«Das ist wie ein Atomreaktor»

Wegen eines Software-Fehlers verlor der US-Finanzdienstleister Knight Capital letzte Woche über 400 Millionen Dollar. Investoren haben die Firma nun gerettet. Die Panne ist bei weitem kein Einzelfall.

Zahlreiche Banken und Fonds wickeln ihre Aufträge über die Firma ab: Eine Börsianer steht in New York vor dem Bildschirm von Knight Capital. (3. August 2012)

Zahlreiche Banken und Fonds wickeln ihre Aufträge über die Firma ab: Eine Börsianer steht in New York vor dem Bildschirm von Knight Capital. (3. August 2012) Bild: Reuters

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Vergangene Woche sorgte eine spektakuläre Software-Panne an der New Yorker Börse für Aufsehen: Innert weniger Minuten verspielte der Finanzdienstleister Knight Capital beinahe seine Existenz, weil ein neu installiertes Computerprogramm nicht richtig funktionierte. Die Software platzierte eine enorme Zahl von fehlerhaften Aufträgen und löste damit heftige Kursschwankungen aus. Erst nach einer Dreiviertelstunde konnte das Treiben gestoppt werden. Bis dahin hatte sich bei Knight Capital bereits ein Verlust von 440 Millionen Dollar angehäuft. Nach Bekanntwerden der Panne brach der Aktienkurs des Unternehmens um fast 50 Prozent ein. Die Firma stand vor dem Ruin.

Die Wall-Street-Firma konnte nun aber gerettet werden. Eine Gruppe von Investoren stellt 400 Millionen Dollar bereit, wie Knight Capital mitteilt. Die bisherigen Anteilseigner dürften als Konsequenz allerdings die Kontrolle über das Unternehmen verlieren. Für das Geld gibt es Schuldpapiere, die in rund 267 Millionen Aktien umgewandelt werden können. Damit dürften die Investoren später knapp drei Viertel der Anteile halten.

Fiasko beim Facebook-Börsengang

Knight Capital ist kein Einzelfall. Erst im Mai hatten Probleme beim Facebook-Börsengang dem Börsenbetreiber Nasdaq ähnliche Probleme eingebracht. Die Umsätze der Facebook-Aktie schossen gleich nach Eröffnung in die Höhe und überlasteten das Handelssystem von Nasdaq. Die UBS verlor eigenen Angaben zufolge mehr als 350 Millionen Dollar mit Facebook-Papieren. Die Grossbank geht nun rechtlich gegen Nasdaq vor.

Für BATS Global Markets, den Betreiber der Handelsplattform Chi-X, geriet sogar der eigene Börsengang zum Fiasko: Wegen technischer Probleme scheiterte das Initial Public Offering (IPO) im März komplett. BATS will in den kommenden Monaten einen zweiten Anlauf wagen.

2010 sorgte der sogenannte Flash Crash an der NYSE für Furore. Damals fiel der Kurs des US-Standardwerte-Index Dow Jones binnen Minuten um rund 1000 Punkte. Hier lösten Computerprogramme von Hochfrequenz-Händlern eine Verkaufskaskade aus, während deren der Preis für einige Aktien auf null Dollar fiel. Nach etwa einer halben Stunde war der Spuk vorbei, und der Dow fast wieder dort, wo er vor seinem Absturz gelegen hatte.

Drei Viertel automatisch

Die Fehler-Serie wirft ein Schlaglicht auf die zunehmende Abhängigkeit der Börsen von Computerprogrammen, die ohne menschliches Zutun in Sekunden-Bruchteilen Tausende Kauf- und Verkaufsorders absetzen. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht und die Regulierer tun sich schwer, mögliche Schäden zu begrenzen. Dabei entfallen Schätzungen zufolge bereits knapp drei Viertel des Aktienhandels in den USA auf den automatisierten Handel, das sogenannte Algo-Trading.

«Vielleicht ist es einfach zu kompliziert», sagt Larry Tabb, Gründer der auf die Kapitalmärkte spezialisierten Beratungsfirma Tabb Group. «Wir sollten darüber nachdenken, die Struktur des Marktes zu verändern, um diese Dinge zu vereinfachen.»

Bernard Donefer, der an der NYU Stern Graduate Business School und am Baruch College unterrichtet, plädiert für eine stärkere Regulierung. Wenn es Autos gebe, die selbstständig Hindernisse erkennen und stoppen können, dann «brauchen wir derartige Kontrollen» auch für die Finanzmärkte, betont er. Ein Anfang seien die geplanten neuen Grenzwerte zur Aussetzung des Handels bei Kursausschlägen. Diese sollen aber erst im kommenden Februar von den Aufsichtsbehörden getestet werden.

«Hausgemachtes Problem»

Andere sehen hingegen keinen Bedarf für strengere Regeln. Für Matt Andresen, Gründer des Hochfrequenz-Wertpapierhändlers Headlands Technology, ist die Causa Knight ein Einzelfall. «Knight hatte ein hausgemachtes Problem und sie sind die einzigen Leidtragenden», sagt er.

Unentschuldbar ist Experten zufolge, dass Knight, über dessen Systeme zahlreiche Banken und Fonds ihre Aufträge abwickeln, die Software offenbar nicht ausreichend getestet habe. «Das ist wie ein Atomreaktor oder ein Flugzeug», sagt Roy Niederhoffer, Chef des Hedgefonds R.G. Niederhoffer Capital Management und Kunde von Knight Capital. «Es muss einen Weg geben, den Zustand des Gesamtsystems zu überblicken.»

Handelssysteme müssen regelmässig aktualisiert werden, um sie an veränderte Kunden-Anforderungen oder auch neue gesetzliche Bestimmungen - wie zum Beispiel Transaktionssteuern - anzupassen. Nach dem «Flash Crash» von 2010 wurden ausserdem Sicherheitsmechanismen eingebaut. Sie beschützten die Kunden von Knight Capital vor hohen Verlusten - den gigantischen Verlust des Finanzdienstleisters konnten sie nicht verhindern. (kpn/sda)

Erstellt: 06.08.2012, 18:38 Uhr

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