Das ungelöste Problem von Apple, Dell, Nokia & Co.

Die Selbstmordwelle beim chinesischen Produktionsbetrieb Foxconn reisst nicht ab – das beunruhigt inzwischen zunehmend auch die prominenten Auftraggeber.

Massenproduktion: Die Foxconn-Kantine in Shenzen.

AFP

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«Sollte ich künftig Probleme oder Härten durchleben, werde ich mich ans Care-Center für Angestellte wenden», heisst es in einer Erklärung, die alle Mitarbeiter des Elektronikriesen Foxconn unterschreiben sollen. In der taiwanischen Firma, die im südchinesischen Shenzhen über 400 000 Leute beschäftigt, haben sich dieses Jahr bereits zehn junge Mitarbeiter das Leben genommen. Jetzt will Foxconn, ein Produktionsbetrieb, der auch iPhones von Apple und Geräte für Dell, Hewlett-Packard und Nokia herstellt, die Arbeiter schriftlich verpflichten, sich nichts anzutun.

«Ich übernehme Verantwortung für meine Handlungen. Wenn ich Schwierigkeiten oder Rückschläge erlebe, werde ich meine Verwandten kontaktieren oder mich bei einem Manager melden», heisst es weiter. Im Falle eines Unfalls, der nicht von der Firma verursacht worden sei, würden der Mitarbeiter oder die Verwandten nichts fordern, was übers gesetzliche Mass hinausgehe.

Jüngster Selbstmord am Mittwoch

Der jüngste Selbstmord geschah am Mittwoch. Wie die meisten anderen Opfer sprang der 23-jährige Wanderarbeiter vom Dach eines Wohnheims auf dem Firmengelände. Wie fast alle Produktionsfirmen in Südchina, in denen junge Migranten aus den Provinzen im Innern Chinas arbeiten, kaserniert Foxconn seine Mitarbeiter. Sie dürfen das Firmenareal nur bei guter Leistung und meist nur am Wochenende verlassen.

Apple, Hewlett-Packard und Dell wollen die Arbeitsbedingungen bei Foxconn untersuchen. Der erste Selbstmord, der die Firma vor einem Jahr in die Schlagzeilen brachte, geschah, weil ein Mitarbeiter einen ihm anvertrauten Prototyp des nächsten iPhones verloren hatte. Der Sicherheitsdienst bedrängte den jungen Mann derart, dass dieser keinen Ausweg mehr sah. Die Sicherheitsleute seien entlassen worden, meldete Foxconn danach. Manche Chinesen haben Apple für jenen ersten Selbstmord mitverantwortlich gemacht; mit ihren überrissenen Forderungen und einem manischen Zwang zur Geheimhaltung habe die Firma Foxconn in eine Sicherheitshysterie gerieben.

Brutale und militärische Arbeitsbedingungen?

Dollarmilliardär Terry Gou, Gründer und CEO von Hon Hai, der Dachfirma von Foxconn, ist einer der prominentesten Unternehmer Taiwans. Weltweit beschäftigt Hon Hai 800 000 Leute.

Wenige Stunden vor dem bisher letzten Selbstmord öffnete Gou das sonst streng abgeschirmte Foxconn-Areal in Shenzhen für Reporter. Er entschuldigte sich mehrfach für die Selbstmorde. Laut den Journalisten unterscheiden sich die Foxconn-Betriebsbedingungen nicht von ähnlichen Firmen in China.

Gou sagte, die Selbstmorde raubten ihm den Schlaf, er werde alles tun, um das Problem in den Griff zu bekommen. Aktivisten in Hongkong werfen Foxconn vor, die Schichten seien zu lang, die Fliessbänder liefen zu schnell und es herrsche brutale militärische Disziplin.

Während China einst wenig Selbstmorde kannte, gehört seine Suizidrate heute zu den höchsten in Asien. Kommentatoren schreiben, dies sei kein Problem von Foxconn, sondern eines von China. Der rasante Wandel, die Entwurzelung der jungen Wanderarbeiter und der Leistungsdruck im knochenharten Kapitalismus trieben viele Menschen in die Verzweiflung. Gemessen an der landesweiten Selbstmordrate liegt Foxconn sogar unter dem Durchschnitt.

Erstellt: 28.05.2010, 08:54 Uhr

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