Analyse

Der Fall Hummler

Er war ein Intellektueller unter Bankern, ein Zweifler unter Optimisten, ein Abenteurerreiseführer für Anleger und der Robin Hood für Vermögende. Ein Abgesang.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die meisten Topbanker scheitern, als hätte ein Komet sie erschlagen. Sie sehen das Problem nicht kommen. Eben noch war alles unter Kontrolle. Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Derivate, Staatsanleihen, irgendwelche Angestellte kosten plötzlich Milliarden.

Konrad Hummler hingegen scheiterte wie ein Astronom, den der Komet erschlägt, dessen Bahn er ein halbes Leben lang beobachtete. Kein anderer Schweizer Banker dachte je derart lang über das Bankgeheimnis nach. Keiner schrieb so viele Essays darüber. Keiner verteidigte es so heissblütig. Und am Ende vernichtete es seine Bank.

Die Kapitulation

Der Rest des Finanzplatzes benutzte das Bankgeheimnis wie einen Trick: um Schwarzgeld anzuziehen. Hummler hingegen sah die Sache leidenschaftlicher: Steuerhinterziehung als Akt der Freiheit. Und Banking als zwar lukrativen, aber vor allem moralischen Beruf. Die anderen suchten für ihr Business Ruhe, er Rechtfertigung. Hummler war der einzige Intellektuelle seiner Branche: Das war sein Stolz, sein Kapital, sein ­Verderben.

Erstaunlicherweise endete das letzte Kapitel der Bank Wegelin sehr still. Dabei war so etwas wie eine Freiheitsschlacht angekündigt. Die Hummler-nahe «Weltwoche» beschrieb im Sommer die tote Bank als «Kraftort des Widerstands, einen Bunker, ein Reduit». Und zeichnete den Ex-Oberst Hummler als «General» «im Kampf um Recht und Ehre» – «gegen die grösste Macht der Welt: die USA».

Hummlers Erbe

Stattdessen unterschrieb am 3.  Januar Hummlers Partner Otto Bruderer in New York die Kapitulationsurkunde. Darin stand, die Bank Wegelin anerkenne, «Falsches getan» zu haben. Und dies gewusst zu haben. Und der Satz: «Dieses Verhalten war unter Schweizer Banken üblich.»

Eigentlich fand sich niemand, der Wegelins Kapitulation nicht für vernünftig hielt. Die Busse war mit 74 Millionen Dollar zahlbar. Sie hinterliess die Wegelin-Besitzer als freie und reiche Männer. Nur dass ihr Krieg nicht stattfand. Statt bis zur letzten Instanz zu kämpfen, hatte Wegelin in den USA einen Präzedenzfall ermöglicht. Sie ist die erste Bank ohne offizielles Geschäft in den USA, die sich bei der dortigen Justiz für schuldig erklärte.

Konrad Hummlers Erbe ist somit: ein neuer Meilenstein in der Bekämpfung der Steuerhinterziehung.

Der Vakuum-Finanzplatz

In der Schweiz brach wegen des kurzen Satzes über andere Banken eine wüste Kontroverse los. FDP-Präsident Philipp Müller sprach von «Riesensauerei» und «Anschwärzen», CVP-Präsident Chris­tophe Darbellay nannte Hummler einen «Verräter». Darauf klagte Hummler Darbellay ein. Was niemanden beruhigte.

Ein paar Tage zuvor wurde auch Finanzministerin Widmer-Schlumpf, nach einer Bemerkung, man müsse auch über den automatischen Informationsaustausch nachdenken, mit dem «Verräter»-Wort eingedeckt. FDP-Präsident Müller verlangte, ihr das Dossier zu entziehen.

Denkverbote

Der Tumult zeigte, was Hummler zum sichtbarsten Kopf des Finanzplatzes gemacht hatte: die Denkverbote und das Vakuum. Nirgends gibt es so viele Tabus wie auf dem Bankenplatz. Sie funktionieren wie Minen aus einem vergangenen Krieg. Sie bleiben scharf, auch wenn die Schlacht vorbei ist. Dabei ist der Satz, dass das Verstecken von Schwarzgeld bei den Banken Industriestandard war, nur ein wahrer Satz. Niemand von Verstand bezweifelt ihn.

Die Denk-, zumindest Sprechverbote erklären viele Probleme des Bankenplatzes. Seit zehn Jahren sind seine strategischen Köpfe einig, dass das Bankgeheimnis ein Auslaufmodell ist. Nur, eine Exit-Strategie erarbeitete niemand. Teils ­wegen der Interessenkonflikte zwischen Gross- und Privatbanken. Aber auch, weil Sprechen unter Strafe stand. Noch 2004, als der Bankier Hans Bär schrieb, das Bankgeheimnis mache «fett, aber impotent», mussten sich seine Bank und seine Söhne von ihm distanzieren.

Sachkundiger Grusel

Das zweite Problem ist das Vakuum. Die Topbanker von heute sind Hochleistungsmanager: drahtige Männer, die im Büro und im Fitnessstudio hart arbeiten. Nur: Zu sagen hat niemand etwas. Die Grossbanken, weil sie längst globale Banken sind, die ihren Sitz zufällig in der Schweiz haben. Die Privatbanken – vielleicht aus Überlastung. Die einst mächtige Bankiervereinigung ist so stumm, als wäre sie tot.

Es ist das totale Vakuum an Strategie, Ideen, Charme, das Konrad Hummler, eigentlich ein Minibankier aus St. Gallen, zum Sprecher des Finanzplatzes wachsen liess.

Als Vehikel diente Hummler ein abseitiges literarisches Genre, das er für sich frisch erfand: der Anlagekommentar. Normalerweise sind dies Prospekte, gefüllt mit Prognosen: mit denen man mal Geld gewinnt, mal nicht. Hummler entdeckte einen Weg, seinen Kunden einen sicheren Gewinn zu verschaffen. Er gab zwar so gut wie keinen Tipp. Aber er gab dem Anleger etwas Wertvolleres: das Gefühl, ein Abenteurer zu sein.

Irrtümer gehören zum Geschäft

Flachköpfe verkaufen Finanzprodukte mit dem Versprechen auf sicheren Gewinn, Könner mit dem Gegenteil. Hummlers Kommentare sind Glanzstücke der Skepsis. Machtgierige Politiker, zerfallende Innenstädte, Inflation, alternde Völker, wuchernde Beamtenapparate bevölkern die Anlagebriefe von Anfang an. Es sind kleine, elegante Orgien der Unsicherheit, die auch den Autor mit einschliessen. Regelmässig betont Hummler, dass Irrtümer zum Geschäft gehören. Dass Scheitern möglich ist. Und betont seine Unsicherheit.

Das Resultat ist kluger, sachkundiger Grusel. Und sicher auch Stolz bei den Kunden. Die Anlage eines Vermögens ist in Hummlers Anlagebriefen kein kühler bürokratischer Akt. Auch keiner der Gier. Sondern einer der Selbstverteidigung. Die eines einsamen Menschen in einer abenteuerlichen Welt.

Vermögende als Verfolgte

Dies ist auch die Pointe der hummlerschen Verteidigung des Bankgeheimnisses: Bei Steuerflucht gehe es um Vermögenserhaltung, nicht um Vermehrung. In dieser Argumentation kann Hummler Dinge sagen, die jeden anderen Banker die Karriere gekostet hätten: etwa, dass ein enormer Teil der 3500 Milliarden Franken verwaltetes Vermögen Schwarzgeld sei. Dass, wer anderes behaupte, lüge. Dass Schwarzgeldkunden mit Gebühren gerupft werden, weil sie nicht klagen können.

Gerade das dient Hummler als Beweis, dass das Gros der Steuerhinterziehung nicht aus Gier, sondern aus Misstrauen stattfindet. Aus Misstrauen gegen den Staat: gegen Inflation, Umverteilung und Kontrolle. In Hummlers Schriften unterscheiden sich totalitärer Staat und Demokratie nur graduell. In den Demokratien wachsen gleichzeitig das Heer der Mittellosen, ihre Ansprüche und die Versprechungen der Politiker. Dies ist die perfekte Basis für Raubzüge auf alle Vermögenden.

Steuerflucht «legitim»

Deshalb deklariert Hummler auch die Steuerflucht als «legitim», ja als «Notwehr». Das Bankgeheimnis wird zum «Asylrecht» und Deutschland zum «Unrechtsstaat». Allein durch die systematische Staatsverschuldung verliere ein Land sein Recht auf Anerkennung durch den darin lebenden Bürger.

Hummlers Verteidigung des Bankgeheimnisses, leicht paranoid und durchaus mit Spass an Knalleffekten, überholt so jede real existierende rechte Partei spielend rechts. Dies ist auch die Bedingung, dass Hummler einige ziemlich präzise Beobachtungen zum Finanzplatz so lang überlebte. Ein traditionell Bürgerlicher hätte die Anlagebriefe – diese Mischung aus Kundenwerbung, Politik und Bekenntnis – nicht überstanden. Doch Rechtsanarchismus gilt in der ­Finanzwelt als anerkanntes Hobby von Selfmade-Reichen: in den USA von Soft­ware­milliardären, in der Schweiz von Financiers wie Hummler oder Tettamanti.

Nebenbei fällt auf, dass es bei Hummlers Scharfblick einen blinden Fleck gibt: Alle stehen unter Verdacht. Nur die Vermögenden nie. Sie sind stets Verfolgte.

Das Scheitern

Warum verspielte ein Mann seine Bank, der, wie er schreibt, den eigenen Irrtum stets für möglich hält?

Der erste Grund ist banal: Ein Wegelin-Banker wurde in London bei der Akquise von Schwarzgeld abgehört, dann in Miami verhaftet. Er stand vor der Wahl: Freiheit oder Details. Danach kannten die Amerikaner Wegelin gut.

Der zweite Grund ist der, dass Wegelin seit 2003 schnell expandierte: von 320 auf 700 Mitarbeiter. Vor allem wuchs die Zürcher Filiale. Schnelle Expansion bedeutet für jede Firma: Verlust der Kontrolle, höhere Fixkosten, Zwang zu neuen Einnahmen. Ein dritter Grund war, dass Hummler in Bankierkreisen von vielen gehasst wurde: weil er sprach. Und alle anderen nicht. Als er Hilfe brauchte, half niemand.

Doch all das ist weniger interessant, als dass – laut «Bilanz» – die US-Kundschaft in der Wegelin-Chefetage über Jahre das hartnäckigste Debattenthema war. Warum machte man das Geschäft? Die Erträge – 20 Millionen – waren für die Bank Peanuts. Warum das Risiko?

Gründe für das Ende

Der wahrscheinlichste Grund ist: Man tat, was man traditionell immer getan hatte. Man gab Geld Asyl. Und bei ­Wegelin sogar aus Idealismus.

Tatsache ist, dass Wegelin einen Spezialisten für Finanzkriminalität angeheuert hatte: einen SVP-Mann, der das Rechtssystem Schweiz für autark hielt. Und dass die Bank die Reichweite der USA unterschätzte. Diese haben die weltweite Finanzinfrastuktur unter Kontrolle, dadurch auch alle Akteure, die sich ihrer bedienen. Wegelin hingegen dachte immer strikt national. Die Bank hatte wenig Know-how.

Tatsache ist auch, dass Konrad Hummler bei seinem Sturz mit seinen Lieblingsthemen glänzend recht behielt: Zunehmende Transparenz, supranationales Recht, eine aggressivere USA und Steuern als politisches Thema Nummer 1 – damit beschrieb er die Gründe für das Ende seiner Bank sehr genau.

Einsamer Finanzplatz

Zu optimistisch war Hummler eigentlich nur in einer Sache: beim Bankgeheimnis. Regelmässig, etwa im Fall des UBS-Whistleblowers Birkenfeld, unterschätzte er die Brisanz. Und beschrieb das System als stabil, gut aufgestellt, fit. Und bei seiner wichtigsten Idee, der Abgeltungssteuer, sah der Pessimist ebenfalls zu viel rosa. Aber das ist längst Geschichte. Konrad Hummler ist nun ein Mann der Vergangenheit. Ob er sein Scheitern verdaut, jetzt, wo es Tatsache ist, wird sich zeigen. Sein lässiger Satz in einem Interview: «Ich lasse das Leben als Banker hinter mir», spricht dafür; seine Klage gegen den CVP-Präsident Darbellay dagegen.

Was bleibt, ist ein einsamer Finanzplatz, stumm, aber offensichtlich hungrig. In den letzten Jahren hat er alle auffälligen Köpfe vertilgt: von Mühlemann bis Ospel, von Grübel bis Hummler. Wer ist sein nächstes Frühstück?

Erstellt: 16.01.2013, 09:10 Uhr

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Politiker verschwören sich gegen «dünnhäutigen» Hummler

So viel Zuspruch hat Christophe Darbellay wohl noch nie erhalten: Politiker von links bis rechts verurteilen die Anzeige von Ex-Wegelin-Banker Hummler. Sie schiessen mit scharfen Worten. Mehr...

Hummler zum NZZ-Rücktritt aufgefordert

Hintergrund Die Klage gegen CVP-Präsident Darbellay verschlechtert die Position Hummlers im Verwaltungsrat der «Neuen Zürcher Zeitung». Im Tessin fordert ein überparteiliches Komitee seinen sofortigen Rücktritt. Mehr...

«Die Schläge scheinen gewirkt zu haben»

Hintergrund Konrad Hummler tritt als NZZ-Präsident zurück – vorerst. Medienexperten werten den Entscheid unterschiedlich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...