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Der Daytrader im WG-Zimmer

HSG-Student Mike Schwitalla kauft in St. Gallen Devisen, um sie 30 Minuten später wieder zu verkaufen. Und das mehrmals am Tag. Das ging für den angefressenen Jungbörsianer aber nicht immer gut.

Handelt von morgens acht bis abends acht: Daytrader Mike Schwitalla. (Bild: zvg)

Handelt von morgens acht bis abends acht: Daytrader Mike Schwitalla. (Bild: zvg)

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Er war 11 Jahre alt und der Kalender zeigte Juli 2001, als Mike Schwitalla mit seinem Onkel unterwegs war. «Es war ein heisser Sommer und mein Onkel erzählte mir, dass die Thurella-Aktien gerade 15 Prozent zugelegt hätten», erinnert sich der Walliser Student. Es war der Moment, als er sich für Aktien zu interessieren begann. «Mein erstes Beteiligungspapier kaufte ich mit 13 Jahren, es war eine Intel-Aktie.»

Schwitalla machte damit aber die erste schlechte Erfahrung als Wertpapierbesitzer. Er kaufte nur ein Stück zu rund 200 Franken, verbuchte sogar einen Kursgewinn von 20 Prozent, stand allerdings nach dem Verkauf dennoch als Verlierer da. Er hatte nicht mit der Kommission gerechnet. Diese Enttäuschung war aber kein Grund, die Hände von der Börse zu lassen. Im Gegenteil.

Hohes Risiko mit grossen Hebeln

Inzwischen ist er 20 und im Forex-Handel tätig. Forex steht für Foreign Exchange Market, also den Währungsmarkt. Der Forex-Handel ist insofern delikat, als die Teilnehmer hier mit grosser Hebelwirkung traden. Mit einem Einsatz von 100 Dollar zum Beispiel, lassen sich gut und gerne 10'000 Dollar bewegen. Das allerdings hat seinen Preis: hohes Risiko.

«Das Geldmanagement ist das Wichtigste», sagt Schwitalla dazu. Was logisch tönt, heisst für den Daytrader, bei kleinsten Verlusten sofort wieder aussteigen. Er arbeitet aufgrund sogenannter Charttechnik. Er legt Dreiecke und Diagonalen über die Kurskurven, Linien, die ein Laie nicht versteht. Für ihn aber zeigt der Computer aufgrund dieser Zeichen innert Sekundenbruchteilen an, wenn sich die Position nicht so entwickelt, wie sie das hätte sollen. Für ihn ein Signal auszusteigen. «Vor ein paar Jahren arbeitete ich noch ohne diese Stopp-Loss-Verkäufe. Da verlor ich einmal innert drei Minuten 1500 Franken.» Für einen, der noch keinen echten Lohn hat, fürwahr ein herber Verlust.

Schlaflose Nächte

Gelernt hat er inzwischen nicht nur das. Gelernt hat er auch, dass in den Kursen zu jedem Moment immer schon jegliche Information eingepreist ist. «Es braucht immer einen Vorsprung um konstante Gewinne zu erzielen. Wenn mir einer allgemeine Indikatoren aufzählt und nach ihnen handelt, weiss ich, dass er nicht profitabel arbeitet.» Die Konsequenz daraus für ihn: Er arbeitet ständig an einer Verbesserung seines Systems und versucht so besser zu sein als die anderen. Sein Weg: Chartanalysen.

Geraubt hat ihm seine Passion den Schlaf einiger Nächte. «Früher, als ich noch mit Aktien handelte, habe ich manchmal kaum geschlafen. Man weiss nicht, wie es am nächsten Tag weitergeht.» Seit er im Forex-Handel tätig ist, ist das anders. Die meisten Positionen hält er nur rund eine Stunde. Und über Nacht schon gar nichts. Gestresst war er auch während der Gymnasialzeit. «Wenn ich 10 Minuten Pause hatte, rannte ich schnell an den Computer.»

Stress bei grosser Volatilität

Jetzt hat er Semesterferien und handelt den ganzen Tag über, von morgens acht Uhr bis abends acht Uhr. In den letzten Tagen, als die Börse wilde Sprünge zu machen begann, wurde es für ihn zunehmend schwieriger. «Es gab keinen eindeutigen Trend mehr. Also musste ich das System wechseln.» System wechseln heisst, die Indikatoren werden anders gelegt. Für den Laien bekommen die Dreiecke, Diagonalen und sonstigen Linien eine andere Richtung.

Bis zu zehn Positionen baut er an einem Tag auf und wieder ab. Seine Spezialität: Setzen auf Marktübertreibungen. Eine Dollarposition kaufen bei 76.13 Rappen, schon wenig später wieder aussteigen bei 75.30 Rappen. Mit der entsprechenden Hebelwirkung läppert sich da schon was zusammen.

Ein guter Nebenverdienst

Konkrete Zahlen will Schwitalla nicht nennen. Nur so viel: «Ich kann nicht davon leben, aber ein guter Nebenverdienst ist es schon.» Die steife Verschwiegenheit professioneller Börsianer geht ihm noch ab. Ihm macht es nichts aus, sich via Facebook übers Geschehen an den Märkten auszutauschen.

Wird der Daytrader beschimpft, weil er wie die grossen Spekulanten Profit daraus zu ziehen versucht, obwohl die Finanzwelt fast untergeht? «Klar nutze ich diese Situation aus, aber mir macht keiner Vorwürfe deswegen.» Eher noch werde er bewundert deswegen.

Am 1. August Pause gemacht

Noch ist Schwitalla nicht Wallstreettrader. Er studiert Volkswirtschaftslehre im dritten Semester an der Hochschule in St. Gallen. Auch wenn er in seiner Passion eine gewisse Suchtgefahr sieht, kann er auch mal die Hände davon lassen – am letzten 1. August zum Beispiel. Sonst aber ist er immer dran. Und nach seinem Traum muss man nicht zweimal fragen: «Professioneller Börsianer.»

Erstellt: 12.08.2011, 14:59 Uhr

Risikohinweise für tausende Daytrader

Die Swissquote-Bank hat als erstes Finanzinstitut in breiter Form günstigere Preise für Börsengeschäfte eingeführt. Inzwischen haben auch die anderen nachgezogen. Die Kundenzahl von Swissquote liegt laut CEO Marco Bürki derzeit bei 179'000. Davon 153'000 sogenannte Tradingkunden, die im Börsen- und Optionenhandel sind. 1000 von ihnen würden mehrmals am Tag handeln, so Bürki. Besonders aktiv sind die 10'000 Kunden, die an der Forex im Währungs- und Rohstoffe-Handel tätig sind. Der Rest sind einfache Kunden mit Sparkonti.

Seit die Kurse an der Börse sich wie wild auf- und abwärts bewegen, ist auch bei Swissquote viel los. «Vor der Krise hatten wir durchschnittlich 10'000 Börsen- und Devisengeschäfte pro Tag. In den letzten Tagen hat sich diese Zahl verdreifacht», erklärt Bürki. Viele seiner Kunden sind äusserst aktiv: «Es gibt Leute die traden vom Feierabend bis Nachts. Das ist im Forexhandel normal.»

Weil im Forexhandel mit grossen Hebelwirkungen gearbeitet wird, gehen die Trader natürlich auch ein Risiko ein, happige Verluste aufzuhäufen. «Das Traden ist risikoreich und darauf weisen wir unsere Kunden auch hin», sagt Bürki dazu. Für den Forexhandel müssten die Kunden zudem ein separates Konto einrichten.

Dass seine Bank mit der aktiveren Handelstätigkeit der Kundschaft auch mehr verdient, nimmt Bürki gerne entgegen. Aber: «Insgesamt sind das jetzt aber schwierige Zeiten. Die Nervosität im Markt ist extrem hoch.»

Der Trading-Club der Uni St. Gallen

Mike Schwitalla ist Mitglied des Trading-Club an der Uni St. Gallen. Zusammen organisieren die Studenten Fachvorträge, Workshops und Wettbewerbe im Traden. Gemeinsam bewirtschaften Sie ein Portfolio – natürlich mit dem Ziel, den Markt zu schlagen.

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