Der Anti-Vincenz aus Basel

Guy Lachappelle kennt sich mit Skandalen aus: So tickt der Bankenchef, der bei der Raiffeisen für Ruhe sorgen soll.

Der designierte Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, Guy Lachappelle, wird als zurückhaltender und umsichtiger Arbeiter beschrieben.

Der designierte Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, Guy Lachappelle, wird als zurückhaltender und umsichtiger Arbeiter beschrieben. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz ist ein Lebemann, der auf Spesen mit Freunden durch die Kneipen zog. Als Raiffeisen-Chef kaufte er für viel Geld und ohne grossen Erfolg neue Geschäftsfelder zusammen, wie die Privatbank Notenstein.

Ganz anders Guy Lachap­pelle: Der derzeitige Chef der Basler Kantonalbank (BKB) soll neuer Verwaltungsratspräsident der Raiffeisen werden und nach der Ära Vincenz aufräumen. Lachappelle wird als zurückhaltender und umsichtiger Arbeiter beschrieben. Seit Ende 2012 leitet er die BKB und fährt eine betont vorsichtige Strategie. Zielstrebig dagegen trieb er die Aufräumarbeiten bei der ebenfalls skandalerschütterten Kantonalbank voran.

Nach allem, was ich von ihm gehört und gelesen habe, könnte er eine gute Wahl sein.»Thomas Lehner, Präsident des Aargauer Raiffeisenverbandes

Heute soll der 57-Jährige vom Verwaltungsrat der Raiffeisen offiziell zum Kandidaten für das Präsidium gekürt werden. Einen entsprechenden Bericht der ­«Basellandschaftlichen Zeitung» bestätigten Raiffeisen-Quellen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im November ­sollen die Delegierten von Raiffeisen Lachappelle an die Bankspitze wählen.

Die Wahl des Juristen und Betriebswirts ist eine Überraschung. Erste Reaktionen fallen vorsichtig positiv aus. «Nach allem, was ich von ihm gehört und gelesen habe, könnte er eine gute Wahl sein», sagt Thomas Lehner, Präsident des Aargauer Raiffeisenverbandes, «aber ich kenne ihn persönlich nicht.» Lehner selbst hätte sich zwar jemanden als neuen Präsidenten gewünscht, der stärker im Genossenschaftswesen verankert ist. Aber für einen echten Neuanfang sei wohl die Berufung eines Externen ein nötiger Schritt.

Erfahren im Aufräumen

Lachappelle verdankt auch seine Berufung an die Spitze der Basler Kantonalbank im Jahr 2012 einer Krise. Die alte Führungstruppe hatte das Staatsinstitut auf Wachstum gedrillt und einen Private-Banking-Ableger in Zürich aufgebaut.

Dieser arbeitete mit dem betrügerischen Vermögensverwalter ASE zusammen, der Verluste im Devisengeschäft mit fiktiven Gewinnen zu kaschieren suchte. Rund 170 Millionen Franken Kundengelder von 2500 Geschädigten verschwanden.

Der Skandal spülte den studierten Juristen und Inhaber eines MBA der HSG in St. Gallen an die Spitze der Bank.

Bank Coop immer stärker an die BKB gebunden

Lachappelle erwarb sich als Chef der BKB den Ruf eines ­seriösen Aufräumers, der eine ganze Reihe von Problemen zu bewältigen hatte. Neben der schlagzeilenträchtigen ASE-Affäre war das auch ein Steuerstreit mit Deutschland im Jahr 2015. Erst vor wenigen Tagen wurde der seit Jahren hängige Konflikt mit den USA gelöst. Die BKB zahlte 60,4 Millionen Dollar – 100 Millionen hatte die Bank unter Lachappelles Führung im Jahr 2013 an Rückstellungen gebildet. Auch viele der US-Schwarzgeld-Kunden waren über die Zürcher Filiale der BKB zur Staatsbank gekommen. Lachapelle machte die Skandal-Niederlassung an der Zürcher Stockerstrasse dicht.

Die risikoaverse Strategie hinterliess indes Spuren in den Zahlen. Machte die BKB im Jahr 2012 einen Jahresgewinn von 256 Millionen Franken, waren es im vergangenen Jahr nur noch 160 Millionen. Doch das Geld wurde skandalfrei verdient. Und genau das ist es, wonach sich die Raiffeisen-Gruppe sehnt: Gewinne ohne Reputationsrisiken.

Lachappelle hat indes auch Erfahrungen mit Zukäufen. Zielsicher hat er die frühere Bank Coop immer stärker an die BKB gebunden. Im Juni hatte er angekündigt, die heutige Bank Cler ganz übernehmen zu wollen. Schon in den vergangenen Jahren näherten sich die beiden Banken immer weiter an und bauten dabei auch Stellen ab.

Lachappelle wollte gar nicht Banker werden

Cler dient dem BKB-Chef dabei auch als Labor, zum Beispiel um die neue Bank-App ZAK zu testen. Die Smartphone-Software soll später auch die BKB im Kundenverkehr einsetzen.

Zudem ist die Staatsbank dank Cler schweizweit aktiv, die Tochter trägt so zur Erlösdiversifizierung bei. Ein Thema, das auch Raiffeisen auf dem Zettel hat, um die Abhängigkeit vom Hypothekengeschäft zu senken.

Der hochgewachsene Bankchef erweckt den Eindruck eines Mannes, der gern die Kontrolle behält. Bei Anlässen trifft man ihn plaudernd, lächelnd, doch nie ganz ausgelassen. Auch im persönlichen Gespräch wirkt er stets kontrolliert – fast war es ihm in den vergangenen Jahren etwas unangenehm, dass er stets aufs Neue versprochen hatte, das US-Steuerdossier noch vor dem nächsten Geschäftsabschluss schliessen zu wollen, um dann bei der folgenden Jahresmedienkonferenz das Versprechen nicht eingelöst zu haben.

Keine Schonzeit vorgesehen

Dabei wollte Lachappelle zunächst gar nicht Banker werden. Wie er der «BZ Basel» einmal verriet, wollte er eigentlich die Hotelfachschule in Lausanne besuchen. Schliesslich waren seine Eltern selbst Wirte in Basel, im Alten Warteck. «Ich könnte mir auch vorstellen, eine Beiz wie das Alte Warteck zu führen», erzählte er.

Läuft alles wie geplant, führt er ab November die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz. Eine Schonzeit wird er dort nicht bekommen. Sein erste Aufgabe dort: einen fähigen CEO für Raiffeisen zu finden.


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(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 06:47 Uhr

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