Der Deal des Aargauer Autokönigs hatte einen Haken

Die Leasing-Raten waren unschlagbar, seine Umsätze rasend, die Luxuskarossen poliert. Nun drohen Riccardo S. sieben Jahre Haft.

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Die Ermittlungen dauerten Jahre, und sie waren ziemlich umfangreich. Seit im Mai 2011 die Türen der SAR Premium Cars AG versiegelt wurden, hat der Grosse Rat des Kantons Aargau kurzzeitig acht neue Stellen bewilligt. Das Budget der Staatsanwaltschaft wurde für drei Jahre um 1,7 Millionen Franken aufgestockt.

Externe Gutachter beschäftigten sich mit der Buchhaltung der inzwischen konkursiten Firma. Experten beugten sich über forensischen Schriftanalysen. Die Anklageschrift, die das Bezirksgericht Lenzburg in diesen Tagen behandelt, ist 355 Seiten dick. Der Prozess, der am Montag begann, dauert 13 Tage, das Urteil wird am 23. Januar erwartet. Es ist einer der grössten Wirtschaftsprozesse in der Geschichte des Aargaus.

«Mein Name wurde missbraucht.»Riccardo S.

Der in den Medien als «Autokönig von Dottikon» bekannt gewordene Autohändler ist mit Nasenspray und Halstuch ans Gericht in Lenzburg gereist. Im Städtchen liegt immer noch ein wenig Schnee. Der 47-jährige Schweizer faltet die Hände zwischen Bauchansatz und Chino-Hosen; dann fährt er sich durch seine nach hinten gekämmten schwarzen Haare.

«Hören Sie, ich habe mich auf den heutigen Tag gefreut», erklärt der Autohändler am Montag dem Gericht. Er hustet. «Mein Name wurde missbraucht. Aber ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem ich von einem unabhängigen Gericht beurteilt werde.»

Kein Freundeskreis mehr

Seine Geschäfte erklärt Riccardo S. dem Richter so: «Schauen Sie, ich nehme an, bei Ihnen gibt es Hausregeln. Wenn ich also zu Ihnen komme, bewege ich mich innerhalb dieser Hausregeln. So war es auch bei mir.» Und alle hätten es gewusst, auch die Fidis Finance, die Finanzierungs- und Leasinggesellschaft der Fiat-Gruppe, die mit dem Garagisten zusammenarbeitete und ihn am Schluss angezeigt hat.

Er habe nichts falsch gemacht, sagt Riccardo S. dem Richter. Rasende Umsätze, beste Verkäufe. Schuld sei die Leasingfirma, mit der er zusammengearbeitet habe. Diese sieht das ganz anders. «Märchenerzähler aus Dottikon» nennt ihn der Anwalt der Leasingfirma tags darauf. Die ehemaligen Geschäftspartner schenken sich nichts.

«Gibt es etwas, das in Ihnen ein Schuldbewusstsein auslöst?», fragt der Gerichtspräsident Riccardo S. zu Beginn. «Ich bin relativ gelassen», sagt er. «Verfügen Sie über einen Freundeskreis?», fragt der Gerichtspräsident. «Nicht mehr wirklich.»

Riccardo S. hatte mal viele Freunde. Reiche Freunde. Riccardo S. aus Dottikon war auf Du und Du mit Botschaftern, Fussballprofis und Wirtschaftskadern aus Zürich, Bern und St. Gallen. Darunter prominente Namen wie der ehemalige Botschafter Thomas Borer oder Fussballtrainer Ciriaco Sforza. «Jeder fragte sich, woher ich die alle kenne», erklärt er. «Wir hatten, was die Leute wollten.»

Er machte Männerträume wahr

Riccardo S. machte Träume wahr. Männerträume. Denn er hatte tatsächlich, was die Banker und Millionäre wollten: Maserati Quattroporte GTS, Bentley Arnage, Porsche 911 Turbo, BMW M3 Cabrio – zu konkurrenzlos tiefen Leasingpreisen und kurzen Laufzeiten.

Es gab Tage, an denen Riccardo S. morgens in Genf und abends in Basel war. Das Brummen starker Motoren immer im Ohr. Riccardo S. machte sieben Tage die Woche neue Verträge, fuhr zu den Partys seiner Kunden und wieder zurück nach Hause in seine Villa in Dottikon. Riccardo S. war schweizweit der Mann mit den zahlungskräftigsten Kunden. Die Branche war neidisch.

2011 steuerte die SAR auf einen jährlichen Umsatz von 250 Millionen zu, die Fidis Finance profitierte mit. Immer Vollgas, bis Ende Mai des Rekordjahres 17 Sattelschlepper bei Riccardo S. auftauchten und seine Autos abtransportierten.

10 Millionen Umsatz im Monat

Riccardo S., Sohn eines Maurers und einer Putzfrau, hatte es schon immer mit Autos. Nach der Realschule in Wohlen AG absolvierte er eine Lehre als Automonteur, dann eine Zusatzlehre als Automechaniker. Mit 24 Jahren kaufte er sich mit seiner Frau eine kleine Garage in Dottikon. Er war tüchtig, nach nur fünf Jahren verkaufte er zehnmal mehr Neuwagen als zu Beginn. Riccardo S. verstand sein Geschäft. «Ich war schon immer bereit, Risiken einzugehen», erklärte er 2006 dem Wirtschaftsmagazin «Cash», das in der Ausgabe Tellerwäscher-Karrieren porträtierte.

2008 wurde aus der kleinen Garage Baldelli die SAR Premium Cars AG, und die Dottiker staunten, als auf dem Platz neben der Coop-Tankstelle plötzlich Lamborghinis parkierten. Riccardo S. war Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident, seine Frau übernahm die Buchhaltung. Um diese Zeit herum entwickelte die SAR ihre VIP-Verträge.


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Per Zusatzvertrag erhielten gute Kunden die Möglichkeit, die abgemachten Kilometer zu überschreiten, vorzeitig aus dem Leasingvertrag auszusteigen und sich dann ein neues Luxusauto auszusuchen – zu so tiefen Raten wie bei langfristigen Verträgen. Die Vertrags-Zahlen mit der SAR explodierten. Zu Spitzenzeiten machte der Branchennewcomer einen Umsatz von 10 Millionen Franken pro Monat.

So blieb er liquide

Läuft ein Leasingvertrag aus, muss der Garagist das Auto von der Leasingfirma zurückkaufen, die das Auto für die Dauer des Vertrags besitzt. Die SAR musste dann jeweils grosse Summen aufwerfen.

Um liquide zu bleiben, soll Riccardo S. laut Anklageschrift damit begonnen haben, dieselben Wagen ein zweites Mal zu verleasen und die Raten des ersten Vertrags aus eigener Tasche zu bezahlen, sodass Fidis nichts davon merkte. Andere Wagen soll er unter Fälschung der Chassis-Nummern weiterverkauft haben, obwohl sie zu dem Zeitpunkt noch Fidis gehörten. Damit neue Verträge schneller abgeschlossen werden konnten, soll er Unterschriften von Kunden gefälscht haben. Genauso wie die Bilanzen. Riccardo S. ist der Misswirtschaft, Urkundenfälschung, der Veruntreuung und ungetreuen Geschäftsversorgung angeklagt.

«Er hat sich immer wieder für Lüge, Luxusauto und Villa entschieden.»Der Staatsanwalt über Riccardo S.

«Die enormen Verluste, die der Beschuldigte mit der SAR einfuhr, passten so überhaupt nicht zum Selbstbild des Beschuldigten, also versuchte er sie zu vertuschen», sagt der Staatsanwalt vor Gericht. Seit Jahren beschäftigt er sich nun mit den Zahlen der SAR. «Anstatt Misserfolg anzuerkennen, hat er sich immer wieder für Lüge, Luxusauto und Villa entschieden.»

Der Staatsanwalt fordert sieben Jahre Gefängnis für Riccardo S., ein «Wirtschafts-Discount», wie er es nennt, weil keine Personen physisch zu Schaden kamen. Die Fidis fordert 12,6 Millionen Franken, so gross sei der entstandene Schaden.

«Goldgräberstimmung»

Riccardo S.’ Verteidiger verlangt einen Freispruch. Das Leasingmodell sei eine gemeinsame Idee gewesen. «Bei der Fidis herrschte Goldgräberstimmung», sagt er in seinem Plädoyer. Da die ganze Branche von den Konditionen bei der SAR gewusst habe, sei es lebensfremd zu glauben, dass ausgerechnet die Fidis nichts davon gewusst haben solle.

Als die Leasingfirma merkte, dass Riccardo S. wohl das Geld ausgehen würde, sei sie in Panik ausgebrochen und habe sich von ihm abgewendet. Nach vielen Jahren. «Jedes Risiko wurde auf die SAR abgewälzt», und heute müsse sich nur Riccardo S. vor Gericht verantworten. Es sei aber nur eine These, dass Fidis nichts von den kurzen Laufzeiten gewusst haben soll.

Riccardo S. wohnt heute abwechselnd bei einem Freund in Chiasso und bei seinen Eltern in Dintikon. Er kämpft mit einem Herzleiden. Seine Frau will sich von ihm scheiden lassen. In den letzten acht Jahren fand er keine Bank, die ein Konto für ihn eröffnen wollte. Sein Vermögen ist eingefroren. Riccardo S.’ ehemalige Kunden und Freunde leasen ihre Luxuskarrossen wohl bei anderen Anbietern – und kaum so günstig.

Aufgegeben hat Riccardo S. aber noch nicht. Er verkauft jetzt wieder Autos, Peugeots und Citroëns. Fast wie am Anfang.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.01.2019, 08:36 Uhr

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