«Das ist Wettbewerbsverzerrung pur»

Die Kapitalvorschriften für Versicherer müssten gemildert werden, sagt «National»-Chef Hans Künzle. Ansonsten würden die Schweizer Anbieter aus dem Markt gedrängt.

«Wenn Sie als CEO keine Abgebote mehr bekommen, stimmt auch etwas nicht», sagt Hans Künzle.

«Wenn Sie als CEO keine Abgebote mehr bekommen, stimmt auch etwas nicht», sagt Hans Künzle. Bild: Roland Schmid

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Wie viele Versicherungsgesellschaften kämpft auch die Nationale Suisse mit dem Schweizer Solvenztest (SST), der den Versicherern mehr Kapital abverlangt. Zusammen mit der Bâloise setzt sie sich etwa für ein eigenes Modell ein, um das Risiko von Immobilienanlagen zu bewerten. Bisher wurde dieses von der Finanzmarktaufsicht (Finma) nicht genehmigt. Von den neuen Vorschriften ist vor allem das Lebensversicherungs-geschäft betroffen, da dieses deutlich mehr Kapital bindet als etwa die Sachversicherungen. Die «National» hat Anfang Jahr als erste Schweizer Versicherung auf die neuen Rahmenbedingungen reagiert und ihr Geschäft mit Pensionskassengeldern abgestossen.

Herr Künzle, im Januar hat die «National» das Pensionskassengeschäft an die Swiss Life verkauft. Ist damit das Kapitalproblem erledigt?
Hans Künzle: Ja und Nein. Wir hatten als Gruppe auch vorher nie ein Kapitalproblem, die SST-Kapitalquote war bei uns immer im tiefgrünen Bereich. Aber die erhöhten Kapitalanforderungen haben die Frage provoziert, ob dieses Geschäft noch rentabel betrieben werden kann. Das war bei uns auf lange Sicht nicht mehr der Fall.

Grund ist das Korsett aus Mindestzins auf der einen und Kapitalvorschriften auf der anderen Seite?
So ist es. Im Vollversicherungsmodell trägt die Versicherung das volle Verlustrisiko aus dem Kapitalmarkt. Die Gewinnmöglichkeiten sind aber beschränkt, weil die Versicherer dazu verpflichtet sind, 90 Prozent der Gewinne den Versicherten gutzuschreiben.

Was wäre die Alternative zum Verkauf gewesen? Ihre Konkurrenten lagern das Anlagerisiko teilweise an Banken oder andere Versicherungen aus.
Das wäre keine Alternative gewesen. Die Zielgruppen, die wir im KMU-Geschäft anvisieren, sind keine Grossunternehmen. Eine Vollversicherung ist für diese notwendig.

Bestimmen am Ende ein paar wenige grosse Anbieter das Pensionskassengeschäft in der Schweiz? Oder kippt die politische Lage irgendwann wieder?
Da habe ich eine klare Meinung: Gewisse politische Kreise in der Schweiz wollen die Verstaatlichung des Vorsorgegeschäfts. Sie tun alles, um die Rahmenbedingungen so stark zu verschlechtern, dass die Privatversicherer aus dem Geschäft gedrängt werden. Die Rahmenbedingungen werden sicher schlechter, wenn nicht ein klares Committment des Bundesrats und der Parlamentsmehrheit dagegen ansteht.

Sie beschuldigen die Linke, Ihnen die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Aber mit den Bürgerlichen hätten Sie doch eine Mehrheit. Haben Sie die bürgerlichen Parteien nicht im Griff?
Diese Unterscheidung zwischen bürgerlich und links gibt es so nicht mehr. Uns fehlt eine starke Allianz, die sich klar für eine freiheitliche, marktwirtschaftlich orientierte zweite Säule einsetzt.

Spürt man das auch bei den neuen Kapitalvorschriften? Sie kämpfen mit der Finanzmarktaufsicht um etwas, das vor Jahren schon beschlossen wurde.
Grundsätzlich unterstützt die Versicherungswirtschaft den SST. Differenzen gibt es in der Ausgestaltung, die vor ein paar Jahren noch nicht bekannt war. Aber dieser Prozess muss stattfinden, das ist in Ordnung.

Aber der Prozess findet viel zu spät statt. Der SST ist seit Anfang Jahr in Kraft.
Es ist sicher problematisch, dass viele Inhalte des SST heute noch nicht klar sind.

Was lief da falsch? Alle feilschen noch mit der Finma, Sie unter anderem um die Bewertung der Immobilien.
Ein Problem des SST ist, dass es grundsätzlich sowohl im Leben als auch in der Sachversicherung ein Standardmodell zur Bewertung gibt. Aber insbesondere im Leben wurde das Standardmodell nie so ausgearbeitet, dass es direkt angewendet werden kann, es ist untauglich. Das gibt auch die Finma zu. Das führt dazu, dass die Versicherer eigene Modelle einreichen müssen, und diese Modelle weichen stark voneinander ab.

Um die Resultate vergleichen zu können, müsste man sie ja erst einmal kennen. Viele Versicherer wollen ihre SST-Kapitalquoten gar nicht publizieren. Ist das sinnvoll?
Nein, grundsätzlich ist es nicht sinnvoll, diese Zahlen geheim zu behalten. Im Moment bin ich jedoch auch nicht für eine Publikation, denn die verwendeten Modelle sind noch zu unterschiedlich und lassen keinen Vergleich zu. Zudem werden die Zahlen erst Ende April bei der Finma eingereicht. Sie sind noch nicht abgesegnet.

Dann könnte man Sie ja im Halbjahresabschluss publizieren.
Das hängt davon ab, ob die Gesellschaft und die Finma bis dann in den relevanten Punkten ein gemeinsames Verständnis entwickelt haben.

Wo stehen Sie da?
Im Moment ist man bei vielen Themen noch so weit von einander entfernt, dass ich nicht glaube, dass wir im Verlauf des Jahres eine komplette Übereinstimmung haben werden.

Worüber verhandeln Sie noch?
Zum einen über die Zinskurve, die bestimmt, wie die Finanzanlagen im Modell über die nächsten Jahre verzinst und bewertet werden können. Zum anderen über das Immobilienmodell, das für uns darum wichtig ist, weil wir einen grossen Anteil von Immobilien besitzen und diese in meinen Augen sehr stabile Anlageergebnisse bringen.

Letztlich wird aber einfach um vorteilhaftere Konditionen gefeilscht. Nehmen wir die Zinskurve: Je tiefer die Zinssätze, desto mehr Kapital brauchen Sie. Daher wollen Sie hohe Zinsen.
Es geht nicht ums Feilschen. Wenn der SST in der Strenge angewandt wird, wie von der Finma vorgegeben, werden Schweizer Versicherer mit Hauptsitz in unserem Land, die auch im Ausland tätig sind, aus dem Wettbewerb gedrängt. Der SST und sein europäisches Pendant Solvency II sind derart unterschiedlich, dass man beim SST nicht mehr einfach von einem «Swiss Finish» reden kann. Das sind eindeutige Wettbewerbsnachteile.

Sie haben keine Hoffnung, dass die EU nachzieht und Solvency II verschärft?
Im Gegenteil. Solvency II wird eher noch abgeschwächt werden.

Ist der Schweizer Test zu streng oder der europäische zu schwach?
Das ist schwer zu sagen. Tatsache ist jedenfalls, dass in der Schweiz alle Versicherer gut durch die Finanzkrise gekommen sind und heute zum Teil exzellent dastehen.

Warum ist die EU grosszügiger?
Frankreichs Präsident Sarkozy ist darum bemüht, dass die Regulierung zum Beispiel der Axa nicht schadet und Angela Merkel sorgt sich um die Allianz und die Münchner Rück.

Wie sehen die Spiesse unter den Akteuren in der Schweiz aus? Haben Ableger ausländischer Konzerne, wie etwa Axa Winterthur, einen Vorteil?
Ja, das ist so.

Weshalb?
Ein französisches Mutterhaus kann seiner Schweizer Tochter beispielsweise eine günstige Garantie geben, die diese von der Kapitalallokation in der Schweiz befreit. Ein ausländischer Konzern braucht so bedeutend weniger Kapital als ein schweizerischer. Das ist Wettbewerbsverzerrung pur.

Könnten Sie das nicht auch einkaufen?
Sie können immer absichern. Aber das kostet, und am Ende geht dies zulasten der Kunden.

Hat man das bei der Entwicklung des SST übersehen?
Die Finma hat eigentlich drei Aufträge: Sie muss die Versicherten schützen, sie muss sicherstellen, dass die Marktteilnehmer kapitalmarktfähig bleiben, und sie hat dafür zu sorgen, dass es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommt. Sie gewichtet den Schutz der Versicherten allerdings eindeutig höher – zuungunsten der zwei anderen Anforderungen.

Jetzt reden wir über etwas, was vor allem die Lebensversicherungen betrifft. Die National ist aber mehrheitlich ein Sachversicherer. In diesem Bereich ist der SST weniger streng als die europäische Regulierung. Da könnten Sie eigentlich zufrieden sein.
Natürlich ist das Leben für Sachversicherer im Moment einiges angenehmer als für Lebensversicherer. Aber auch Nationale Suisse hat noch ein Einzelleben-Geschäft. Wir sind also auch davon betroffen.

Im letzten Abschluss machte das Einzelleben noch 15 Prozent der Prämien aus. Sind Sie irgendwann ein reiner Sachversicherer?
Nein, das ist keine Option. Wenn wir das Einzelleben-Geschäft hätten verkaufen wollen, hätten wir das jetzt getan. Das wäre gemeinsam mit dem Kollektivleben-Geschäft bedeutend einfacher gewesen.

War das ein Thema in den Verhandlungen?
(Lacht.) Ich verrate Ihnen sicher keine Einzelheiten zum Verhandlungsprozess mit Swiss Life.

Schade.
Was ich sagen kann: Für Nationale Suisse war das kein Thema. Wir brauchen das Einzelleben-Geschäft, also zum Beispiel Lebensversicherungen in der dritten Säule, für unsere Strategie, die sich auch an vermögendere Kunden ausrichtet.

In der Schweiz ist die Nationale Suisse die kleinste der börsenkotierten Versicherungsgesellschaften. Sind Sie nicht zu klein?
Diese Frage der Marktpositionierung muss man sich permanent stellen. Wir denken aber, dass wir all die Bereiche, bei denen eine minimale Grösse notwendig ist, nicht mehr betreiben. Das letzte solche Geschäft, in dem die kritische Grösse eine Rolle spielt, war das Kollektivleben-Geschäft.

Eine persönliche Frage zum Schluss. Vor einem Jahr gab es starke Gerüchte, Sie würden Chef der Mobiliar-Versicherung. Wie viel Wahrheit steckte damals hinter den Gerüchten?
Ich war da seit fünf Jahren Chef von Nationale Suisse. Damals und heute gibt es für mich keine andere Option.

Für die Mobiliar war es auch keine Option?
Das müssen Sie die Mobiliar fragen. Aber schauen Sie: Wenn Sie als CEO keine Jobangebote mehr bekommen, stimmt auch etwas nicht.

Erstellt: 29.03.2011, 12:18 Uhr

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