Kopf des Tages

Der Hofnarr verfolgt einen ehrgeizigen Plan

Christoph Blochers Schwiegersohn Roberto Martullo ist zur rechten Zeit am rechten Ort. Rückt er nun in den Zürcher Kantonsrat nach?

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Roberto Martullo wettert gegen die Sesselkleber im Nationalrat und damit auch gegen seinen Schwiegervater Christoph Blocher, der seit über 24 Jahren dort sitzt und weitaus der älteste ist. Roberto Martullo macht sich für die Abzockerinitiative stark, möchte das Vermögen von Marcel Ospel, Peter Wuffli und anderen «Landesverrätern» am liebsten einziehen. Und das, obwohl seine Frau Magdalena Martullo-Blocher als Chefin der EMS-Chemie im vergangenen Jahr 1,093 Millionen Gehalt bezogen hat. Ist es Kalkül, oder ist es bloss mangelndes Fingerspitzengefühl? Auf jeden Fall ist Martullo jedes Mal, wenn er dermassen ins Fettnäpfchen tritt, die Aufmerksamkeit der Medien sicher.

Seit gestern fragt man sich zudem: Hat der Mann mehr Glück als Verstand? Gregor Rutz rückt für den zurückgetretenen Nationalrat Bruno Zuppiger nach Bern nach. Der Meilemer Ortsparteipräsident Martullo ist zwar nur dritter Ersatzkandidat. Mit Rolf Zimmermann und Adrian Bergmann stehen ihm aber zwei Parteikollegen vor der Sonne, die 2011 bereits abgewählt wurden. Bergmann sogar bereits zum zweiten Mal. Und wie im Nationalrat, wo ehrgeizige junge Zürcher Kandidaten wie der 40-jährige ehemalige SVP-Generalsekretär Rutz altgediente Schlachtrösser wie Toni Bortoluzzi unter Druck setzen, ist die Partei auch im Kantonsrat daran, sich zu verjüngen.

Keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten des Schwiegervaters

Sollten die beiden angeschlagenen, älteren Anwärter verzichten, wird man Martullo nicht zweimal fragen müssen. Er besucht bereits heute fleissig Kantonsratssitzungen, um sich auf sein zukünftiges Amt vorzubereiten – als stiller Zuhörer. Der ambitionierte Schwiegersohn Blochers, vor etwas mehr als einem Jahrzehnt erst in die SVP eingetreten, könnte also bereits dieses Jahr für die Partei im Parlament sitzen. Man muss es ihm lassen: Martullo ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Mit seiner Art, wie ein Hofnarr auch altgedienten SVP-Recken auf den Schuhen rumzutreten, hat sich Martullo in der Partei aber auch Feinde gemacht. Er missbrauche seinen Status als Schwiegersohn Blochers für seine Kampagnen, werfen ihm viele vor. Und für etwas Medienaufmerksamkeit setze er seine familiären Beziehungen aufs Spiel, glauben andere. Doch Martullo sagt, er scheue ganz einfach die Konflikte nicht: «Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, kann ich nicht auf die Befindlichkeit des Schwiegervaters Rücksicht nehmen.»

Fleissig am gesellschaftlichen Aufstieg gearbeitet

Dafür und für sein Engagement bewundert man ihn im Stillen. Und der Erfolg gibt Martullo recht: Sein aufwendig geführter Wahlkampf hat den Sohn italienischer Einwanderer im vergangenen Jahr von Platz 13 auf der Kantonsratsliste auf den dritten Platz katapultiert. Ähnlich fleissig hatte sich der gelernte Elektroniker zum Marketingprofi heraufgearbeitet, bevor er Magdalena Martullo-Blocher kennen lernte, die damals bei Rivella arbeitete, und sie heiratete.

Seither kümmert sich Martullo um den Garten auf dem ehemaligen Anwesen der Schwiegereltern in Meilen. Er kocht Spaghetti, wenn die Nanny seiner drei Kinder nicht abkömmlich ist, und er vermittelt in seinem Zolliker Büro Kaderstellen. Das alles ergibt noch lange keinen Vollzeitjob. Martullo hat viel Zeit, an seiner Politkarriere zu arbeiten. Auch wenn es diesmal noch nicht klappen sollte mit dem Kantonsrat: Von Martullo wird man noch viel hören.

Erstellt: 12.09.2012, 07:35 Uhr

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Will endlich aufs Podium: Roberto Martullo auf der Besuchertribüne des Zürcher Kantonsrats. (Archivbild 2010) (Bild: Nicola Pitaro)

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