Nachruf

Der Chef, der kein eigenes Büro hatte

Er verordnete allen Mitarbeitern das «Du» und verzichtete auf ein eigenes Büro: Carsten Schloter lehrte als unkonventioneller Chef der Swisscom die Konkurrenz das Fürchten.

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Es ist eine Nachricht, die fassungslos macht: Swisscom-Chef Carsten Schloter ist an seinem Wohnort im Kanton Freiburg tot aufgefunden worden. Wie der grösste Schweizer Telekomanbieter mitteilte, gehe die Polizei von einem Suizid aus. Schloter hinterlässt drei kleine Kinder und eine Ehefrau, von der er getrennt lebte.

Über die Gründe für Schloters Entscheid kann nur spekuliert werden. Jedenfalls erscheinen Aussagen, die er im Mai gegenüber der «Schweiz am Sonntag» gemacht hatte, jetzt in einem anderen Licht. Im Interview gab er sich als Getriebener zu erkennen. Über die Gefahr der ständigen Erreichbarkeit sagte Schloter: «Ich stelle bei mir fest, dass ich immer grössere Schwierigkeiten habe, zur Ruhe zu kommen, das Tempo herunterzunehmen.»

Ein Ausgleich waren für Schloter das Mountainbike und Bergtouren. Über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sagte Schloter: «Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen. Das schnürt Ihnen die Kehle zu. Unter einem solchen Eindruck – dass es weniger Verpflichtungen sein könnten – stehe ich immer noch.»

Schloter stiess vor 13 Jahren zur Swisscom. Er machte sich bald als erfolgreicher Leiter der wachsenden Mobilfunksparte einen Namen. Schloter fiel als starkes Mitglied der Geschäftsleitung auf, das dem damaligen Swisscom-Chef Jens Alder die Stirne bot. Auch technologisch setzte die Mobilfunksparte unter Schloter Akzente. Für die PC-Steckkarte «Mobile Unlimited», die drahtloses Surfen via Mobilfunknetz im Zug erlaubt, erhielt Schloter 2005 die höchste Auszeichnung der internationalen Telekombranche.

Schloters Erfolge sind dem Verwaltungsrat der Swisscom nicht entgangen. Das Aufsichtsgremium ernannte 2006 ausgerechnet den Deutschen, der fliessend Französisch sprach, zum Chef des grössten Telekomanbieters der Schweiz. In der neuen Funktion sah sich Schloter mit einer veränderten Ausgangslage für die Swisscom konfrontiert. Der Markt im Inland sättigte sich einerseits. Der Umsatz begann zu stagnieren. Schloter scheute sich nicht, Stellen zu streichen, um die Effizienz des Konzerns zu steigern. Andererseits hatte der Bundesrat als Vertreter der Eidgenossenschaft als Mehrheitsaktionärin von Swisscom grosse Zukäufe im Ausland untersagt.

Fan von Apple

Als bekennender Fan von Apple-Produkten wusste Schloter, dass in einem technologiegetriebenen Umfeld der Mensch und nicht die Technik im Mittelpunkt stehen sollte. Der neue Konzernchef verpasste der Swisscom als erstes eine Servicestrategie. Unter anderem organisierte Schloter die Firma nach Kundenbedürfnissen. Die alte Struktur nach Technologiesparten hielt Schloter für zu komplex für die Kundschaft.

Schloter hatte ein Gespür dafür, was die Kunden von der Swisscom erwarteten: 2006 kam das heutige Swisscom TV auf den Markt. Damit griff der Schweizer Branchenführer die Kabelnetzbetreiber auf ihrem ureigenen Terrain mit einem Digital-TV-Angebot an. Schloter wagte es auch, mit Konventionen der Branche zu brechen. Das im Sommer 2012 lancierte Mobilfunk-Produkt «Natel Infinity» verrechnet nicht mehr das Datenvolumen, sondern die Übertragungsgeschwindigkeit.

Vorsichtiger Strategiewechsel

Im vergangenen Monat folgte mit «iO» der nächste Coup. Diese App von Swisscom erlaubt es Kunden, kostenlos übers Internet zu telefonieren und Nachrichten zu versenden. Beide Produkte sind Ausdruck eines vorsichtigen Strategiewechsels, den Schloter Anfang Jahr bekannt gab. Er glaubte, dass die Nutzer in Zukunft bereit sein würden, für eine ständige, schnelle, sichere und zuverlässige Internetverbindung mehr zu bezahlen als bisher.

Schloter pflegte als Chef eines Konzerns mit 19'500 Mitarbeitern einen unkonventionellen Führungsstil. So verzichtete er auf ein eigenes Büro. Er sei sowieso ständig an Sitzungen und könne dank der Telekommunikation von überall aus arbeiten, sagte er. Allen Angestellten verordnete er vor einem Jahr im Umgang miteinander das «Du». Natürlich galt diese Anrede auch für ihn selbst. Für den einzigen Flecken in Schloters Reinheft sorgte die Übernahme von Fastweb durch die Swisscom. Erst soll der italienische Internet-Dienstleister in angebliche Geldwäsche und Steuerhinterziehung verwickelt gewesen sein. Dann musste die Swisscom auf Fastweb einen Abschreiber von 1,3 Milliarden Franken vornehmen. Inzwischen ist Fastweb wieder auf Kurs.

Schloter wäre im Dezember 50 Jahre alt geworden.

Erstellt: 23.07.2013, 20:42 Uhr

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