Denn sie wissen, was sie tun sollten

Die Meldungen über Korruptionsfälle häufen sich. Vor allem Pharmafirmen und Banken reagieren nun – doch es fehlt an Compliance-Spezialisten.

Compliance kann angesichts von US-Regulierungsbehörden Geld sparen: Geschäftsleute in Manhattan. Foto: Keystone

Compliance kann angesichts von US-Regulierungsbehörden Geld sparen: Geschäftsleute in Manhattan. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fifa-Funktionäre sollen es getan haben, Verantwortliche des Pharmakonzerns Novartis und des Industriekonzerns ABB ebenso. Amerikanische Fluggesellschaften stehen im Verdacht. Gegen Angestellte des deutschen Baukonzerns Bilfinger wird auch ermittelt. Schweizer Gross- und Privatbanken sowie etliche andere Konzerne mussten deswegen schon hohe Bussen bezahlen: Die Rede ist von Schmiergeldzahlungen, Absprachen, Korruption, schwarzen Kassen und anderen illegalen Geschäftsprak­tiken. Im Fachjargon heisst es nicht ­konformes Verhalten oder, wie es die Experten auf Englisch zu sagen pflegen, Non-Compliance. Das Substantiv ist ein Modewort geworden. Compliance hat heute in vielen Unternehmen ­Hoch­konjunktur.

Für Vollansicht der Grafik hier klicken.

Gefördert wird dies vor allem durch professionell organisierte, international aktive und äusserst effiziente Behörden. Hierzulande hat das berühmte Alstom-Urteil vor vier Jahren Unternehmens­verantwortliche aufhorchen lassen. ­Damals bestrafte die Schweizer Bundesanwaltschaft den französischen Energiekonzern wegen Bestechungen in Osteuropa und Asien mit einer Millionenbusse und einer damit verbundenen Gewinnabführung. Alstom habe nicht alle erforderlichen und zumutbaren organisatorischen Vorkehrungen getroffen, um Bestechungszahlungen an fremde Amts­träger zu verhindern, begründete sie.

Wer in den Fokus der Amerikaner gerät, muss sich auf alles gefasst machen.

Vorreiter im Kampf gegen Non-Compliance sind aber die USA. Sie verfolgen sehr gezielt und ohne Mühen zu scheuen globale Unternehmen. Wer in den Fokus der Amerikaner gerät, muss sich auf scharfe Behörden und hohe Bussen gefasst machen. Zu spüren bekommen das nicht nur die ­sieben Fifa-Funktionäre, die in der Schweiz in Auslieferungshaft sitzen, und der Pharmakonzern Novartis, der mit ­einer 3-Milliarden-Dollar-Busse wegen Kickbackzahlungen konfrontiert ist. Auch Logistiker Panalpina, Credit Suisse und UBS sammelten entsprechende Er­fah­rungen. Sie haben sich mit den Be­hör­den in den USA auf Millionen- beziehungsweise Milliardenzahlungen geeinigt.

Ein Tummelfeld für Juristen

Zu Hause haben die Betroffenen unterdessen aufgerüstet: Compliance-Abteilungen wurden ausgebaut, Anwälte engagiert, Chief Compliance Officers angestellt, Whistleblower-Hotlines eingerichtet und Ethik- und Compliance-Botschafter unter den Mitarbeitenden ernannt. Bei der UBS sind es 1200. Weitere 350 Compliance- und Risiko-Spezialisten sollen noch dazukommen. Es existiert eine wahre Compliance-Industrie. Beratungs­unternehmen und Uni-Professoren bieten ihre Konzepte und Rezepte an, um gesetzeskonformes Verhalten in den Unternehmen durchzusetzen.

Bloss, der Wall gegen das nicht konforme Verhalten bleibt oft ohne Wirkung: Immer wieder tauchen neue Fälle auf. Der deutsche Bauriese Bilfinger beispielsweise befindet sich derzeit in einem Korruptionsdschungel in Brasilien. Vertreter der Firma sollen im Zusammenhang mit der Fussballweltmeisterschaft im letzten Jahr Schmiergelder bezahlt und Kickbacks kassiert haben.

Wer genauer hinschaue, entdecke mehr Fälle

Dabei hatten die Deutschen nach früheren Korruptionsvorwürfen in den USA den Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth als Ethikberater geholt: Angestellte seines Basel Institute on Governance hatten ein Compliance-Programm aufgesetzt, und dem US-Justizdepartement wurde 2013 versprochen, dass das Programm so effektiv sei, dass keine Korruptionsfälle mehr passieren können.

Dass solche Programme dennoch wenig nützen, hat gemäss einigen Experten mit der erhöhten Transparenz zu tun: Wer genauer hinschaue, entdecke mehr Fälle, sagen sie. Für andere liegt es am systematisch falschen Fokus der Compliance-Programme. «Die Unternehmen weisen wiederholt Fälle auf, weil das Thema Compliance nicht richtig ge­managt wird», sagt Dan Ostergaard, ­Managing Partner der Beratungsfirma Integrity by Design in Basel und früher Compliance-Chef bei Novartis. 99 Prozent der Ressourcen im Bereich Compliance würden für Programminhalte eingesetzt, die letztendlich aber wenig Einfluss auf das Verhalten der Mitar­beiter hätten. So erstellen Compliance-Angestellte in Unternehmen ausführliche Verhaltenskodizes und -richtlinien, sie organisieren Onlineschulungen für die Mitarbeiter und kontrollieren das Verhalten oder führen Untersuchungen in Verdachtsfällen durch. «All diese technischen Aspekte gehören zwar zu einem Compliance-Programm, sind aber viel zu kompliziert ausgestaltet und packen das Übel deshalb nicht an der Wurzel», sagt Ostergaard.

«Dass die Existenz einer Compliance-Organisation zu einem ethischen Verhalten führt, ist nicht realistisch.»Dan Ostergaard

Um Fehlverhalten möglichst syste­matisch zu verhindern, brauche es andere Programmelemente. Zum Beispiel die ethische Führung von allen Führungspersonen über alle Hierarchie­ebenen des Unternehmens hinweg: «Was die Chefs sagen und tun sowie die Unternehmenskultur, die sie erschaffen, beeinflussen das Verhalten der Mitarbeiter.» Deshalb sei es nötig, das Thema Compliance beim Unternehmenschef ­direkt anzusiedeln und nicht wie bei ­vielen Unternehmen in der Rechts-, ­Finanz- oder Personalabteilung.

«Die Vorstellung, dass die schlichte Existenz einer Compliance-Organisation zu einem ethisch einwandfreien Ver­halten der Mitarbeiter führt, ist nicht realistisch», weiss Ostergaard aus Er­fahrung. Und wenn es zu einem Vorfall komme, müsse der Chef dafür die Verantwortung übernehmen.

Auch Christian Hauser, Professor für Unternehmertum an der Hochschule Chur, spricht von einer regelbasierten und einer wertebasierten Compliance. Als Paradebeispiel für den wertebasierten Ansatz gilt der Fall Siemens. Nachdem bekannt wurde, dass der Industriekonzern sich eines Systems mit schwarzen Kassen und Konten bediente, wurde fast die ganze Geschäftsleitung aus­gewechselt. Die US-Behörden haben ­diesen Leadership-Ansatz bei Fällen von Non-Compliance stark im Fokus. «Das ignoriert man hierzulande aber», sagt ein Compliance-Experte, der anonym bleiben möchte. Er ist überzeugt: «Wenn der frühere Credit-Suisse-Chef Brady Dougan schon vor den Vergleichsverhandlungen mit den USA im Zusammenhang mit dem Steuerbetrug von seinem Posten zurückgetreten wäre, wäre die Busse von aktuell 2,6 Milliarden Dollar viel tiefer ausgefallen.» Denn damit hätte die Unternehmensleitung die Verantwortung wahrgenommen und der Erwartungshaltung der US-Behörden Rechnung getragen.

Ethisches Verhalten fördern

Als weiteres wichtiges Element eines funktionierenden Compliance-Programms nennt Ostergaard das Anreiz- und Bonussystem. Die meisten Mitarbeiter seien moralisch motiviert. «Entscheidend ist deshalb: Was wird von einem Unternehmen belohnt?», sagt er. Ein ­Unternehmen sollte die Ethik mit gleich langen Spiessen ausstatten wie die reine ökonomische Zielerreichung. Damit werde ein positiver Anreiz gesetzt, den Unternehmensstandards zu folgen, und nicht nur ein negativer Anreiz für den Fall, dass unethisches Verhalten auf­gedeckt wird. Ostergaard fordert deshalb: «Belohnt werden muss nicht nur, was ein Mitarbeiter erreicht, sondern im gleichen Mass, ob er das in Überein­stimmung mit den ethischen Regeln des Unternehmens tut.»

Auch Investoren sind am ethischen Verhalten von Unternehmen zu wenig interessiert.

Beispielsweise kann ein Unternehmen festlegen, dass ein bestimmtes Umsatzziel erreicht werden muss, der Bonus aber auch daran gebunden ist, ob Mitarbeiter den Umgang mit korrupten Geschäftspartnern beendet haben.

Heute werde ethisches Verhalten leider noch zu wenig honoriert, und die Compliance-Programme befassten sich nur sehr unsystematisch mit Themen wie Lohn- und Bonussystemen, sagt ­Ostergaard. In der Subprime-Krise in den USA seien Mitarbeiter der Hypothekenfinanzierer nach Anzahl Krediten bezahlt worden, die sie vergeben haben – ob es ethisch vertretbar war, die Kredite zu vergeben, danach habe niemand gefragt. Es war der falsche Anreiz, wie sich herausstellte.

Umdenken ist nötig

Gemäss Experte Ostergaard gibt es in Unternehmen noch heute vielfach nicht das notwendige Wissen und die Instrumente, um das Thema anzugehen. «Ethik und Compliance ist in Managementausbildungen oft kein Thema, und wenn, dann wird es vielfach nicht als ein Managementthema, sondern als ein «Soft Facts»-Thema behandelt», sagt er. Dabei seien ethische Konfliktsituationen alles andere als «soft»: Sie sind genau das Gegenteil.

Auch Investoren sind am ethischen Verhalten von Unternehmen zu wenig interessiert. Als Panalpina infolge des Korruptionsskandals in Nigeria vor acht Jahren ankündigte, sich aus dem stark korruptionsgefährdeten Land zurückzuziehen, sackte der Aktienkurs ab.

Ein Umdenken ist also auf breiter Front nötig. «Denn nicht nur die Bonussysteme müssen verändert werden, ­sondern ethische Werte sind auch in die An­stellung und Karriereplanung zu integrieren», sagt Ostergaard. Sprich: Wer sich nicht nach den Regeln der Compliance verhält, soll nicht befördert werden. Bis Unternehmen so weit sind, ist es aber noch ein langer Weg.

Kein Wunder also, konnte noch kaum ein Unternehmen Korruption ­ausmerzen. Denn wie der Compliance-Experte, der anonym bleiben möchte, sagt: «Die kulturellen Aspekte lassen sich durch Globalisierung nicht eliminieren, genauso wenig wie die Gier nach Umsatz und Gewinn.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2015, 23:01 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...