Der Knorrli pfeift auf Swissness

Der Schweizer Chef von Unilever stellt in Aussicht, dass die Marke Knorr auf den Verpackungen nicht mehr mit Swissness werben wird.

Steht für Swissness: Der rote Knorrli.

Steht für Swissness: Der rote Knorrli. Bild: Keystone

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Auf dem Beutel der Knorr-Waldpilzsuppe prangt heute ein roter Knorrli und daneben steht: «Schweizer Qualität». Das Produkt wird in Thayngen bei Schaffhausen hergestellt. Mit dieser Reverenz an den traditionsreichen Knorr-Standort, der heute zum Unilever-Konzern gehört, könnte bald Schluss sein. «Wir prüfen, künftig darauf zu verzichten», sagt Alexander Kühnen, der bei Unilever für das Schweizer Geschäft verantwortlich ist. Kühnen ärgert sich über den Aufwand, den er aufgrund des neuen Swissness-Gesetzes befürchtet. «Wir müssten bei allen unseren 600 Knorr-Produkten jedes Jahr nachweisen, dass wir die Regeln erfüllen. Um den ganzen administrativen Aufwand bewältigen zu können, bräuchten wir drei bis vier Vollzeitstellen», so Kühnen.

Laut dem Swissness-Gesetz, das ab 2017 in Kraft treten soll, müssen bei Lebensmitteln 80 Prozent des Gewichts der anrechenbaren Zutaten aus der Schweiz stammen. Beim Beispiel Milchschokolade würde dies heissen, dass die Herkunftsregel auf die Bestandteile Milch und Zucker angewendet würde. Nicht aber auf den Kakao, der nicht aus der Schweiz bezogen werden kann.

Das Kreuz mit dem Kreuz

Nicht mehr konform wäre das Schweizer Kreuz, wie es heute auf der Verpackung des Knorr-Produkts Stocki express angebracht ist, aus einem weiteren Grund. Bei den Zutaten handelt es sich zwar um «Schweizer Kartoffeln», wie auf dem Beutel vermerkt ist. Hergestellt wird der Express-Stocki aber in Deutschland. Das Swissness-Gesetz schreibt vor, dass bei Lebensmitteln nicht nur die Zutaten zu 80 Prozent aus der Schweiz stammen müssen, sondern auch der wichtigste Herstellungsschritt hier erfolgen muss.

Unilever ist nicht der erste Lebensmittelhersteller, der gegen die Swissness-Vorlage Stellung bezieht. Der Toblerone-Konzern Mondelez erwägt, auf der Verpackung den Hinweis «of Switzerland» und das stilisierte Matterhorn zu entfernen, wie die «Handelszeitung» kürzlich berichtete. Gleichzeitig stellte der zuständige Schweiz-Chef Daniel Meyer in Aussicht, das Milchpulver in Zukunft aus dem Ausland zu beziehen. Zuvor hatte bereits Nestlé bekannt gegeben, dass das Schweizer Kreuz bei einigen Produkten entfernt werde. «Der Mehraufwand, der mit der Verwendung von Schweizer Rohstoffen verbunden ist, lohnt sich für uns nicht bei allen Produkten», sagte Andreas Richner, Chef-Lobbyist von Nestlé, ebenfalls gegenüber der «Handelszeitung».

Unilever-Mann Kühnen pflichtet bei: «Wenn wir kein Schweizer Kreuz mehr auf der Verpackung anbringen, fehlt eine wichtige Motivation, die Rohstoffe in der Schweiz zu beziehen.» Und er rechnet mit entsprechenden Folgen: «Die Ironie ist, dass die Landwirtschaft, die für die Swissness-Vorlage mitverantwortlich ist, meines Erachtens am meisten Schaden nehmen dürfte.» Er findet es «irritierend, dass mit der guten Absicht, den Standort Schweiz zu stärken, genau das Gegenteil bewirkt wird».

Die Bierbrauer waren erfolgreich

Es ist auffällig, dass gerade jetzt in Sachen Swissness Druck aufgesetzt wird. Auch politisch und mit Verweis auf den starken Franken, der bereits eine Herausforderung darstelle. Mehrere Vorstösse wurden eingereicht mit der Forderung, die Swissness-Vorlage «möglichst einfach und praktikabel» zu gestalten beziehungsweise sie zu «sistieren oder für mindestens fünf Jahre aufzuschieben». Das Kalkül: Solange die Verordnung nicht finalisiert und beim Bundesrat ist, lässt sich noch etwas raus­holen. Die Bierbrauer waren dabei kürzlich erfolgreich: Der Bundesrat wird die Verordnung anpassen, damit das Schweizer Wasser als Zutat angerechnet wird, wenn es für das Getränk «wesensbestimmend» ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2015, 12:19 Uhr

Swissness-Vorlage: Verordnung auf der Zielgeraden

Seit 2007 beschäftigt sich das Parlament mit der Swissness-Vorlage. Sie regelt, wann ein Produkt mit der Bezeichnung Schweiz und dem Schweizer Kreuz beworben werden darf. Das Gesetz ist mittlerweile verabschiedet, der Verordnungsentwurf gelangt im April und Mai in die Rechtskommissionen der beiden Räte. Bei Lebensmitteln ist die Voraussetzung, dass 80 Prozent des Gewichts der anrechenbaren Zutaten aus der Schweiz stammen müssen. Ob und in welcher Menge eine Zutat in der Schweiz verfügbar ist und wie hoch der Selbstversorgungsgrad ausfällt, wird dabei berücksichtigt. Entsprechend werden einzelne Rohstoffe (etwa Kakao, Kaffee) gar nicht eingerechnet. Bei Industrieprodukten gilt, dass 60 Prozent der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen müssen, dazu zählt der Aufwand für Forschung und Entwicklung, Material sowie Fertigung. Der Zeitplan sieht vor, dass die Swissness-Vorlage auf Anfang 2017 in Kraft treten soll, mit Übergangsfristen bis Ende 2018. (map)

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