Der Bankchef, die Juristin und ihr Bruder

In der Genossenschaftsbank Raiffeisen gibt es keine klare Trennung von Geschäftstätigkeiten und Familienbanden. Bankenexperten halten dies für «problematisch».

Nadja Ceregato mit Ehemann und Chef Pierin Vincenz am Zürcher Medienball 2010. Foto: Sabine Wunderlin (RDB)

Nadja Ceregato mit Ehemann und Chef Pierin Vincenz am Zürcher Medienball 2010. Foto: Sabine Wunderlin (RDB)

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Bei der Raiffeisengruppe sind die Wege kurz. Chef Pierin Vincenz und Chefjuristin Nadja Ceregato teilen Tisch und Bett. Letztere vergibt auch einmal ein Mandat an die Anwaltskanzlei, in der ihr Bruder Partner ist. Etwa in der Winterthurer Baumhausaffäre. Diese kostet die Raiffeisengruppe nicht nur eine Stange Geld. Sie hinterlässt auch ein besudeltes Image. Die Verantwortung dafür hat bis heute niemand übernommen.

Zur Erinnerung: In der Interessengemeinschaft Baumhaus hatten sich an die vierzig geprellte Bauherren organisiert. Das, nachdem sie feststellen mussten, dass Zahlungen – statt sie für die Begleichung von Baurechnungen zu verwenden – auf private Konten des Generalunternehmers Norbert Moos geflossen waren. Schaltstelle war die Winterthurer Filiale von Raiffeisen.

Die Genossenschaftsbank stellte sich in der Sache zunächst taub. Erst als der mediale Druck zunahm, gestand sie eine Mitverantwortung ein. Bis heute sind viele, aber nicht alle der Betroffenen wenigstens teilweise entschädigt worden (TA vom 12. September). Raiffeisen beziffert den bis heute aufgelaufenen Schaden auf rund 5 Millionen Franken.

Der verantwortliche Kreditbearbeiter wurde vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Der Leiter der Filiale Winterthur ging in Frühpension – sein lange gehegter Wunsch, heisst es in der Raiffeisenzentrale in St. Gallen. Bei einem lange gehegten Wunsch – sollte man meinen – hätte man genug Zeit, die Nachfolgelösung zeitgerecht vorzubereiten. Bis heute ist die Leitung der Filiale Winterthur aber nur interimistisch besetzt.

Schuld, keine Schuldigen

Auch der per 1. Oktober vollzogene Umbau der Geschäftsleitung habe mit dem Baumhausdebakel nichts zu tun. Dass Gabriele Burn statt des Departementes Niederlassungen ein neu konzipiertes Departement Marketing & Kommunikation übernommen hat, sei schon seit längerer Zeit angedacht worden. Auch Burn – in der Geschäftsleitung der Gruppe für Winterthur zuständig – trifft also keine Verantwortung.

Wen dann? «Für mich steht ausser Frage, dass es Frau Nadja Ceregato war, welche den Fall Baumhaus verbockt hat», sagt Stephan Frischknecht, Jurist in Herisau und Berater einer zu Schaden gekommenen Partei. Ceregato hat in ihrer Funktion als Chefjuristin eine Mitverantwortung von Raiffeisen so lange verneint, bis die Bankengruppe unter dem Druck der Öffentlichkeit im Frühjahr einen Schwenker vollzog. Und es ist davon auszugehen, dass ihre Politik durch Bankchef und Ehepartner Pierin Vincenz abgesichert war.

Dass in einem Betrieb zwei führende Positionen durch Partner besetzt werden, löst bei Experten Stirnrunzeln aus. Die Juristin Monika Roth etwa bezeichnet den Fall Raiffeisen als «problematisch». Roth ist Professorin am Institut für Finanzdienstleistungen in Zug, einem Ableger der Hochschule Luzern. Sie ist unter anderem Spezialistin für Fragen der regelkonformen Unternehmensführung. In der Konstellation Vincenz/Ceregato sieht sie ein «Problem der Trennung von Macht und Funktion einerseits und privater Verbindung andererseits». «Generell sollten Familienangehörige oder in Partnerschaft lebende Personen – ausser in Familienunternehmen – einander nicht unterstellt sein, vor allem nicht in höheren Chargen.»

Es stelle sich auch die Frage nach der Unabhängigkeit von Frau Ceregato – beispielsweise bei Vorfällen, die Mitarbeitende der Bank betreffen. Nach Roth dürfte es für die Rechtschefin schwierig sein, solche Fälle losgelöst von der Meinung des Bankchefs und Ehemanns zu beurteilen.

Die Familienbande reichen aber weiter. Im Fall Baumhaus holte Raiffeisen Verstärkung bei der Zürcher Rechtskanzlei Bratschi, Wiederkehr & Buob. Partner dieser Kanzlei mit Ablegern in Basel, Bern, St. Gallen und Zug ist Mirco Ceregato, Bruder der Raiffeisen-Juristin. Mirco Ceregato war selbst in den Fall Baumhaus involviert. E-Mails, welche die Kanzlei in der Sache verschickt hat, gingen in Kopie auch an ihn.

Keine Aufträge an Verwandte

Monika Roth sagt dazu: «Man vergibt keine Aufträge an ein Büro, in dem ein Verwandter tätig ist. Der Schwabe würde sagen: ‹Es hett es Gschmäckle›.» Der Bruder – so Roth weiter – sei gewiss für die Kanzlei ein interessantes Akquisitionsinstrument. Für Frau Ceregato sei das aber «ein No-Go» – ein Tabu. Zur Gesamtkonstellation sagt die Juristin: «Es fehlt an der nötigen Zurückhaltung.»

Gregor Greber, Chef des unabhängigen Vermögensverwalters zCapital, möchte sich zum Fall der Genossenschaftsbank nicht äussern, da zCapital auf die Analyse von börsenkotierten Firmen spezialisiert ist. Grundsätzlich hält er aber fest: «Bei börsenkotierten Firmen sind Interessenkonflikte oder Mandate offenzulegen. Der Aktionär kann dann entscheiden, ob er das goutieren will oder nicht.»

Offenlegen und bereinigen – das gilt nach Greber für private Gesellschaften, wenn diese an die Börse wollen. Allerdings sehe man auch bei kotierten Unternehmen oft nicht, dass diese mit «Beratern mit familiärem Hintergrund verbandelt» seien. So könne es vorkommen, dass der Enkel des Grossaktionärs Mitglied des Verwaltungsrats sei – und niemand wisse davon.

Als Beispiel, bei dem die Trennung zwischen Familienmitgliedern nicht erfolgt ist, nennt Greber den Uhrenkonzern Swatch. Nayla Hayek ist Präsidentin, Bruder Nick Konzernchef. Das sei aber sauber offengelegt, sagt Greber. Die Firma arbeite hervorragend. Zudem sei die Familie ein langfristiger und stabiler Aktionär. «Wenn das jemandem nicht gefällt, kann er die Aktie meiden.» Entscheidend sei die faire Transparenz.

Raiffeisen verteidigt Mandat

Raiffeisen-Sprecherin Dagmar Laub bestätigt, dass im Fall Baumhaus ein Mandat an Bratschi, Wiederkehr & Buob vergeben worden ist. Man arbeite seit 15 Jahren mit der Zürcher Kanzlei zusammen, die «ausserdem auch eine starke Verwurzelung in St. Gallen hat». Letzteres sagt Laub an die Adresse jener St. Galler Anwaltskreise, die es ungern sehen, dass die St. Galler Bankengruppe Aufträge nach auswärts vergibt.

Zur Verbindung Ceregato-Ceregato sagt die Sprecherin: «In der Regel wird ein Mandat an eine Kanzlei vergeben und nicht an eine bestimmte Person. Deshalb bestimmt die Kanzlei das Team von Experten, die die Fälle bearbeiten, nicht der Kunde. Herr Ceregato ist aufgrund seiner Expertise Teil des Bankingteams der Kanzlei.»

Erstellt: 17.10.2011, 06:39 Uhr

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