Der Jobmotor der Pharmaindustrie stottert

Stellenstreichungen bei Novartis, Roche und Bayer sorgen für Verunsicherung. Dass Biotechfirmen aus den USA andernorts neue Jobs anbieten, geht beinahe unter.

Auch die bisher resistente Pharmabranche steht vor einem Umbruch: Der Trend geht in Richtung hochspezialisierte Mittel. Foto: Marc Bertrand (Laif)

Auch die bisher resistente Pharmabranche steht vor einem Umbruch: Der Trend geht in Richtung hochspezialisierte Mittel. Foto: Marc Bertrand (Laif)

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Höchst ungewöhnliche Szenen spielten sich Ende November auf dem Theaterplatz in Basel ab. Denn dass Mitarbeitende der gut verdienenden Pharmabranche auf die Strasse gehen, kommt selten vor: Rund 800 Beschäftigte des Pharmakonzerns Novartis machten ihrem Unmut darüber Luft, dass dieser trotz Milliardengewinne bis 2022 rund 2150 Stellen in der Schweiz abbauen will. «Menschen vor Marge» stand auf den Transparenten.

Die nächste Hiobsbotschaft für den Schweizer Pharmastandort steht bereits an: Denn der deutsche Bayer-Konzern will weltweit rund 12'000 Arbeitsplätze streichen. Ein Sorgenkind des Unternehmens ist das Geschäft mit frei verkäuflichen Medikamenten. Das internationale Geschäft dieser Sparte steuert Bayer von Basel aus.

Daher kündigte Felix Reiff, Chef von Bayer Schweiz, vor kurzem in der «Basler Zeitung» an, dass es bei der Belegschaft in Basel «zu einem Abbau kommen wird». Wie gross dieser ausfallen werde, sei noch unklar. Derzeit beschäftigt Bayer rund 1600 Mitarbeitende in der Schweiz. Doch zugleich plant der Konzern auch einen Stellenaufbau: Im Zuge der Übernahme des US-Agrochemieriesen Monsanto will er den europäischen Sitz des Agrogeschäfts in Basel ansiedeln, wodurch 150 Arbeitsplätze entstehen sollen. 

Die Zeit der Massenfertigung ist passé 

Darüber hinaus fallen bei Roche im kommenden Jahr 235 Stellen im Verpackungswerk in Kaiseraugst AG weg. Novartis, Roche, Bayer: Droht nach den Banken jetzt einer weiteren Vorzeigebranche in der Schweiz der Sparhammer? So weit gehen selbst Gewerkschafter nicht. «Per saldo dürfte die Zahl der Stellen im Pharmasektor stabil bleiben», sagt Christian Gusset, Branchenleiter chemische und pharmazeutische Industrie bei der Unia. «Doch die Anforderungen steigen.» Die Massenfertigung von Medikamenten in der Schweiz sei vorbei, der Trend gehe zu hochspezialisierten Mitteln.

Auch der Pharmasektor ist also von einem Strukturwandel betroffen. Denn selbst biotechnisch hergestellten Wirkstoffen droht mittlerweile günstige Nachahmerkonkurrenz. Die Experten des Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics erwarten zwar, dass die Pharmabranche in der Schweiz in den kommenden zehn Jahren rund 4800 neue Arbeitsplätze schaffen wird. Doch das ist viel weniger als in den letzten zehn Jahren, als Roche & Co. noch 12'500 neue Jobs schufen.

«Das Beschäftigungswachstum wird sich weiter abflachen», sagt Michael Grass, Ökonom und Mitglied der Geschäftsleitung von BAK Economics. Statt ein Plus von 4 Prozent im Jahr würde die Branche noch rund 1 Prozent mehr Jobs pro Jahr in den nächsten zehn Jahren schaffen. «Mittel- bis langfristig wird sich das Wachstum bei 0,5 Prozent einpendeln», prognostiziert Grass. Der Jobmotor Pharma, er verliert an Schwung.

Der Stellenabbau bei Novartis ist ein anschauliches Beispiel für den Strukturwandel der Branche. 700 Arbeitsplätze sollen im Werk Stein AG gestrichen werden. Denn hier wird das frühere Erfolgsprodukt Diovan gefertigt, dessen Patent aber 2012 ausgelaufen ist, weshalb die verkauften Stückzahlen eingebrochen sind. Im Gegenzug will Novartis 90 Millionen Franken am Standort Stein investieren, um das Werk fit zu machen für die Fertigung der neuartigen Gentherapien. Bis zu 450 Jobs könnten dadurch entstehen.

Unter dem Strich bleibt dennoch für den Standort Schweiz ein Abbau von 1700 Arbeitsplätzen. Weitere Pläne für einen Abbau gibt es aber nicht, versicherte Novartis-Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt in einem Interview mit Radio SRF: «Da muss niemand befürchten, dass das der Beginn eines weiteren Abbaus sein wird.»

Roche erklärt auf Anfrage, dass der Konzern 2019 per saldo keinen Beschäftigungsaufbau in der Schweiz plant. Ende 2017 beschäftigte der Pharmariese hierzulande 13600 Menschen, gerechnet auf Vollzeitstellen.

Verwaltungsaufgabenwandern ins Ausland ab

Doch die Schweizer Pharmabranche ist mehr als nur Roche und Novartis. So will das US-Biotechunternehmen Biogen 2019 in Luterbach eine neue Produktionsanlage in Betrieb nehmen – 600 neue Jobs entstehen so. Auch die US-Biotechfirma Celgene will im nächsten Jahr eine neue Produktionsanlage in Couvet NE eröffnen, was 100 neue Arbeitsplätze bringen dürfte.

Unia-Gewerkschafter Gusset hofft, dass die Welle der Auslagerung und des Abbaus in der Schweiz ihren Höhepunkt überschritten hat. Doch gleichzeitig setzt auch in der Pharmabranche ein Trend ein, den es in der Finanzwirtschaft schon lange gibt: die Auslagerung von Verwaltungstätigkeiten ins Ausland.

«Diesen Trend zu den sogenannten Shared Services sehen wir auch in der Pharmaindustrie, und das macht uns Sorgen», bestätigt Hansjörg Schmid, Sprecher von Angestellte Schweiz. Auch er glaubt, dass die Zeiten steigender Jobzahlen im Pharmasektor zu Ende gehen.

«Johnson & Johnson hat einen Teil des Personalwesens aus der Schweiz abgezogen», berichtet Gusset. Laut dem US-Konzern sind administrative Aufgaben in ein Service-Center in Prag verlagert worden. Novartis will sogar Managementstellen in globale Service-Einheiten nach Dublin, Hyderabad (Indien) oder Prag auslagern. Bis zu 1000 Stellen sollen in der Einheit «Novartis Business Services» in Basel wegfallen. Auch Roche beabsichtigt, Routinearbeiten in Service-Center zu verlagern. «Wir können nur Tätigkeiten mit hoher Wertschöpfung in der Schweiz behalten», sagt ein Sprecher.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 26.12.2018, 21:14 Uhr

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