«Das ist Adrenalin pur»

Börsenhändler halten sich wegen ihrer Tricks für «geile Hunde». Bankenkritiker René Zeyer sagt, wie es dazu kommt.

«Hunderte von Leuten, zahlreiche Bildschirme und dazu die Möglichkeit, innerhalb von Sekunden Hunderttausende von Franken zu gewinnen oder zu verlieren»: Händler bei der UBS in Opfikon. (3. Oktober 2012)

«Hunderte von Leuten, zahlreiche Bildschirme und dazu die Möglichkeit, innerhalb von Sekunden Hunderttausende von Franken zu gewinnen oder zu verlieren»: Händler bei der UBS in Opfikon. (3. Oktober 2012) Bild: Keystone

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Was gestern ans Licht kam, sagt Bankenkritiker René Zeyer, erstaune ihn überhaupt nicht. Doch den Ärger der Leser, den könne er gut verstehen. Chatprotokolle der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) zeigen, wie UBS-Händler ihr Insiderwissen ausnutzten, eigene Börsengeschäfte zum Nachteil der Kunden abwickelten – und damit auch noch skrupellos prahlten.

René Zeyer – früher selber Kommunikationsberater für Banken, heute Publizist – greift Banken regelmässig frontal an, besonders die UBS und die Credit Suisse. Die derbe, teilweise vulgäre Sprache in den von der Finma veröffentlichten Chatauszügen («Das sind geile Hunde», «die Compliance sitzt uns am Arsch») gehöre zum Umgangston im Handelsraum einer Grossbank, sagt Zeyer. Der Stress in dieser «Batteriehaltung für Händler» lasse nichts anderes zu.

Adrenalin pur

«Man muss sich die Händlerräume vorstellen: Hunderte von Leuten, jeder ein bis zwei Telefonhörer am Ohr, zahlreiche Bildschirme und dazu die Möglichkeit, innerhalb von Sekunden Hunderttausende von Franken zu gewinnen oder zu verlieren», sagt Zeyer. «Das ist Adrenalin pur.» Doch: Etwas Verbotenes zu tun ist das eine, damit zu prahlen das andere. «Wer sich dem System nicht anpasst, wird niemals Karriere machen», sagt Zeyer dazu. Stillschweigend würden unsaubere Geschäftspraktiken toleriert – den internen Compliance-Regeln zum Trotz. «Jeder will seine eigene Haut retten, deshalb melden Händler ihren Vorgesetzten keine auffälligen Handlungen», erklärt Zeyer.

Die Missachtung der Compliance-Regeln bei Grossbanken sei das eine Problem, findet der Bankenkritiker. Das andere: die unglaublich hohe Geschwindigkeit, mit der Börsengeschäfte abgewickelt werden. Kommen etwa Händler beim Kauf von Wertpapieren im Wissen um eine grosse Kursschwankung ihren Kunden zuvor, geschehe das innerhalb von Sekunden; beim Hochfrequenzhandel gar innerhalb von Millisekunden. «Das macht die Kontrolle einzelner Aktivitäten praktisch unmöglich», erklärt Zeyer.

Empörte Leser

Verbesserungen seien nur in wenigen Gebieten möglich, findet René Zeyer. Etwa, indem der mit Computern betriebene Hochfrequenzhandel verboten werde. Oder mit einem neuen Anreizsystem, bei dem Banker nicht an den Quartalszahlen ihrer Profitcenter gemessen würden. Oder indem – und hier nimmt er die Kunden in die Pflicht – Banken vermehrt berücksichtigt würden, die auf nachhaltige Geschäftspraktiken achteten. Deren Marktanteil sei in der Schweiz immer noch verschwindend klein. «Jeder UBS- oder CS-Kunde, der sich über den gestern veröffentlichten Bericht empört, steht im Widerspruch mit sich selber», sagt Zeyer.

Der gestrige Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Artikel über die Chatauszüge der Finma erzeugte Dutzende entrüstete Leserkommentare. «Diese Bank gehört geschlossen», schreibt etwa ein Leser. Sie sei «kriminell» und «untherapierbar». Wieso aber ist die Empörung so gross? Auch in anderen Branchen verhalten sich Menschen unkorrekt, werden vom Geldgedanken geleitet. Es sei wohl die ewige Wiederholung, die die Menschen erzürne, vermutet René Zeyer. Trotz aller Versprechungen der UBS und anderer Grossbanken, dass sich etwas ändere, kämen immer wieder unsaubere Geschäftspraktiken ans Licht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 19:36 Uhr

«Wer sich dem System nicht anpasst, wird niemals Karriere machen»: Bankenkritiker und Publizist René Zeyer. (Bild: Rolf Edelmann)

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