Das lange Sündenregister der Swatch Group

Exzessive Boni, keine Verbindung zwischen Lohn und Leistung, eine absolut ungenügende Berichterstattung über die Nachhaltigkeit: Die Stimmrechtsberater gehen mit dem Uhrenkonzern hart ins Gericht.

Stehen in der Kritik: Der US-Stimmrechtsberater ISS spricht sich gegen die Wiederwahl der Swatch-Verwaltungsräte Nick und Nayla Hayek aus.

Stehen in der Kritik: Der US-Stimmrechtsberater ISS spricht sich gegen die Wiederwahl der Swatch-Verwaltungsräte Nick und Nayla Hayek aus. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

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An der Generalversammlung der Swatch Group wird noch mit Handerheben abgestimmt, wie bei nur wenigen anderen grossen Firmen. Dieser Anachronismus ist nur ein Beispiel dafür, dass bei der Corporate Governance des Uhrenkonzerns einiges im Argen liegt. Der Aktionärsberater Actares kritisiert das Vorgehen der Firma als «nonchalant». Da es keine Zahlen zu den Abstimmungsresultaten gebe, kenne das Unternehmen den Anteil der Nein-Stimmen nicht. Gerade dies sei aber wichtig. Bereits Nein-Anteile von 15 Prozent oder mehr hätten bei anderen Konzernen zu einem Umdenken etwa bei der Vergütungspolitik geführt, schreibt Actares. Die GV des Uhrenkonzerns findet morgen Donnerstag im Velodrome in Grenchen statt.

Es sind vor allem die Managerlöhne, die auf Kritik stossen. So bezeichnet der Genfer Stimmrechtsberater Ethos die variable Vergütung für die Konzernleitung als exzessiv. Neben dem Fixlohn von 7,5 Millionen Franken kommen Boni in Form von Bargeld und Aktienoptionen im Wert von 30,5 Millionen Franken dazu. Insgesamt erhalten die Mitglieder der Konzernleitung und der erweiterten Konzernleitung 42,1 Millionen Franken. Wenn man die Leistung von Swatch mit anderen Firmen der Branche vergleiche, sei diese alles andere als berauschend, findet Ethos. Das sei auch ein Beleg dafür, dass kein Zusammenhang zwischen Lohn und Leistung bestehe.

Verwaltungsrat hat freie Hand

Ethos bemängelt zudem die Boni für die beiden exekutiven Verwaltungsräte Nayla und Nick Hayek. Auch hier fehle der Zusammenhang zwischen der Höhe der Vergütung und der Leistung. Ethos bedauert, dass die Leistungskriterien nicht klar offengelegt werden. Keine Freude hat der Aktionärsberater an den Optionsplänen. Neben einem vertraglich vereinbarten Minimum liegt die Zuteilung der restlichen Optionen im Ermessen des Verwaltungsrats. Insgesamt erhält Nick Hayek für 2014 rund 7,6 Millionen Franken, 70 Prozent davon sind variabel. Schwester und VR-Präsidentin Nayla Hayek bezieht 4,9 Millionen Franken.

Pikanterweise ist auch der einflussreiche US-Stimmrechtsberater ISS gegen die variable Vergütung für die Konzernleitung und die exekutiven Verwaltungsräte. Üblicherweise sind die Amerikaner bei Vergütungsabstimmungen weit weniger streng als Ethos.

ISS gegen die Wahl von Nayla und Nick Hayek

Als Konsequenz für die mangelhafte Vergütungspolitik verwehrt ISS drei von fünf Verwaltungsräten die Wiederwahl. Es ist dies, neben Nayla und Nick Hayek, auch Ernst Tanner. Der Lindt-&-Sprüngli-Chef sitzt bereits seit 20 Jahren im Verwaltungsrat von Swatch. ISS ist auch gegen die drei Verwaltungsräte bei der Wahl in den Vergütungsausschuss. Ethos dagegen stimmt nur gegen die Wahl der drei in den Vergütungsausschuss. Bei den Wahlen in den Verwaltungsrat stimmt Ethos lediglich gegen Tanner.

Die Zusammensetzung des Vergütungsausschusses ist bei Swatch ohnehin eine Besonderheit. Ihm gehören sämtliche Mitglieder des Verwaltungsrats an, normalerweise umfasst dieser nur drei oder vier Mitglieder. Ethos stört sich zudem daran, dass Nayla und Nick Hayek als exekutive Verwaltungsräte im Ausschuss sitzen. Dies widerspricht den Gepflogenheiten der guten Unternehmensführung.

Kritik an der Nachhaltigkeit

Hart ins Gericht geht Aktionärsberater Actares, was die Berichterstattung über die Nachhaltigkeitspolitik von Swatch anbelangt. Diese sei «absolut ungenügend». Ausser Selbstverpflichtungen zu gewissen Standards gebe es kaum geprüfte oder nachprüfbare Informationen und nur wenige Zahlen. «Für ein Unternehmen von der Grösse und der Qualität von Swatch Group ist dies absurd», schreibt Actares. Dies führe dazu, dass der Uhrenkonzern in Nachhaltigkeitsratings regelmässig schlecht bis sehr schlecht abschneide.

Actares zweifle an sich nicht daran, dass sich Swatch bezüglich Nachhaltigkeit bemühe. Interne Standards und Zahlen seien vorhanden. Einer Veröffentlichung stehe daher nichts im Wege und eine Beschädigung des Rufs von Swatch sei kaum zu befürchten.

Swatch wehrt sich

Swatch steht schon länger für seine Nachlässigkeiten in Sachen Corporate Governance unter Beschuss. Die Kritik ist bisher am Unternehmen abgeperlt. Das ist aber nicht weiter verwunderlich. Der Aktienpool der Familie Hayek kontrolliert 40,8 Prozent aller Stimmen mit einem Kapitalanteil von 22,3 Prozent. Hinzu kommen die Stimmen der Basler Geschäftsfrau Esther Grether, die 5,9 Prozent ausmachen. Grether sass bis zur Generalversammlung 2014 im Verwaltungsrat von Swatch. So gesehen hat das Unternehmen von seinen Minderheitsaktionären kaum etwas zu befürchten.

Auf Anfrage des TA äussert sich Swatch ausführlich zur Kritik der Aktionärsberater. Der Begriff «exzessiv» sei relativ. «Ein interessanter Vergleich wäre zum Beispiel die Richemont-Gruppe, die im gleichen Segment tätig ist wie Swatch Group», sagt Sprecherin Béatrice Howald. Die Swatch-Konkurrentin zahlte ihren Verwaltungsräten und Geschäftsleitungsmitgliedern insgesamt 56,9 Millionen Euro. Bei Swatch beträgt dieser Betrag 47,8 Millionen Franken.

Ohnehin würden die sogenannten Corporate-Governance-Standards wenig über die Qualität und das Potenzial eines Unternehmens aussagen, so Howald weiter. «Die Anzahl neuer Stellen, die geschaffen werden, oder ob im Gegensatz aus kurzfristigem Profitdenken gar Stellen abgebaut werden, ob und wie viele Lehrlinge ausgebildet werden – all das spielt darin keine Rolle.» Das gehöre jedoch auch zum «nachhaltigen Wirtschaften». Schliesslich betont Howald, dass die Swatch Group alle Regeln und Vorschriften befolge, an die sich ein börsenkotiertes Unternehmen zu halten habe. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.05.2015, 16:54 Uhr

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