Der Angriff der Kreditkartenfirmen

Anbieter von Kreditkarten spielen bislang im harten Kampf der digitalen Brieftaschen um Marktanteile keine Rolle; das soll sich ändern.

Zahlen mit dem Smartphone: Bei der Migros ist das bereits möglich. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Zahlen mit dem Smartphone: Bei der Migros ist das bereits möglich. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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Gleich mehrere digitale Brieftaschen, sogenannte Wallets, wurden in den letzten Monaten lanciert. Ob Tapit von Swisscom, Twint von Postfinance oder die neue App der Migros. Sie machen aus dem Smartphone ein Portemonnaie und wollen den Schweizer Konsumenten das Einkaufen erleichtern. Doch bislang sorgen sie vor allem für Verwirrung, denn richtig durchgesetzt hat sich noch keines der Systeme.

Nun dürfte das Chaos noch grösser werden. Vor wenigen Tagen wurde das Unternehmen Swiss One Wallet gegründet. Die Firma will laut Eintrag im Handelsregister neuartige Zahlungsdienstleistungen entwickeln. Dabei geht es um eine Plattform für digitale Zahlungen in Onlineshops und mobile Bezahlverfahren auf Smartphones.

Die Gründungspartner Aduno, Swisscard und Netcetera sind prominent. Der Finanzdienstleister Aduno zählt mit der Tochter Viseca zu den wichtigsten Kreditkartenanbietern der Schweiz. Das gilt auch für Swisscard: Das Joint Venture von Credit Suisse und American Express ist ebenfalls ein grosser Anbieter von Kreditkarten. Hinzu kommt mit dem Zürcher IT-Unternehmen Netcetera ein Experte für komplexe Informatikfragen. Swiss One Wallet, das gemeinsame Unternehmen der drei Firmen, dürfte die Wallet der Schweizer Kreditkartenindustrie werden. Für die Kartenbranche wäre das wichtig, denn bei den anderen Wallets blieb sie aussen vor.

Keiner der drei Partner äussert sich zu den Plänen der neuen Firma. Nur so viel: In wenigen Tagen werde eine Medieneinladung verschickt und Anfang November die neue Dienstleistung angekündigt.

Händler scheuen Gebühren

Der Angriff von Aduno, Swisscard und Netcetera ist ernst zu nehmen. Doch der Markt für digitale Brieftaschen ist mit Twint oder Paymit von Six bereits hart umkämpft. «Ich bin skeptisch, ob eine weitere Schweizer Wallet-Lösung auf dem Markt eine Chance hat», sagt Andreas Dietrich, Professor am Institut für Finanzdienstleistungen in Zug (IFZ). Ein Kunde wolle zum Bezahlen nur eine oder zwei Möglichkeiten auf dem Smartphone installiert haben. Jede weitere werde kaum genutzt. Zudem könnten ­internationale Anbieter wie Google oder Apple ebenfalls einen Teil des Markts erobern. Sie haben ihre Angebote in der Schweiz bislang nicht ausgerollt.

Wer bei diesem Wettkampf die beste Ausgangslage will, braucht starke Partner. Derzeit werden zahlreiche Bündnisse eingegangen. So konnte kürzlich Postfinance Detailhändler Coop als wichtigen Partner gewinnen. Auf der anderen Seite bieten der Finanzdienstleister Six, die Grossbank UBS und die ZKB die ­Bezahl-App Paymit gemeinsam an. Vor kurzem wechselte noch Swisscom ins Paymit-Lager – nachdem der Tele­comanbieter seine eigene Bezahl-App Tapit aufgegeben hatte. Swisscom stand jedoch schon vor seinem Alleingang mit Tapit in Gesprächen mit einem potenziellen Partner. Dabei handelt es sich um die Swiss-Alps-Initiative, eine Interessengruppe der Schweizer Kartenindustrie, die eine nationale digitale Brieftasche auf den Markt bringen will. Nachdem aus der Partnerschaft mit Swisscom nichts geworden war, kursierte in der Branche das Gerücht, Swiss Alps würde eine eigene Firma lancieren.

«Ich bin skeptisch, ob eine weitere Schweizer Wallet-Lösung auf dem Markt eine Chance hat»Andreas Dietrich

Swiss One Wallet könnte dieses Unternehmen sein. Die Kreditkartenanbieter Aduno und Swisscard dürften an einem neuen Angebot stark interessiert sein, denn nach dem Verschwinden von Tapit sind nur noch Systeme auf dem Markt, die ohne Kreditkarte auskommen. Twint von Postfinance verzichtet etwa ganz bewusst auf eine solche Karte. «Aduno hat ein grosses Interesse, dass man weiterhin Karten benutzt», sagt ein Markt­kenner. Dass die neue Lösung von Swiss One Wallet daher auf einer Kreditkarte oder einer EC-Karte basieren dürfte, liegt auf der Hand. Das hat durchaus Vorteile. Diese Wallet würde sofort im Ausland funktionieren, und die Bezahlabläufe sind bei Konsumenten und Händlern bekannt. Doch für die Händler hätte ein kreditkartenbasiertes System den Nachteil, dass sie bei jeder Kundenzahlung den Kreditkartenfirmen eine Gebühr abliefern müssen. Sie sind daher an für sie günstigen Zahlungsmitteln interessiert. Deshalb unterstützen Coop und Migros kreditkartenfreie Wallets.

Kunden wollen eine Rechnung

Während es bereits zahlreiche Smartphone-Zahlungsmittel gibt, ist das Angebot bei den Zahlungsmitteln für Internetshops dünner. Im Onlinehandel gebe es noch Potenzial für eine neue Zahlungslösung, so Dietrich vom IFZ. Dort sind viele der neuen Wallets bislang nicht vertreten. Twint lässt sich erst teilweise im Internet als Bezahllösung einsetzen, das gilt gleichfalls für ein Angebot der Migros-Bank, und auch bei Paymit ist es noch nicht so weit.

Doch hier gibt es ebenfalls eine Einschränkung. Für Thomas Lang von der Beratungsfirma Carpathia existiert derzeit im Internet nur ein relevantes Zahlungsmittel: «90 Prozent der Waren werden bei Schweizer Onlineshops per Rechnung bestellt. Alle anderen Zahlungsvarianten kommen insgesamt gerade auf einen Anteil von 10 Prozent.» Beim Buchen von Flügen oder beim Kauf von Software spiele die Kreditkarte hingegen eine wichtige Rolle. Damit sind die Onlineshops bedient, neue Bezahlsysteme bräuchten sie nur, wenn viele Kunden danach fragen würden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2015, 19:41 Uhr

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