Arbeitsmarkt ist gegenüber solchen Ländern relativ gut abgeschottet. Ein Drittstaatsangehöriger darf nur eingestellt werden, wenn sich kein Schweizer für den Job finden lässt. Die Bewilligungsverfahren dauern Wochen – etwa, weil man nachweisen muss, dass man vergeblich versucht hat, die Stelle im Inland zu besetzen. Chinesen kurzfristig in die Schweiz zu holen, um ein Problem zu lösen, ist auf legalem Weg nicht möglich. Für Huawei bedeutet das: So, wie das Unternehmen bis anhin seine Aufträge erledigt hat, geht das nicht mehr.

Das ist selbst Huawei klar. Das Unternehmen will die personellen Löcher darum mit einem Massnahmenpaket stopfen: Dazu zählt die Suche nach lokalen Experten und die zunehmend virtuelle Unterstützung durch Mitarbeitende aus der Konzernzentrale in China, sagt Sprecherin Michèle Wang dem TA. Zudem sollen Spezialisten, die bei anderen Huawei-Niederlassungen in Europa angestellt sind und in der Schweiz arbeiten, künftig korrekt registriert werden. Das bedeutet allerdings, dass ihr Einsatz auf 90 Tage beschränkt ist. Laut verschiedenen Quellen wurde diese Frist bislang oft überschritten. Beweise dafür gibt es aber keine. In den neun Fällen aus Dübendorf kann das keinem Betroffenen nachgewiesen werden. Die offenen Grenzen machen das ohnehin schwierig. Künftig soll zudem eine externe Firma sicherstellen, dass alle Arbeitsbewilligungen korrekt sind. An einer umstrittenen Praxis will Huawei allerdings festhalten (siehe Infobox). «Mit diesem Massnahmenpaket können wir unsere Kunden weiterhin optimal unterstützen», sagt die Huawei-Sprecherin. Mehrere ehemalige Mitarbeiter, darunter Meier, bezweifeln, dass das reicht. Sie sind überzeugt, dass Huawei ohne den steten Strom an Arbeitskräften aus China nicht funktionieren kann. Unter anderem, weil die Prozesse ineffizient sind – was angesichts der tieferen Löhne bislang kein Problem war.

Als Meier 2010 bei Huawei anfängt, sind die meisten Stellen doppelt besetzt – mit einem Lokalen, der das Unternehmen nach aussen vertritt, und einem Chinesen, der für die Verbindung nach innen zuständig ist – und die sprachlichen und kulturellen Barrieren überbrückt. Das ist wichtig, denn das Unternehmen ist zentralistisch und streng hierarchisch organisiert. Für Entscheide über den Preis oder die Ausgestaltung einer Offerte etwa wird die Konzernzentrale in China per Videokonferenz zugeschaltet. Selbst bei Aufträgen, bei denen Meier federführend ist, läuft die Diskussion ohne ihn – auf Chinesisch.

Seltsamer Abzug für Unterkunft

Meiers Pendant ist ein Expat – ein junger chinesischer Ingenieur, der für zwei Jahre ins Ausland geschickt wurde und offiziell in der Schweiz angemeldet ist. Sein Lohn bewegt sich am unteren Ende dessen, was für einen solchen Posten üblich ist – bei knapp 7000 Franken pro Monat. Allerdings muss er dem Unternehmen davon rund die Hälfte wieder abgeben – angeblich für die Unterkunft. Diese Arrangements sind aber alles andere als grosszügig: Die Chinesen teilen sich zuweilen zu acht ein Appartement. Meier ist nicht der Einzige, der von einem solchen Fall erzählt. Zwei andere frühere oder bestehende Mitarbeitende haben unabhängig voneinander eine identische Situation geschildert. Huawei wollte sich dazu wie zu den meisten ­anderen Punkten nicht direkt äussern. Sprecherin Michèle Wang sagt aber: «Etliche der zitierten Aussagen sind falsch und kommen wahrscheinlich von Personen, die das Geschäft nicht gut kennen. Unqualifizierte Aussagen von ehemaligen oder aktuellen Mitarbeitenden kommentiert Huawei grundsätzlich nicht öffentlich, ebenso wie interne Geschäftsabläufe und -prozesse.»

Zu gewissen Fragen wollte sich das Unternehmen auch mit Hinblick auf die laufenden Untersuchungen nicht äussern. Man kooperiere mit den Behörden und wolle sich ans Gesetz halten.

Die Ermittlungen laufen

Untersuchungen gibt es gleich mehrere: Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Falle der wegen Schwarzarbeit festgenommenen Asiaten, die ausgewiesen wurden. Die Polizei ermittelt weiter, um die Verantwortlichen in der Firma zu finden. Die Dossiers der Angestellten mit EU-Arbeitsbewilligung, die in der Schweiz nicht angemeldet waren, liegen beim ­Ustermer Statthalter Marcel Tanner.

Erste Resultate gibt es in der Unter­suchung des Amtes für Wirschaft und Arbeit Zürich, das im März in Dübendorf die Büros inspizierte. Es konnte keine Verstösse gegen das Arbeitsgesetz feststellen, was die Platzverhältnisse in den Büros oder die Anzahl Toiletten betrifft. Auch mit der Bewilligungspflicht für Nacht- und Sonntagsarbeit gibt es keine Probleme. Zwar wurde nachts und am Wochenende gearbeitet, aber da die Telecombranche über eine Ausnahmeregelung verfügt, ist dafür keine Bewilligung nötig. Der Befund zum Vorwurf der Dumpinglöhne steht noch aus: Es werden stichprobenartig 24 Verträge überprüft. Sie mussten allerdings erst aus dem Chinesischen übersetzt werden.

Rückblickend sagt Meier, schockiert ihn vor allem, dass es bei Huawei zweierlei Kategorien von Angestellten gibt – die Lokalen, die gemäss hiesigen Standards behandelt werden, und die Chinesen – die in seiner Wahrnehmung kaum Rechte hatten. Die Spionagevorwürfe gegen Huawei, die in den USA dazu geführt haben, dass die Chinesen keine Aufträge mehr bekommen, halten Meier und seine Kollegen übrigens für unrealistisch. Die offizielle Schweiz ist sich da nicht ganz so sicher. Zumindest wird das Unternehmen im aktuellen Lagebericht des Nachrichtendienstes des Bundes erwähnt – unter dem Titel «Netzwerkbetreiber als trojanische Pferde?». Vor Huawei gewarnt wird allerdings nicht.

Erstellt: 26.05.2013, 22:38 Uhr

Huawei hält an umstrittener Praxis fest

Huawei will weiterhin Chinesen mit ­sogenannten Schengen-C-Visa in die Schweiz holen – eine umstrittene Praxis. Die bei der Razzia in Dübendorf verhafteten Chinesen verfügten über solche Visa, ausgestellt waren sie in Italien. Gemäss Huawei gibt es «Interpretationsspielräume», was man mit einem solchen Visum in der Schweiz machen kann. Man werde Mitarbeiter mit ­solchen Visa darum «im Rahmen der erlaubten Tätigkeiten» weiter einsetzen. Was genau diese erlaubten Tätigkeiten sind, will Huawei nicht sagen. Auch die Frage, wo Huawei den Interpretationsspielraum sieht, blieb mit Verweis auf die ­laufenden Verfahren unbeantwortet.
Laut dem zuständigen Staatsanwalt ist ein Schengen-C-Visum in der Schweiz nicht viel mehr wert als ein Touristen­visum. Ein Anwalt, der internationale Konzerne in Sachen Arbeitsbewilligungen berät, präzisiert, dass ein chinesischer Topmanager mit einem Schengen-C-Visum in der Schweiz einen Vertrag unterzeichnen, an einem wichtigen Meeting teilnehmen oder einen Vortrag halten darf. An einen Computer setzen darf er sich dabei aber nicht. Sogar, ob ein normaler Fachspezialist an einer Sitzung teilnehmen dürfe, ist laut dem ­Anwalt umstritten.
Der Trick mit den Schengen-C-Visa ist bekannt. Experten raten davon ab, weil es sich dabei meist um eine klare Umgehung der Schweizer Regeln handelt. Das kommt bei den Behörden nicht gut an. Als Firma ist man aber auf eine gute ­Zusammenarbeit angewiesen. (aba)

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