«Datenschutz ist ein Standortvorteil»

Datenschützer Hans-Peter Thür sieht neue Chancen für die Schweiz als Hochsicherheitsbunker im Geschäft mit der Informationsspeicherung. Für Google könne das fehlende Vertrauen zum Nachteil werden.

Ein Wachmann steht vor einer Panzertür im Speicherzentrum Mount10 in Saanen-Gstaad, bekannt als «Schweizer Fort Knox». Foto: Yann Mingard

Ein Wachmann steht vor einer Panzertür im Speicherzentrum Mount10 in Saanen-Gstaad, bekannt als «Schweizer Fort Knox». Foto: Yann Mingard

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Der Schweizer Datenschutz ist deutlich strenger als etwa derjenige in den USA. Firmen wie Swiss Fort Knox machen daraus ein ­Businessmodell und bieten ­Speicherlösungen an im «sichersten Datenzentrum der Welt». Experten sehen darin das Potenzial für eine ganze Industrie – Sie auch?
Das ist ein mögliches Szenarium, weil in aussereuropäischen Ländern wie den USA Daten weniger geschützt sind. Kommt hinzu, dass neuerdings ein New Yorker Gericht Microsoft sogar dazu zwingen will, auch Daten, die auf europäischen Servern liegen, offenzulegen – auch dann, wenn der Nutzer oder Kunde diesen Service ausserhalb der USA nutzt. Microsoft hat dieses Urteil zwar angefochten. Auf einen Schweizer Anbieter können die USA oder auch die EU so nicht zugreifen – dieser Umstand wird in der Tat zu einem Standortvorteil für hiesige Rechenzentren oder Serverfarmen. Und zu einem Geschäft, in dem bereits einheimische Player wie Swisscom oder neuerdings auch die Post verstärkt aktiv werden möchten.

Das US-Technologie-Magazin ­«Wired» schrieb unlängst, die Schweiz wandle sich von einem Panzerschrank, gefüllt mit ausländischen Vermögen, zu einem Hochsicherheitsbunker für Daten. Droht uns da allenfalls bald neuer Ärger, wenn unser Land zu einem Fluchtpunkt illegaler ­Datenströme wird?
Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Der Vergleich mit der Finanzindustrie hinkt. Die Strafverfolgungsbehörden können durchaus auf widerrechtlich gesammelte oder bearbeitete Daten zugreifen – im Gegensatz zum Bankgeheimnis schützt unser Datenschutzgesetz bei strafbaren Handlungen im Ausland nicht.

Es scheint einen Gegentrend zu den globalen ­Datenströmen zu geben: eine Regionalisierung bei der ­Speicherung – wenn etwa die Post gegen Google antritt.
Ja, das trifft zu. Regionale Player profitieren auch davon, dass die kulturelle Nähe zu den Kunden Vertrauen schafft, wenn sie glaubwürdige Lösungen anbieten und unsere Gesetze respektieren. Und im Geschäft mit der Datensicherheit ist Vertrauen das wichtigste Kapital.

Sind diese Gesetze nicht ein ­Nachteil, wenn Schweizer Firmen im Rahmen von Big-Data-Strategien Daten erheben wollen?
Das mag aus der Sicht einzelner Unternehmen stimmen, ja. Zu unserem Datenschutzrecht gehört aber, dass Daten nicht ohne Einwilligung der Betroffenen für andere Zwecke weiterverwendet oder weitergegeben werden dürfen – andere Rechtssysteme sind da weniger streng und ermöglichen damit eine weitergehende Verwertung und Kommerzialisierung von Daten. Aber Big-Data-Strategien und Datenschutz müssen mitnichten ein Widerspruch sein.

Wie meinen Sie das konkret?
Big-Data-Nutzungen sind in der Regel dann unproblematisch, wenn die Daten entpersonalisiert sind, also keine Rückschlüsse auf konkrete Personen zulassen. Wenn etwa das Bundesamt für Strassen mit anonymisierten Handy­daten Verkehrsströme analysiert, dann steht das nicht in Konflikt mit dem ­Datenschutz. Das ist unproblematisch.

Trotzdem gibt es sehr viele ­pessimistische Stimmen, düstere Töne in der Debatte um Big Data, von Totalüberwachung ist immer wieder die Rede. Zu Recht?
Mir fällt auf, wie wenig den Leuten bewusst ist, welche Datenspuren sie hinterlassen. Neu etwa durch Fitness-Apps, mit denen sie Gesundheits- und Bewegungsdaten auf sozialen Netzwerken publizieren. Hinzu kommt, dass immer mehr Bereiche unseres Lebens von Sensoren erfasst werden, zusehends auch der private Raum, etwa die Lichtsteuerung oder die Benutzung von Haushaltsgeräten. Beides birgt Gefahren.

Die Existenz solcher Daten hat noch niemandem Schaden zugefügt
Das scheint mir nicht so klar. An mich haben sich schon Leute gewandt, die sich empört haben, dass die Migros Personendaten von Cumulus-Karten an die Polizei weitergeben musste, weil diese Karten in wild deponierten Abfallsäcken gefunden worden sind. Das Vorgehen ist rechtlich einwandfrei, zeigt aber, dass auch mit harmlosen Daten, die mit andern kombiniert oder aus dem Zusammenhang gerissen werden, unter Umständen unangenehme Aussagen über eine Person gemacht werden können.

Im Gegensatz zur kritischen Debatte über Big Data steht die Sorglosigkeit, mit der Menschen Daten preisgeben. Das geht bis zur Veröffentlichung von intimsten Bildern, Selfies, auf offen zugänglichen Plattformen. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?
Das Phänomen Big Data widerspiegelt eine technische Revolution – und diese überfordert die Menschen in vielen Aspekten. Das Resultat: eine unsachgemässe Nutzung. Wir befinden uns in einer Phase, in der wir erst lernen, mit diesen neuen Technologien umzugehen.

Was glauben Sie, womit wird sich ein Datenschützer in zehn Jahren beschäftigen?
Zweifellos wird die Menge der Daten nochmals wachsen. Man wird wissen, wie Sie sich in ihren eigenen vier Wänden bewegen, was Sie essen, wie Sie Ihr Auto nutzen. Es wird Firmen geben, etwa ­Google, die über umfassende Informationen verfügen, über eine digitale Beschreibung der Welt und der Menschen.

Was bedeutet dies für das Geschäft mit Daten?
Ich glaube nicht, dass auf Dauer Google oder Facebook ausreichend Vertrauen bei ihrer Klientel schaffen können. ­Google baut Autos, Google hat eine weltweite Banklizenz, Google erschliesst sich immer neue Geschäftsfelder – diese Strategie schafft Unbehagen, und Misstrauen eröffnet Möglichkeiten für neue Anbieter. Die erwähnte Regionalisierung bei Datenspeicherung, der Einstieg von Unternehmen wie der Swisscom ins Cloud-Geschäft könnte ein Anfang ­dieser Entwicklung sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2014, 23:36 Uhr

«Tages-Anzeiger»-Forum

Big Data ist zur Schlüsseltechnologie geworden und zwingt Unternehmen von KMU bis zu Grosskonzernen, Prozesse und Strategien zu überdenken. Mit einer Vielzahl an Geschäfts­szenarien und Diskussionsrunden widmet sich das «Tages-Anzeiger»-Forum «Algorithmus 2014 – Big-Data-Strategien für das Unternehmen von morgen» am 5. November den Fragen, wie Unternehmen aus Big Data nachhaltig Wert schöpfen können und welche juristischen Aspekte sie bei der Datennutzung zu beachten haben. Wir verlosen fünf Gastkarten für das hochkarätig zusammengesetzte Forum in Zürich. Am Wettbewerb beteiligen können sich Interessierte auf unserer Website. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. (TA)

Der 65-jährige Jurist ist seit September 2001 Eidgenössischer Datenschutz­beauftragter.

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